Alle gaga oder was?
Es könne sein, dass die Klassenlehrerin mit mir Kontakt aufnimmt, kündigte mein Sohn – einer der älteren – seine Straftat an. »Beim Spicken erwischt? Oder wieder heimlich am Handy gewesen? Da boxe ich dich raus!«, tönte ich rebellisch.
Ein bisschen schlimmer war es dann doch. Der Bengel hatte einem »Kollegen«, so nennen die Jungs sich gegenseitig (eine Hommage an die ihnen absolut fremde Arbeiterklasse), einen Schlag versetzt. Mitten ins Gesicht. Es soll auch Blut geflossen sein – und die Eltern des Kollegen sind Anwälte. Also eilten wir zum Elterngespräch in die Schule. Wie es zu dem Gewaltausbruch gekommen war, interessierte mich nicht. Mein Sohn war ein Täter, ein Gewalttäter, eine Gefahr für unser demokratisches Gemeinwesen! Da war die Rebellin in mir ganz still.
Die Klassenlehrerin setzte sich zwischen mich und die Anwalt-Eltern. Das Gewaltopfer und mein Täter-Sohn wurden vor uns platziert. Das Opfer warf noch leidend den Kopf in den Nacken, dabei war der Blutfluss doch längst versiegt.

Es wurde kurz zusammengefasst, wer wen warum angegriffen hatte. Der Geschlagene behauptete, mein Sohn sei »wie ein Irrer« auf ihn losgegangen. Dabei habe er nur einen kleinen Spruch über Sex mit seiner Mutter, also mit mir, gemacht.
Ich war überrascht, dass mein Sohn bei »Ich fick deine Mutter« überhaupt reagierte, das war doch die Begrüßung in der Grundschule. Immerhin wurde mir noch ein aktives Sexleben zugetraut im Gegensatz zu den Anwalt-Eltern.
Ich schlug vor, dass sich alle entschuldigten und mein Sohn Fußball-Tickets spendierte. »Schließlich sind die Jungs gute Kollegen und das war ein lächerlicher Ausrutscher! Mein Sohn ist doch kein Schläger. Da ist es eben mal mit ihm durchgegangen«, hörte ich mich sagen. Alle schwiegen, starrten auf die Tischplatten und mir schwante, dass es jetzt erst richtig losgehen würde.

Ob mein Sohn denn schon eine Diagnose habe, wollte die Anwältin wissen. Natürlich nicht, er war ja völlig gesund. Bis dato, denn die Klassenlehrerin sah das anders. Sie sei zwar keine Kinderpsychologin, aber dass der Junge auffällig sei, das springe doch förmlich ins Auge. Er müsse ja nicht gleich ein Psychopath sein, aber ADHS oder eine emotionale Entwicklungsstörung könne sie sich gut vorstellen. Wir sollten das mal testen lassen, empfahl sie.
Die Anwalt-Eltern wurden plötzlich verständnisvoll, schließlich wäre eine psychische Erkrankung als mildernder Umstand zu werten.
Das klang doch vernünftig, fand ich und schleppte meinen Sohn nach Hause.
Die kommende Woche verbrachte ich am Handy mit der Suche nach einem Kinderpsychologen mit freien Kapazitäten. Aussichtslos.
Schließlich fand ich einen Online-Test auf einer Mental-Health-Website und beschloss, die Diagnostik bei meinem Kind selbst in die Hand zu nehmen.
Die Fragen waren einfach: Ist Ihr Kind oft unruhig? Reagiert es oft nicht auf Ansprache? Fällt es oft ins Wort? Hat es Probleme mit seiner Impulskontrolle? – Alles ja, ja, ja! Jetzt war also klar: ADHS.

