KiKA for ever

FERNSEHEN

Was haben die TV-Gebührenzahler nicht alles klaglos ertragen in den letzten Jahren! Wie abrupt und schmerzhaft kamen die Abschiede: das Ende der »Lindenstraße« (viel zu früh!), Carmen Nebel berentet (war doch eigentlich noch frisch), »Soko München« und »Soko Hamburg« (angeblich ausermittelt) und das wunderbare Promiformat »Leute heute« – tot!

Schmerzhafte Verluste für treue Zuschauer, die ihre Entzugserscheinungen mit »Verbotene Liebe« und den »Rosenheim-Cops« – diesen ewig kaffeeschlürfenden, adipösen Kommissaren – mildern. »Unser Flo«, Florian Silbereisen, wird zwar immer noch mal rausgelassen, das viele Geld, das er kostet, wird ihm aber schon vorgezählt. Vielleicht kann man ihn runterhandeln, auf ein Minijob-Gehalt und eine heiße Erbsensuppe.

Ja, wir leben in einer Zeitenwende, wie uns nun schon der zweite Kanzler versichert, da müssen alle Opfer bringen.

Markus Grolik

Die Sender planen bereits, das Testbild (ab 22 Uhr) wieder einzuführen, um weniger Programm produzieren zu müssen. Bisher werden die Lücken mit Wiederholungen gefüllt. Ein »Tatort« läuft so lang, bis Testzuschauer die Dialoge mitsprechen können. TV-Programmzeitungen brauchen nur das Datum zu ändern, weil der Programminhalt immer der gleiche ist – »Bares für Rares«, »moma«, »mima«, »Wer weiß denn sowas?«, »Rote Rosen«, »Markus Lanz«, »Tatort« und »das Wetter«. Nur die Lottozahlen sind frisch und anders.

Es wird so bitterlich gespart, dass man überlegt, die »Tagesthemen« vom Sandmännchen moderieren zu lassen – nach Jessy Wellmer ein weiterer Ostdeutscher in einer gesamtdeutschen TV-Führungsposition, wie schön! Der wäre außerdem unparteiisch bzw. überparteilich, nicht wie der anfallsweise vor Emotionen dampfende Christian Sievers.

Die neuen KI-Programme springen schon jetzt für menschliche Schauspieler ein. In Spielszenen, unter denen früher »Szene nachgestellt« zu lesen war (»… und so könnte sich der nächtliche Einbruch in die Tankstelle abgespielt haben …«), tummeln sich schon die intelligenten künstlichen Männchen. Sie sind anstelliger und billiger als Statisten, müssen nicht aufs Klo und trinken am Set keinen Kaffee weg! Und man könnte noch viel mehr sparen und Altbewährtes erhalten, würde man das Fernsehen ganz der künstlichen Intelligenz überlassen. Thomas Gottschalk würde ewig glatt und witzig die Schenkel bildschöner Avatare streicheln, und die könnten dabei Evergreens singen.

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Wer als Fernsehschauspieler weiter dabei sein will, muss eben vielseitiger werden – Brötchen belegen, die Handykamera selbst führen, Maske, Regie in Eigenleistung, und nach dem Dreh das Studio aufräumen und die Toiletten putzen, das schont das Budget.

Der finanzielle Gürtel ist mittlerweile so eng, dass er zweimal um Cathy Hummels gewickelt werden könnte – aber es reicht noch nicht: Einige Sender müssen ganz verschwinden. Nicht als Institution, aber aus der Glotze und dem Radio. Und nun das Ungeheuerliche: ARD und ZDF wollen KiKA an den Kragen! KiKA, der einzige Sender, den fast alle lieben. Politisch haben die doch noch nie was falsch gemacht! Vielleicht ist der Meinungskorridor dort auch verengt, aber bis jetzt sind KiKAninchen, der blaue Elefant oder Lauras Stern nicht negativ aufgefallen.

Seit fast 30 Jahren werden auf KiKA harmlose Cartoons gezeigt, die Moderatoren dürfen als kindliche Erwachsene erst immer dicker und dann in Ruhe alt werden, ausgediente Popstars wie Oli P., Ben oder Bürger Lars Dietrich haben bei KiKA ewiges Asyl gefunden. Es wird getanzt, gelacht, und das niedliche Viehzeug ist genderneutral.

Das drohende KiKA-Aus hat Entrüstung hervorgerufen. Ex-Kinder machen mobil, auf TikTok und Instagram: »Für viele von uns ist KiKA nicht einfach nur ein Fernsehsender, sondern ein Stück Kindheit, Geborgenheit und Bildung – ein Ort, an dem wir lachen, lernen und träumen durften«, schreiben sie in ihrer Petition, geben rührende Interviews, sind kurz davor, sich vor der KiKA-Sendezentrale in Erfurt an die Maus und den Elefanten zu ketten.

Endlich passiert was, endlich wehrt sich das Gebührenzahler-Volk. Es wird emotional, brutal, erbarmungslos gekämpft. Schließlich geht es um unsere Kinder. Genug gespart!

Sollen die Öffentlich-Rechtlichen doch ihre Kantinen dicht machen, im Hauptquartier auf dem Mainzer Lerchenberg die Heizung abstellen statt sich an »unseren Jüngsten« zu vergreifen!

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Leider haben die jungen Protestler nur die Überschrift der düsteren Verheißung gelesen: KiKA soll nämlich nach und nach, also schleichend, ins Internet umziehen und in einigen Jahren ganz aus dem Sendermenü verschwinden. Nach dem Motto: Die nächste Generation schaut sowieso kein Fernsehen mehr. Also: Die Fernsehräte, Intendanten und Oberabteilungsleiter haben aufgegeben.

Viele Eltern fallen als Verbündete für das lineare KiKA-TV schon jetzt aus. Das Geschrei, wenn nicht sofort der gewünschte Trickfilm läuft, sobald die Glotze angeht, ist einfach zu groß. Und die Kleinen verstehen gar nicht mehr, dass das Sandmännchen nicht schon nach dem Frühstück kommen kann. KiKA wird gebraucht, um die Gören ruhigzustellen und ihnen die Fußnägel schneiden oder eine Zecke aus der Po-Ritze entfernen zu können.

Aber wer das Kinderfernsehen abschafft, schafft das Fernsehen ab. Wenn die heute Kleinen groß genug zur Musterung sind, werden sie sich nicht für die »Rosenheim-Cops« pünktlich dienstags, 19:25 Uhr, vor einem Empfangsgerät niederlassen. Und wie soll dann »unser Flo« zu seiner Erbsensuppe kommen?

FELICE VON SENKBEIL

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