Der tolle Heiner
Mit leuchtenden Augen kam mein Sohn von seiner ersten Teenager-Übernachtungsparty zurück, ein bisschen irre leuchtenden Augen. Er roch leicht nach Ethanol und Kotze. So muss das sein, dachte ich – sturmfreie Bude und mal was ausprobieren, sich lösen von den Alten und erwachsen werden!
Im Laufe des Tages schlich ich mit Schnittchen und frischer Wäsche in sein Zimmer, um mehr über den Verlauf der letzten Nacht zu erfahren.
Ja, es gab Alkohol, aber nur »Berentzen Saurer Apfel« und »Batida de Coco«. Aber ich solle gefälligst nicht ausflippen, schließlich waren die Eltern von Vince immer dabei. »Immer?«, fragte ich lauernd und bot meinem kleinen Trinker die Chance, seine Lüge zu korrigieren. Aber er blieb dabei.

Es lief nämlich so: Erst waren alle zusammen einkaufen. Die Eltern bezahlten den Alk und fuhren die Taschen nach Hause. Dann wurden Muffins gebacken, mit denen man einander zu vorgerückter Stunde beworfen habe.
Der Papa von Vince erklärte dann, wie Flaschendrehen geht, weil – das hätten sie noch nicht gewusst. Und die Mutter legte ihre BRAVO-Hits-CD von 1998 ein. Das fanden alle mega cool. Dr. Alban und Ace of Base, voll die geile Mucke! Danach jagten sich alle mit Nerfs durch die Wohnung und die Eltern versteckten sich kichernd im Schrank, wo sie leicht gefunden und »verhaftet« wurden – offenbar der Höhepunkt der Orgie. Am Morgen fuhr der Papa unter Restalkohol (»echt savage«!) alle Teenager nach Hause und gab jedem noch eine Playstore-Gutscheinkarte mit.
Ich dachte: »Die Alten sind doch pervers!«, behielt das aber für mich. Mein Sohn nannte sie Silvie und Heiner und richtete mir ihre ganz lieben Grüße aus. Solche Eltern wünsche er sich auch, maulte er.

Die Super-Eltern eines Einzelkindes hatten mittlerweile Beweisfotos der »mega krassen Übernachtungsparty« unserer Jungs in die Chatgruppe gestellt. Wie glückliche Teenager auf Klassenfahrt sitzen die Silvie und der Heiner inmitten der frühreifen Horde auf dem Designer-Teppich und spielen »Wahrheit oder Pflicht«. Die Mutti im BH, der Papa ohne Hose.
Niemand in der Chatgruppe schien das bemerkt zu haben geschweige denn irritierend zu finden außer mir. Im Gegenteil. Sämtliche Elternpaare bedankten sich brav bei den lustigen Veranstaltern und versprachen: »Das nächste Mal sind wir aber dran!«
Ob mein Sohn denn auch wolle, dass ich, seine liebe Mama, dabei bin, wenn bei uns gefeiert wird, fragte ich. Er lachte laut auf (es klang ein wenig herablassend). Das wäre doch zu peinlich. Aber die Eltern von Vince und den anderen Jungs seien mega cool, obwohl sie auch schon voll alt sind. Aber die haben richtig viel Kohle und stehen auf Fun-Sport.
Dass ich mein Kind doch nicht zu einem oberflächlichen Schmarotzer erzogen habe, wollte ich sagen und tat es nicht. Jetzt keine Vorwürfe, sondern in die Offensive gehen. Womit könnte ich diese Gören beeindrucken, fiele die Ehre, Gastgeberin zu sein, auf mich? Vielleicht mit einem Schokobrunnen oder einem Tischkicker? »Stadt Land Fluss« oder einem Picknick auf dem Balkon?
Die Chatgruppe war aber schon weiter. Die Winterferien standen vor der Tür und die Eltern wurden von großer Reiselust erfasst und von Erlebnishunger geschüttelt:
- »Bros, wer kommt mit in den Indoorkletterpark, Übernachtung inklusive?!«
- »Snowboarden und Chillen in den Alpen, wer hat Bock?«
- »Strandsurfen und Poolparty an der Nordsee, wir haben genug Platz für alle Kumpels.«