Das eröffnete mir und meinem Sohn eine ganz neue Welt. Ich begann, ihn mit anderen Augen zu sehen. Wenn er mich anbrüllte, weil es Suppe statt Buletten gab, wenn er mit der Nerf-Waffe die Nachbarn beschoss, wenn er »Allahu akbar«, »Sieg Heil« und »Viva la Revolution« über den Hof schrie, wenn er mir seine dreckige Unterhose ins Gesicht schmiss – das war doch nicht er! Das war die Krankheit! Mein armer Junge – wie musste er leiden, welch teuflisches Feuer brannte in ihm!?
Als ich der Lehrerin meine KI-gesicherte Diagnose mitteilte, war sie sehr erleichtert. Nun könne der Junge auch gezielt betreut werden, mit Sonderpädagogen – Einzelsitzplatz auf dem Flur, das Privileg, beim Herannahen eines »psychotischen Schubs« mitten im Unterricht auf den Schulhof rennen zu dürfen, und vor allem: viel weniger Hausaufgaben. Aber eine Therapie wäre schon sinnvoll, sagte sie. Ich versprach, dran zu bleiben, weiterhin alle Kinderpsychologen der Stadt zu stalken und wenn nötig dem Kind Ritalin ins morgendliche Müsli zu mischen.
Als ich meinen Freundinnen von meinem neuen Sohn erzählte, waren die nicht überrascht. Natürlich hatten sie ihn längst als neurodivers, so heißt es, wenn man anders tickt, geoutet.
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Das sei ja auch nicht verwunderlich, bei dieser Mutter! Obwohl das, wie sie erklärten, gar nicht meine Schuld sei, sondern alles mit der Hirnchemie zusammenhänge. Ich hätte ihm vielleicht nicht dieses Industriefleisch und die vielen Nutella-Brote füttern sollen. Jetzt sei es eh zu spät. Aber ich müsse mir keine Sorgen machen, Leute wie er, die »out of the box« dachten und anders seien, würden gebraucht. Das Durchschnittliche gebe es genug und werde ohnehin von KI ersetzt.
Meine Freundinnen kennen sich aus, sie haben alle jemanden zum Reden: Therapeuten, Psychologen, Coaches, KI. So wie die meisten Menschen ihre Sternbilder und ihren Menstruationszyklus kennen, die damit verbundenen Stimmungen und Charaktereigenschaften, so präsentierten meine Freundinnen stolz ihre Diagnosen: etwas bipolar, mit einer ADHS-Neigung und depressiven Schüben; oder manisch-depressiv mit Hang zur Borderlinerin; oder leichte Narzisstin mit Helferkomplex.
Ein bisschen schämte ich mich, denn ich hatte sie nur für verrückt gehalten (sie mich natürlich auch). Dabei steckte so viel mehr dahinter. Und sie machen was draus: Eine verdankt ihren tollen Job in einer Werbeagentur ihrem ADHS. Da geht alles schneller, intuitiver. Der kreative Kopf arbeitet wie ein Hochleistungsofen. Fehler werden ihr als Neurodiverse nachgesehen. Die andere konnte mit ihrer Depression endlich etwas kürzertreten und hat es sich im Homeoffice gemütlich gemacht. Und der Narzisstin in unserer Runde hat man einen Führungsposten bei einer großen Volkspartei hinterhergeschmissen.
Anzeige»Und was ist nun mit mir?«, fragte ich. Offenbar galt ich als langweiliger Normalo (bzw. Normala), eben bloß mit einem gewalttätigen Sohn geschlagen.
»Wie, das weißt du nicht?«, schrien die Freundinnen. »Deine Macke ist so offensichtlich wie der Wintereinbruch, sie muss nur noch formuliert werden.« Nach einer kurzen Diskussion, während derer sie mir Puls und Blutdruck maßen, dann das erlösende Ergebnis: hyperfunktionale Depression und ein bisschen ASS – eine klassische Autismus-Spektrum-Störung. Also heutzutage ganz normal. Früher hätte man mir vielleicht gesagt: Du bist gestresst und brauchst immer mal deine Ruhe. Aber mit einer psychopathologischen Diagnose lebt es sich viel schöner!
Meinem Jungen wurde sein Leiden übrigens bald zu viel. Er erbat sich von mir die Erlaubnis, als »plötzlich wie durch ein Wunder geheilt« in der Schule auftreten zu dürfen, sozusagen in seinem ursprünglichen Zustand als Langweiler. Ein wenig unsicher stimmte ich zu: Würden die Anwalt-Eltern seine Gewalttat als verjährt betrachten? Bis jetzt ist alles ruhig – mein Sohn und der Kollege sind ziemlich beste Freunde.
FELICE VON SENKBEIL

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