Kälter, aber teurer
Wie kommen unsere Leser mit der arktischen Kälte zurecht? Ziehen sie sich härene Schlüpfer an? Legen sie sich mit ihren Haustieren (beim Hund 39, beim Hausschwein komfortable 39,5 °C) in Omas dickes Federbett, das schon Flucht und Vertreibung überstanden hat? Essen sie bereits zum Frühstück fettes Fleisch? Wir haben unseren Außenreporter MATTI FRIEDRICH losgeschickt – nach Bayern, in die Alpen, denn dort spitzte sich die Lage Anfang Februar gefährlich zu. Er fuhr bei polaren Temperaturen und mit klirrenden Schneeketten in Oberstdorf ein. Dort sanken die Temperaturen vom 5. zum 6. auf 16 Grad – minus!

Hier sein erschütternder Bericht.
Als ich in das berühmte Städtchen einfahre, sehe ich am Straßenrand verhuschte und schlotternde Gestalten. Prostituierte? Dealer? Gestrandete Langläufer? Nein, steifgefrostete Oberstdorfer wie du und ich! Sie machen einander Zeichen – der Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger –, formen stumme Worte – eines lese ich ihnen von den blauen Lippen ab: »Gasmangellage«. Ein ekliges Wort, ein Wort, so furchtbar wie »Fliegeralarm« oder »nässende Nasenfistel«! Die Leute hier sind sich sicher: »Gasmangellage« – das Wort kommt direkt von Katherina Reiche (was nicht stimmt: Habeck hat’s erfunden). Es hat den Anschein, als sei sie nicht beliebt …
Was der Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger bedeutet? Damit zeigen sich die Menschen in Zentimetern die Hektoliterzahl an Flüssiggas an, die Bayern bis Aschermittwoch zur Verfügung steht. Berufene Oberstdorfer haben einander die ganze Nacht mit der Beobachtung der Gasspeicher-App abgelöst. Vor Tagesanbruch dann die Hiobsbotschaft: Zwei von drei bayerischen Gasgroßspeichern melden »Alarm!« – d. h. man kann in der App direkt zugucken, wie sie auslaufen! Ginge es nicht um Gas, sondern um Bier, müssten die Kneipen im Freistaat sofort schließen. Der bayerische AfD-Chef hat es schon ausgerechnet: Vor dem zweiten Fastensonntag sind die Bayern erfroren – nur seine Wähler hätten eine Überlebenschance, weil in ihnen ein nationales Feuer lodert.

Oma Grete ist nur noch ein Nervenbündel. Sie schlottert, die Stube ist eiskalt. »Wir drehen nur noch wenig auf«, sagt sie, »damit Bayern ein paar Tage länger durchhält – vielleicht bis der Russe kommt …« – ein müder Scherz in diesen trüben Tagen!
Sie schleppt sich zum Heizkörper, streichelt ihn, spricht fast zärtlich mit ihm, dann sagt sie, und ein kleines Lächeln erhellt ihr Antlitz: »Furzwarm! Aber noch kommt was!«
Ihr Mann Oskar kommt aus der Schlafstube, in dicken, langen NVA-Unterhosen. Die beiden alternieren – sie schläft nachts, er am Tag. »So kann jeder aufpassen, dass der andere im Tiefschlaf nicht erfriert, wenn die Heizung plötzlich kalt wird«, sagt Grete.
Oskar stammt von drüben. In der DDR, sagt er, gab es auch schon mal eine lebensbedrohliche Mangellage – die Bohnenkaffeemangellage. Da wurden die Kaffeetüten eben mit Sägespänen aufgefüllt. Da hat man die Menschen jedenfalls nicht mit Füllstandsmangelmeldungen in Panik versetzt. Ja, Panik! »Wir hier können doch nicht in einem warmen U-Bahnhof übernachten wie die Leute in der Ukraine – unsere nächste U-Bahn ist in München!« Hätte es eine Agenturmeldung »Bayerische Gasspeicher sollen alsbald aufgefüllt werden – voraussichtlich sogar bis zum Eichstrich« nicht auch getan?
Satire & Humor per E-Mail
Der EULENSPIEGEL-Newsletter erscheint Dienstag und Donnerstag mit auserwählten Beiträgen.
Oma Grete schaltet den Fernseher an. Da sagt die Ministerin gerade: »Es besteht kein Grund zur Sorge.« Aber der Oskar hat »dieses Weib« durchschaut (er war im Osten auf Parteischule): »Die wird direkt von EON geschmiert«, sagt er. Er erklärt das so: Wenn nach der nunmehr herrschenden Alarmstufe als nächstes der Gasmangel-Notstand ausgerufen wird, dann, sagt das Gesetz, wird der Preis für Gas nicht mehr vom Anbieter, sondern sofort direkt vom Staat festgesetzt – ein sehr hoher Preis natürlich, um bei der Bevölkerung den Gas-»Spardruck« zu erhöhen. Da freut sich dann auch die Westenergie AG (Frau Reiches politische Heimat). Den Werbeslogan für diese Aktion hat Oskar schon fertig (gegen einen Preisnachlass): »Kälter, aber teurer!«
Er lacht: »Schreiben Sie das, Herr Friedrich! Ein Wortwitz!«
Er sieht so aus, als sei ihm ein bisschen warm geworden.

Auslese
- Kälter, aber teurer
Matti Friedrich - Der tolle Heiner
Felice von Senkbeil - Komm in die Hocke!
Matti Friedrich - Das Arschloch ist sehr wichtig
FERNSEHEN Felice von Senkbeil - Alle gaga oder was?
Felice von Senkbeil - Gesicht zeigen
Mathias Wedel


