Das Arschloch ist sehr wichtig
FERNSEHEN
Es geht doch! Die ARD ist zurück! Mit einer großen Unterhaltungsshow! Einer politischen!
Nicht den Zugpferden im Quotenrennen – Dieter Nuhr oder Florian Silbereisen – ist es gelungen, die Deutschen zuhauf vor die Glotze zu locken. Es brauchte Moderatorinnen mit Haltung und eine geniale Idee, um uns zu einem einzig Fernseh-Volk zusammenzuschweißen.
Hundert Menschen, die so durchschnittlich sind wie Käsebrötchen und Neckermann-Reisen, werden in einen Lokschuppen in Göttingen gesperrt und dort für ein Experiment am offenen Volkskörper interniert. Es gibt nämlich so viel zu besprechen in unserem Land! Beinahe alles »liegt im Argen«, wie der mediale Euphemismus für deutschen Lebensverdruss heißt. Eigentlich müsste das Volksgericht unter dem Titel »Die 100 – was Deutschland bewegt« täglich zusammentreten – bei Lidl, im Jobcenter oder im Altersheim. Aber vorerst passiert es alle paar Wochen in einer Göttinger Lokhalle.
Dort erwarten die Hundert normalerweise überaus nette, aber für dieses Format auf »provokant« gebürstete Moderatorinnen – Linda Zervakis, Ralph Caspers und Ingo Zamperoni. Die haben viele äußerst »kontroverse Fragen« …

Die auserwählten Durchschnittsdeutschen werden ermächtigt zu entscheiden: hü oder hott, heiß oder kalt, hoch oder runter, ja oder nein. Das ist zweifach »wahnsinnig mutig«: Erstens vom Intendanten, denn der weiß ja nie, wie das ausgeht – womöglich wird er nach der Sendung in der Kantine als Hetzer beschimpft. Und zweitens für jeden einzelnen der Hundert, denn bekanntlich darf man in Deutschland zwar eine Meinung haben, aber nicht sagen, schon gar nicht öffentlich. Sonst wird man viral beschimpft oder kriegt beim Urologen keinen Termin mehr …
Was für die Leutchen dabei herausspringt? Ein ausgewogenes Mittagessen, eine Übernachtung mit Frühstück in einem Comfort-Hotel, und sie werden schlagartig berühmt. Vor allem: Sie haben »ein Stück weit« die Demokratie verteidigt – gegen Putin und Trump, gegen die Extremisten von links und rechts. Vielleicht sind sie sogar wahlentscheidend.
Kein Wunder also, dass sich massenhaft Menschen für dieses TV-Experiment zur Verfügung stellen. Ohne zu wissen, welche Entscheidung sie treffen müssen: »Darf man unterschiedliche Socken tragen?«, »Ist Zähneputzen vor dem Küssen Pflicht?«, »Dürfen Hundefreunde Katzen braten?« usw.
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Um es einfach zu halten, hoppeln die Menschen auf eine Zahl von eins bis zehn. Diese Regel verstehen die meisten sofort. Wer auch reden will, drückt einen Buzzer. Menschen, die in ihrem Alltag nie was gefragt werden außer: »Warum ist die Mortadella aus?« oder »Gibt’s den auch in XL?«, werden plötzlich zu Experten. Sie können der Welt da draußen mal so richtig die Meinung geigen. Und zwar schön persönlich: »Ich persönlich bin eigentlich kein Rassist, aber …« »Ich persönlich sage weiter ›Mohren-Kopf‹, basta!«, »›Kanake‹ ist kein Schimpfwort«, »Gendern ist was für Schwuchteln!«
Gut, dass das mal einer sagt! Eine öffentlich-rechtliche TV-Zeitenwende!
Wie also ist die Stimmung im Land?
Die Mehrheit findet, »dass wir es mit der Wokeness übertreiben«, wertet Zamperoni die erste Umfrage aus. Dann verteilt Linda Zervakis Sombreros für alle. »Haben denn alle einen? Oh, ich sehe einige haben den Braten gerochen …« Betroffen hören sich 95 Leute, die den Hut aufhaben, an, was sie da verbrochen haben. Bei Faschingshits des letzten Jahrhunderts schunkeln einige intuitiv mit, obwohl es um Indianer und Kameltreiber geht. Die Redaktion hat raffinierte Spiele erdacht, um die Bürger moralisch zu irritieren. »Welches Kostüm geht für Sie nicht?«

Verkleidet als Chinesin, als sexy Krankenschwester, als Indianer oder als Scheich? Mit der Krankenschwester in Strapsen macht man bestimmt nichts falsch. Sexismus ist ja nicht das Thema diesmal, unpraktische Berufskleidung auch nicht. Nein, heute erwischen wir euch bei der furchtbaren »kulturellen Aneignung«!
Bildlich soll es sein, damit nicht nur die hundert Versuchspersonen, sondern auch die Millionen Zuschauer so richtig ins Grübeln kommen. Eine Fotogalerie von Menschen, die gecancelt wurden, wird präsentiert. Frau Zervakis wandelt mit einem Sektglas in der Hand an Nena und Alice Schwarzer vorbei und fragt, ob »die das verdient« haben. Das mit dem Sekt verstehen die Hundert nicht so richtig (vielleicht heißt das, dass es nach der Sendung lustig wird?).
Inzwischen müssen einige pinkeln, andere sind emotional so erschüttert, dass sie durch die Halle taumeln oder versehentlich mit Ja stimmen, wenn sie Nein meinen. Die Versuchstiere wollen an die Luft …
»Wenn wir die Gemeinsamkeiten statt der Unterschiede betonen, entsteht Gemeinschaft. Wokeness ist kein Konzept, das uns eint, sondern spaltet.«
AnzeigeIst auch was dran. Oder auch nicht. Oder egal. Denn es geht schon weiter: Der Caspers brüllt den Zamperoni an: »Arschloch!« Erschüttert wischen sich die Anständigen Tränen aus den Augen, das ist zu viel. Einer sagt: »Ich hab so ne Wut, das erinnert mich hier alles an den Osten. Und da hab ich keinen Bock mehr drauf.«
Aber wir lernen: Das Arschloch ist als Körperteil sehr wichtig, ohne das können wir nicht leben. Es geht darum, dass wir nett miteinander sind. »Sei kein Arschloch!«
Erleichterung bei Jung und Alt und Linda Zervakis bedankt sich brav beim Abstimmungsvolk: »Das haben Sie ganz toll gemacht.«
Am Ende gibt es also dieses kleine Wunder, das fast jede dieser Shows bereithält: Wir sind keine Arschlöcher. Egal, wer auf die Eins oder die Zehn gehoppelt ist – die Wutbürger werden zu Gutbürgern und alle nehmen einander in die Arme.
Deutschland ist nicht »zu woke«, auch nicht besonders rassistisch, nicht gegen die Wehrpflicht und nicht gegen harte Arbeit. Wir müssen einfach nur mehr reden! Am besten bei einem ausgewogenen Mittagessen.
FELICE VON SENKBEIL
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