GroKostrophe
Mittwoch, den 21. Februar 2018

Nachdem abkürzeritiskranke Journalisten, die es leid waren, von der Großen Koalition zu sprechen, die »GroKo« erfunden hatten, zogen deren Gegner mit dem Wortspiel »GroKostrophe« nach, das sich seither ausbreitet wie eine Rattenplage. Es scheint den Geschmack von Menschen zu treffen, die – um hier nur einmal drei von dreißigtausend Greueltaten dieser Art zu zitieren – bei Kabarettveranstaltungen älterer Bauweise gern auch über Kalauer wie »Hai-Society«, »Kotzalledem« oder »Dialeckt mich am Patriarsch« gelacht haben.

Für das, was sie bewirken, gibt es im Niederländischen das schöne Wort »tenenkrommend«, das sich mit »zehenverkrümmend« übersetzen lässt. Auf einer englischen, dem »Dutch Word of the Day« gewidmeten Website findet sich dazu der Vermerk:
»When something is very bad, and perhaps even to the point that it is embarrassing, you may bend your toes in response to what you witness. ›Bending one’s toes‹ in Dutch is ›je tenen krommen‹ and when something makes you bend your toes, we call it ›tenenkrommend‹ (›toe bending‹). It can be used both as an adjective and adverb. Ob - viously it has a negative connotation.«

Eine schärfere Übersetzung ins Deutsche wäre »fußnägelaufrollend«. Sie betrifft das Gefühl, das auf der Oberseite der Zehen entsteht, wenn man sie unwillkürlich krümmt, weil es einem peinlich ist, dass jemand »GroKostrophe« sagt oder schreibt. Mitunter rufen auch schon geringere Blödianismen eine Kontraktion der Zehen hervor.

Zum Beispiel der Begriff »Heynckes-Verbleib«. Zum Herstellen von Schlagzeilen für flüchtige Leser verdammte Sportreporter stampften ihn Anfang 2018 aus dem Boden, als es um die Frage ging, wie lange Jupp Heynckes noch als Trainer beim FC Bayern München bleiben werde, und die Zunft schnappte das Wortungetüm begierig auf: »Hoeneß hofft weiterhin auf Heynckes-Verbleib«, »Hoeneß wirbt um Heynckes-Verbleib«, »So stehen die Chancen auf Heynckes-Verbleib«, »Matthäus sieht ›eine sehr realistische Chance‹ auf Heynckes-Verbleib«, »Sammer: Darum ist ein Heynckes-Verbleib möglich«, »Rummenigge schließt Heynckes-Verbleib nicht aus« …

Weder die »GroKostrophe« noch der »Heynckes-Verbleib« wird jemals den Duden entern. Es sind Wörter, die gottlob schon bald wieder verfaulen werden. Uns aber, der gegenwärtigen Erlebnisgeneration, kribbeln und krabbeln sie vor den Augen, in den Ohren und auf den Zehen herum wie begattungshungrige Tausendfüßler aus einer Erzählung von H. P. Lovecraft. Tenenkrommend!

 

Gerhard Henschel

 

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