Muss man als Demokrat die Fascho-WM in den USA boykottieren?

Die Fußballwelt ist tief gespalten in Links-und Rechtsfüßler. Darf man eine Weltmeisterschaft in einem Land unterstützen, das von einem rassistischen Mikropenis mit pädophiler Vergangenheit und imperialistischer Gegenwart regiert wird? »Mir doch egal«, sagen die einen, »Interessiert mich nicht«, die anderen. Und dann gibt es noch all jene mit der moralischen Haltung: »Fußball geht mir am Arsch vorbei.« In diesem aufgeheizten Klima wollen wir den Graben in der Gesellschaft weiter vertiefen mit einem Pro und Contra, bei dem zwei international angesehene Großfunktionäre und Kreisligadenker sich gegenseitig die Argumente reinsemmeln.

Guido Sieber

PRO

Sepp Blatter, Ex-FIFA-Präsident und Ehrenpräsident des 1. FC St. Paul

Die WM an die Vereinigten Staaten von Amerika zu vergeben, war von Anfang an ein großer Fehler. Die USA haben so wenig mit Fußball am Hut wie Norwegen mit Kamelrennen. Noch nie hatte ich vor einem Turnier so große Angst. Wir müssen in diesem Land der unbegrenzten Unberechenbarkeiten mit allem rechnen – zum Beispiel, dass der Anstoß in New Jersey oder Atlanta mit einem eiförmigen Leder erfolgt oder die Fußballmatches nach der Anzahl der Touchdowns oder Homeruns gewertet werden.

Mir ist völlig schleierhaft, wie diese Vergabe zustande kommen konnte. An mich ist jedenfalls nie auch nur ein einziger Rappen geflossen. Daher wiederhole ich gern das Zitat, mit dem ich bereits auf »X« blutig reingrätschte: »Für die Fans gibt es nur einen Ratschlag: Bleibt den USA fern!« Das sieht auch Oke Göttlich so. Der Präsident des 1. FC St. Pauli und ich teilen dieselbe Einstellung zum Fußballgeschäft. Ich sehe in ihm einen Verbündeten, eine Sohnfigur, einen wahren Freund – obwohl der Mann den Nachnamen trägt, der eigentlich mir zusteht.

Namen sagen viel über einen Charakter aus – vor allem bei Gianni Infantino. Dass mein Nachfolger an der FIFA-Spitze meinen Selbstbereicherungstrieb im Amt schamlos übertrifft, nehme ich diesem Mafioso persönlich übel. Bis heute erhielt ich von dem Scheißkerl kein VIP-Ticket in die USA. Kann mir aber egal sein, ich wäre ja sowieso nicht hingegangen. Nicht weniger skandalös ist die Verleihung eines neu erschaffenen Friedenspreises an Donald Trump. Wenn jemand diesen Preis verdient hätte, dann ich. Zwar habe ich nie sieben Kriege auf einen Schlag beendet, aber auch nie einen begonnen. Abgesehen von manchen hausinternen Vernichtungsfeldzügen.

Beeinflusst von moralischen Vorbildern wie Mandela, Gandhi und Al Capone stand ich während meiner gesamten Amtszeit stets auf der Seite der Unterdrückten. Ohne mein humanitäres Eintreten für die Kleinen hätte es weder eine Weltmeisterschaft in Südafrika gegeben noch in Katar oder Russland. Hätte ich noch das Sagen, würde die WM in diesem Jahr nach Grönland verlegt oder Nordkorea, je nachdem, wer mehr zahlt.

Aber ich bin nicht nur Antiamerikanist, sondern auch Realist. Daher weiß ich, dass es einen Massenboykott nicht geben wird. Umso wichtiger sind öffentliche Protestaktionen. In der Vergangenheit ging die deutsche Nationalmannschaft mit gutem Beispiel voran und trat mit Regenbogenbinde und Tüllröckchen an und hielt sich auf dem offiziellen Mannschaftsfoto den Mund zu, um zu zeigen, dass die Spieler sich gleich übergeben müssen. In einer lupenreinen Demokratie wie Katar eine Frechheit! In der US-Diktatur wäre eine Geste mit klarer Botschaft aber das Mindeste. Wie diese aussehen könnte?

Mein Rat: Finger in’ Po – Mexiko!

Satire & Humor per E-Mail
Der EULENSPIEGEL-Newsletter erscheint Dienstag und Donnerstag mit auserwählten Beiträgen.

CONTRA

Mark Rutte, NATO-Spielführer

Bevor ich meinen Faible für alles Militärische entwickelte, gehörte meine große Leidenschaft dem Fußball. Aufgrund meiner Spielweise nannten mich meine Mannschaftskameraden in der NATO-Traditionself in Anspielung auf einen anderen Aggressiv-Leader aus Holland irgendwann Marc van Rommel. Was ich damit sagen möchte: Auf dem Platz galt schon immer das Recht des Stärkeren, und wenn nun Donald »Daddy« Trump dieses Recht auch auf dem geopolitischen Spielfeld anwendet, dann passt eine WM in den USA doch wie die Panzerfaust aufs Auge. Ich schließe mich dem DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf an: Die Debatte über einen WM-Boykott kommt zur Unzeit. Lasst uns damit warten, bis das Turnier vorbei ist, und dann in aller Ruhe diskutieren, ob es die richtige Entscheidung war oder die beste aller Zeiten. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin nicht grundsätzlich gegen einen Boykott. So werde ich persönlich während des Turniers die beiden Mitveranstalterländer Mexiko und Kanada strikt meiden, deren Regierungschefs sich immer wieder ungezogen gegenüber Trump verhalten haben. Dass er sie dennoch als Juniorpartner dieser WM duldet, beweist einmal mehr Daddys Großmut.

Dass das Auswärtige Amt in diesen Tagen deutschen Fans ans Herz legt, in den USA besser einen Bogen um Menschenansammlungen zu machen, finde ich absolut richtig und wichtig. Denn nur wenn wir alle Rücksicht aufeinander nehmen, können die Streetworker des ICE ungestört ihre Arbeit verrichten. Ich werde mich jedenfalls an diesen Rat halten und mich während des Turnierverlaufs nur in jenen VIP-Zonen aufhalten, in denen kein Gedränge herrscht und man am Buffet nicht anstehen muss.

Manche Menschen behaupten, die Vereinigten Staaten hätten sich unter Daddy in eine Diktatur verwandelt. Und wenn schon! Die Olympischen Sommerspiele in Berlin waren doch auch ein völkerverbindendes Fest. Wenn es den Menschen 1936 gelang, das Rassenpolitische vom Sportlichen zu trennen, dann können wir das neunzig Jahre später auch. Wäre in der Vergangenheit jedes Sportereignis in einem Unrechtstaat boykottiert worden, hätte es kein Wunder von Bern gegeben. In der Schweiz von 1954 durften Frauen noch nicht einmal wählen gehen. In den USA unter Trump dürfen Frauen sogar Auto fahren.

Ich freue mich wie ein kleines Kind auf die beste Weltmeisterschaft, die es je gab, im wahren Mutterland des Fußballs. Es wird wie früher sein, in den goldenen Zeiten dieses Volkssports, als die Nationalhymnen noch mit Schaum vor dem Mund gesungen wurden, im Stadion ungestraft Affenlaute ertönen durften und der Ball noch eine Scheibe war.

FLORIAN KECH

    Anzeige

Auslese

Witzige Cartoons und bissige Satire per Newsletter

Melden Sie sich jetzt kostenlos an: