Komm in die Hocke!

Oft habe ich im Internet letztgültigen Rat gesucht und gefunden, wie man sein Leben praktisch lebenslänglich verlängern könnte. Man muss dann nur das Herz anklicken oder »unten abonnieren« und schon ist man eingetreten ins Reich der annähernd Unsterblichen.

Manchmal sind das schlichte Verbote (keine Haferflocken!) und manchmal soll man einfach nur öfter die Luft anhalten. Oder man soll getrocknete Disteln und zwei Teelöffel Mäusekot in sein Kopfkissen stopfen und das Ganze leicht feucht halten. Und Überfahrenlassen soll man sich besser nicht! Manchmal aber soll man auch aktiv werden. Neulich sagte einer – er trug ein Stethoskop um den Hals, zum Zeichen, dass er per WLAN auch eine Prostata zähmen könnte: »Warum wohl sitzen die Inder alle in der Hocke? Die Inder! Die sind doch auch nicht dumm. Denken Sie mal darüber nach – und vergessen Sie nicht, mich zu abonnieren!«

Tja, die Inder. Nein, dumm sind die nicht, auch wenn es albern aussieht, wie ihre Hintern da knapp über dem Boden schweben. Und das bei einer Großmacht! Vielleicht, dachte ich, haben die Briten den Stuhl nach Indien gebracht – das Sitzen quasi kolonisiert – und der Stuhl wird als Zeichen stillen Widerstandes immer noch abgelehnt: Hocke!

Beim nächsten Mal ließ der Net-Doktor die Katze aus dem Sack: In Indien gibt es die meisten Überhundertjährigen. Auch seinen letzten Atemzug macht der Inder in der Hocke (und hockend lässt er sich auch verbrennen). Was der Doc nicht sagte: dass es in Indien die meisten Überhundertjährigen gibt, liegt natürlich nur daran, dass es so viele Inder gibt.

Dann wurde die Hochbetagtenberatung im Netz von einer höchstens mit einem Schlüpferchen bekleideten Schönheit übernommen. Sie ging für mich lachend mehrmals grazil in die Hocke. Ha, dachte ich grimmig, der fehlt es ja sogar an künstlicher Intelligenz!

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Aber in der Sache war sie glaubhaft: Halb Afrika, sagte sie, verbringt den Tag in der Hocke. Chinesen und Taiwaner hocken gleichermaßen, wenn auch politisch miteinander quasi im Kriegszustand. Die Russen fangen auch schon an – zumindest die im Schützengraben. Gebrechen des Alters, wie den Hammerzeh, freiliegende Zahnhälse oder »das gefürchtete Nachtröpfeln« (Apothekenrundschau) heilen diese Völker in der Hocke. In unserem Kulturraum ist die Hocke dagegen schlecht beleumundet. Sie gilt quasi als Arbeitsverweigerung. In meiner Lehrzeit bei der Jenenser Stadtreinigung bekam ich oft zu hören: »Komm aus der Hocke, Junge!«

Hocke ist nicht gleich Hocke. Eine Hocke, bei der man sich auf die Fußbank fallen lässt (tiefer geht es vorerst sowieso nicht), und das Steißbein stöhnt, ist keine! Den Anus konzentrisch kreisend, soll man einen imaginären Landepunkt fixieren, um dann dauerhaft darüber zu schweben. Als Hilfsmittel empfehlen Hocke-Trainer: Denken Sie an eine heiße Herdplatte.

Ich war begeistert dabei. Doch dann befiel mich die woke Krise: Als alter weißer Mann den Indern die Hocke nachzuäffen – ist das nicht ein krasser Fall kultureller Aneignung? Ich tröstete mich schließlich mit der Überlegung, dass die meisten Staaten, in denen gehockt wird, von uns alten weißen Männern die Atombombe übernommen haben – da werde ich doch wohl ihre Hocke kriegen können.

Es hockt sich derweil schon recht gut. Nur Klavierspielen geht nicht mehr. Und hockend einen heißen Topf vom Herd zu ziehen, ist eine artistische Leistung. Im Supermarkt sagen die Kinder: »Guck mal, Mama, der arme Mann!« Und wenn ich den Einkauf nach Hause trage, halten manchmal Lastenradfahrer an und wollen mich ins Gepäckfach heben. Dass man als Hocker von den Frauen gemieden wird, ist übrigens ein Vorurteil – viele Inder haben Frauen.

Auto fahre ich ganz konventionell – ich müsste sonst die Pedale mit den Händen drücken. Aber wenn ich aussteige – schwups bin ich in der Hocke!

Kürzlich, A9 Raststätte Osterfeld, wo das Pinkeln so teuer ist wie eine Berliner S-Bahn-Fahrt und das Koten nicht mit Gold aufzuwiegen. Ich suchte Erleichterung. Und nicht nur ich: Da, im Dämmerlicht, im Parkraumbegrenzungsgehölz, als habe sich ein Schwarm schwarzer Vögel nachtfertig gemacht, hockten sie: Frauen, Männer, Kinder, Haustiere und, wie es der Zufall fügte, ein höchstbetagter Inder! Und zwar in einer Hocke, die (bei aller Diskretion) aus allen Himmelsrichtungen anerkennende »Oh!« und »Ah!« hervorrief.

Sieh an, sagte ich zu mir. Dank TikTok hat die moderne Gerontologie eine erhebliche Breitenwirkung entfaltet.

MATTI FRIEDRICH

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