Spende bei Auslass

Die Spende bei Einlass kennt jeder. Sie ist tausend Jahre alt. Die allmächtige Kirche hat sie erfunden – die Kollekte. Zahlst du, wirst du zu einem unbefristeten Wellnessurlaub bei geistigen Getränken ins Himmelreich eingelassen. Wenn nicht, erwartet dich ein Siechtum auf Sozialhilfeniveau.

Effektiver sind jedoch Spenden bei Auslass – du kommst aus der Bude ohne Verluste einfach nicht mehr raus. Z. B. aus meinem Bäckerladen. Dort steht auf dem Tresen ein Schildchen: »Wir sind immer für Sie da – für ein knuspriges Brötchen am Morgen, für ein duftendes Brot am Abend. Spenden Sie bitte, was Ihr Herz Ihnen sagt: 2, 4, oder 5 Euro! Danke!«

HEIKO SAKURAI

Offenbar hat eine Schulung stattgefunden, das Timing stimmt: Die Fachverkäuferin hat das Wechselgeld schon im Händchen, blickt dann lächelnd erst auf das Schild und dann fragend mich an. »Stimmt so«, sage ich verzweifelt und beschämt.

Ähnlich raffiniert gehen die Gastronomen vor, die bekanntlich akut von Armut betroffen sind. Bereits beim Studium der Speisekarte wird dem Gast klar, dass er sich in Geiselhaft befindet: »Bitte haben Sie Verständnis, dass wir die Senkung der Mehrwertsteuer für Gastronomie nicht vollumfänglich«, sprich: überhaupt nicht, »an unsere Gäste weitergeben können.«

Wenn man gegessen und getrunken hat, kommt eine finster blickende Serviererin und druckt die Rechnung aus. Ganz unten steht: »Unsicher mit dem Trinkgeld? Das muss nicht sein. Wir freuen uns über 10 Prozent« – eine klassische Auslassspende! Die Kaltmamsell steht am Tisch und wartet. Ihr Gesicht sagt: Ich habe Zeit.

Die Spende bei Eintritt ist nicht völlig tot. Allerdings scheitert sie oft. Zum Beispiel in Venedig. Weil die Touristen nur schleppend konsumieren (in den Bussen, mit denen sie anreisen, sind ihre Stullenpakete deponiert), versucht die Stadt mit einem Eintrittsgeld ihrem Untergang zu entgehen. Aber Touristen sind erfinderisch. Auf Schleichwegen zu Lande, zu Wasser und aus der Luft schaffen sie es, die Drehkreuze zu meiden und ohne zu zahlen bis auf den Marcusplatz vorzudringen. Die Stadtverwaltung erwägt nun eine Spende bei Auslass: Sämtliche Toiletten in der Stadt verriegeln sich bei Benutzung automatisch – dann blinkt ein Display auf: Zahle, oder dein Bus fährt ohne dich ab!

Auch Köln versucht es noch mit einer Spende bei Einlass. Daherschlurfende Ungläubige, die Gaststätten aus Geiz meiden und im Dom aus ihren Wasserflaschen trinken oder ein Nickerchen machen wollen, sollen zahlen. – Es sei denn, sie beten, das ist kostenlos und lediglich Kollekte-pflichtig. Das führt an der Kirchentür natürlich zu endlosen Diskussionen, bei denen Touristen mit Zitaten (»Jesus sprach zu seinen Jüngern …«) ihren Glauben beweisen wollen. Auch hier ist die Einführung der Spende bei Auslass nur eine Frage der Zeit.

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Manchmal entdeckt man diese Zahlungsaufforderung zu spät, dann sitzt man in der Falle. Man achte auf ein kleines Schild: »Spende bei Auslass!«

Die Leute, die es gelesen haben, sitzen wie auf Kohlen im Theater. Paare streiten halblaut: »Wie viel wollen wir für die Scheiße da vorne auf der Bühne geben? Zwei Euro?« »So wenig? Das kannst du nicht machen …« »Und ob ich das kann!« Manche versuchen (»Wir müssen zum Bus«) in den Schlussbeifall hinein zu den Toiletten zu gelangen. Da wollen sie hocken, bis die Luft rein ist. Oder sie wagen die Flucht durch den Ausgang. Aber dort ist vorgesorgt. Wie’s der Zufall will, steht im Gang ein Besenstiel quer oder ein Kellner schiebt einen Küchenwagen vor die Füße oder der Regisseur des Abends sucht das Publikumsgespräch – ein feuerpolizeilich heikler Moment …

Die Spende bei Auslass ist stets in einen lustig bemalten Teller zu entrichten, nicht etwa diskret in einen Schlitz. So können die Umstehenden kontrollieren, wer wie viel gibt. Oft stellt man eine adrette Person an den Teller, die unablässig ruft: »Hat es Ihnen gefallen, ja?« oder, bei einer Auslassgroßspende: »Oh, so toll hat es Ihnen gefallen!«

Einmal hatte ich einen ambulanten Arzttermin im Krankenhaus. Ich war pünktlich, aber der Doktor saß noch in der Kantine. Also machte ich einen Bummel übers Gelände. Plötzlich stand ich vor der Leichenhalle.

Ich klinkte (reine Neugier!) und sah – ein Zettel klemmte in der Tür:

»Unsere Mitarbeitenden sind stets mit Leidenschaft und Engagement dabei, Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Wir finden, sie haben eine Anerkennung verdient. Spenden Sie 2, 4, oder 5 Euro. Danke! Die Geschäftsführung.«

Darunter hat ein Spaßvogel gekritzelt: »Spende bei Auslass!«

Geb’s Gott, dass der jetzt nicht da drin in der Halle liegt!

MATTI FRIEDRICH

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