Mein Sohn wollte die Angebote in Ruhe prüfen und mich »zu gegebener Zeit« informieren, mit welcher Familie er die Ferien zu verbringen gedenke. Und ich solle mich nicht sorgen, Geld spiele bei denen keine Rolle.
Bis es aber so weit war, bekam ich noch eine Gelegenheit, mich bei seinen Kumpels einzuschleimen. Sie kamen nach der Schule zu uns, um zu zocken. Den Kuchen hatte ich schon im Ofen, das Gulasch auf dem Herd und mein vorteilhaftes Make-up im Gesicht. »He, Digga! Was geht?«, begrüßte ich sie, wie es sich gehört. Mein Sohn starrte mich an, als sei ich der Weihnachtsmann und sagte zu seinen Kumpels: »Guckt nicht hin – die ist cringe, zu viel Kaffee wahrscheinlich.« Und sie verschwanden im Kinderzimmer.
Mit dem Kuchen bewaffnet versuchte ich später noch einmal, die Herzen der Freunde zu erobern. »Yalla! Das war voll goofy grade. Ich wollte nur vorschlagen, Bros … ihr könntet in den Ferien alle zusammen in unser halbes Haus nach Thüringen fahren, allein, ohne Eltern, mal richtig fly sein.«
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Das Gesicht meines Sohnes verfärbte sich so dunkelrot wie damals, als er einmal versuchte, einen Legostein auszukacken. Ich war kurz davor, diese lustige Anekdote zum Besten zu geben, als mir die Tür vor der Nase zugeknallt wurde.
Da stand ich mit meinem Kuchen, dem vorteilhaften Make-up und der Erkenntnis: Ein halbes Haus in Thüringen ist nicht fresh genug für diese Jungs. Und ich tröstete mich: Vielleicht liegt es an der AfD.
Die Ferien rückten näher und mein Junge wurde nervös. Jeder der Freunde wollte ihn bei sich haben, natürlich mit den jeweiligen Eltern. Denn diese waren spendabel, für jeden Joke zu haben und permanent auf Fun aus.
Das ist bei uns leider anders. Wir basteln die Pizzakartons und backen die Pizza selber. Mein Mann spielt gern Lieferservice. Richtig Fun haben wir beim Tischtennis, und Teenagerhumor macht mich aggressiv.
AnzeigeIch beschloss also, meinen Sohn der meistbietenden Familie zu überlassen und die Ferien nach meinem Geschmack zu verbringen: im Bett, mit Netflix und Rotwein.
Doch das Schicksal wollte es anders. Der coole Heiner schenkte der ganzen Bande Fußball-Tickets. Das Spiel der Saison, »mit krassen Fans und Choreo«, erklärte mir der Sohn und wickelte sich in seinen Hertha-Schal.
Die Bros ließen sich vom Heiner ins Stadion chauffieren, nahmen die vom tollen Heiner spendierten Colas und die Bratwürste entgegen. Als aber die Jungs brüllten: »Hier kommt Hertha, scheißt euch in die Hosen, die Kurve ist am Toben! …«, konnte Heiner in Unkenntnis dieser Folklore nicht mithalten – er kreischte stattdessen in einer sehr stillen Spielminute: »Du Knalltüte, du, ran ans Leder!«
Die Jungs wurden bleich. Mit was für einem »Flexer«, einem »Fakefan« waren sie hier unterwegs? Das ganze Stadion hatte wahrscheinlich mitgekriegt, dass dieser Typ zu ihnen gehört. Vince soll heimlich geweint haben, obwohl Hertha knapp gewonnen hat. Und für den Rückweg nahmen sie die Bahn …
Die Elternchatgruppe ist wieder nur was für die Erziehungsberechtigten und voller geiler Essensfotos und Wochenendtipps. Die Kinder planen jetzt alleine. Das halbe Haus in Thüringen ist immer noch zu lame und ich bin nach wie vor cringe, was sicher als Kompliment zu verstehen ist.
FELICE VON SENKBEIL

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