Bitte mal die Flanke tätscheln!
FERNSEHEN
Kranksein ist im Fernsehen längst nicht mehr so schön wie früher in der Schwarzwaldklinik: Die liebevolle Aufmerksamkeit einer jungfräulichen Krankenschwester („Na, was haben wir denn angestellt?“), der tröstende Ton von Professor Brinkmann („Keine Sorge, gestorben wird später“), und am Ende ein zufriedener Privatpatient allein in einem lichtdurchfluteten Zwei-Bett-Zimmer mit der Aussicht auf Genesung … alles verlogen und realitätsfern: Das war einmal, das kommt nie wieder!
Die Öffentlich-Rechtlichen setzen auf Notärzte im Dauerstress, auf Schmerz und Leid, überfüllte Krankenhausflure, wütende Patienten (gern alkoholisiert), dramatische Diagnosen und grauenvolle Wunden. Statt Trost nur Häme: „Joi, das sieht ja gar nicht gut aus!“ Es wird gelitten, gespart und gestorben.
Doch es gibt auch die andere, die heile Welt. Das ist die Welt der Veterinäre. Dort ist der Tod meistens eine Erlösung, vor allem für die zahlenden Tierhalter. Und schnell kommt ein neues, knuffiges Hundebaby um die Ecke gewackelt.

Tierarztserien haben viel zu bieten, besonders im Zwischenmenschlichen. Selbst schlechte Schauspieler müssen die vierbeinige Konkurrenz nicht fürchten. Die bleibt meist stumm und fällt niemals aus, ist am Set nie besoffen und macht keine sexistischen Sprüche. Das Catering gibt’s spottbillig aus der Dose.
„Die Maiwald“ ist die Neue im ZDF. Eine meist lächelnde 50erin, gefangen in ihren Outdoorhosen und ihrer Bindungsstörung, gespielt von Doris Schretzmayer. Sie ist, geografisch bedingt, die einzige Tierärztin weit und breit. Sie lebt und arbeitet in einer Alpenidylle, umgeben von herzigen Menschen und niedlichen Tieren. Obwohl sie nah am Burn-out vorbeischrappt, hört sie geduldig zu, wenn der Bauer jammert und der Bürgermeister fremdgeht. Nebenbei zapft sie der Kuh routiniert Pansensaft ab oder schiebt dem Wellensittich ein Zäpfchen in den Po.
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Natürlich wird die Maiwald nicht lang allein bleiben, denn sie kann zwar Tieren ihr Lächeln schenken – aber irgendwann muss da auch einer sein, der zurücklächelt …
Da geht es ihr wie der Frau Doktor Maja Freydank – wieder ein sprechender Name! „Freydank“ – da weiß man schon, wer da kommt.
Bettina Zimmermann spielt die geschiedene Tierärztin in der ostdeutschen Provinz, im hübschen Naumburg (Saale). Auch hier ist die Welt in allerbester Ordnung. Man kann vor der Arbeit stand-up-paddeln und kommt mit dem Rennrad lebendig in der Praxis an.
Maja ist eine heiße Milf und eine herzenswarme Tierfreundin. Während sie dem Rammler das Gedärm abtastet, spürt sie den Leidensdruck des jungen Kaninchenfreundes. Der ist eine Halbwaise und tut sich mit der neuen Patchworkfamilie schwer. Das Haustier kann nicht nur bald wieder koten – es bringt schließlich auch alle handelnden Personen in Harmonie zusammen, es ist also jeden Euro Arztkosten wert gewesen.
Jawoll, beim Tierarzt geht es nicht nur um Leben und Kot, da geht es auch immer um die Kosten. Anders als in der Humanmedizin wird der Tierarzt nur im absoluten Notfall kontaktiert. Einmal Stuhlprobe abgeben kostet so viel wie zwei Big-Mac-Menüs.

Deshalb sind auch Dokus aus der Tierarzt-Praxis beliebt. Die helfen dem Tierhalter, echt Geld zu sparen, wenn er sich Kniffe und Tricks abguckt. Vielleicht kommt ja die verschluckte Reißzwecke von selber aus dem Tier raus – wenn man ordentlich schüttelt. Auch ein gebrochenes Katzenbeinchen zu gipsen, ist kein Hexenwerk. Oft kommen die besorgten Tiereltern ganz umsonst, weil der Fiffi simuliert oder die Ratte nur die Mauser hat. Das ist dann ärgerlich, für die Besitzer und die Doku-Regie.
„Die Tierärzte – Retter mit Herz“ vom NDR rührt schon seit Jahren Millionen Tierfreunde. In der Kleintierpraxis auf Sylt kommt alles zusammen: knuddelige Vierbeiner, eine patente Veterinärin und ihr fröhliches Team. Die Nichte wird bald als Tierheilpraktikerin einsteigen und mit Pferdeyoga und Akupunktur noch mehr Gutes tun. Denn: „Gutes tun ist unsere Herzensangelegenheit!“
Auch das Moseltal ist wunderschön. Hier kümmert sich ein glückliches Ehepaar um die „Fellnasen“. Ein Familienbetrieb voller Harmonie und ohne Geldsorgen. Ein alter Collie bekommt ein künstliches Kniegelenk, der Vater des Arztes, ein Internist im Ruhestand, steuert sein Wissen bei, und alle sind happy. Kredite werden abgezahlt, Erbe wird verteilt, Familiengeschichten werden erzählt.
Und noch mal viel schöner ist unser schönes Deutschland am Starnberger See. Hier werden türkische Straßenhunde, die „Gott sei Dank“ über irgendeinen Tierretter-Verein hier gelandet sind, mit Liebe aufgepäppelt. Über Geld redet auch hier niemand, das hat man.
Der menschliche Kassenpatient könnte blass werden vor Neid und sich heimlich wünschen, dass ihm der Hausarzt auch mal liebevoll die Flanke tätschelt und sagt: „Gut gemacht, braves Kerlchen!“ Und mit einem Leckerli ist die Welt wieder in Ordnung.
FELICE VON SENKBEIL
AnzeigeAuslese
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