Raserszene
Mittwoch, den 24. Januar 2018

In der Vorweihnachtszeit verbrieten Reporter, denen nichts heilig ist, eine minderjährige Tochter von Angelina Jolie und Brad Pitt als »Jolie-Pitt-Küken«, und zu Silvester gab es bei Lidl die »WECO 56-Schuss-XXL-Multi-Effekt-Power-Fächer-Batterie ›Unforgettable‹« zu kaufen, aber die schauerlichste Wortschöpfung der letzten Monate ist die »Raserszene«. Unter diesem Dachbegriff tummeln sich Autofahrer, die einander illegale Rennen liefern, bei denen sie den Tod unbeteiligter Verkehrsteilnehmer in Kauf nehmen. Es handelt sich um Schwerverbrecher, die Menschenleben auf dem Gewissen haben.

Früher bildeten untereinander vernetzte Leute eine »Szene«, wenn sie ein mehr oder weniger harmloses Hobby teilten – Straßenmaler, Autogrammjäger, Briefmarkensammler, Sadomasochisten oder Dylanologen. Eines Tages kam die »Drogenszene« hinzu (erste Erwähnung im Spiegel am 10. August 1970), aber zu diesem Zeitpunkt wäre es noch niemandem eingefallen, Kriminelle als Angehörige einer »Szene« zu adeln. Es existierte keine Bankräuberszene, keine Brandstifterszene und keine Schwiegermuttermörderszene, und wenn sich heute irgendwelche Schwachköpfe zu einem Autorennen verabreden, bilden sie auch keine »Szene«, sondern allenfalls eine kriminelle Vereinigung. Was die Journalisten selbstverständlich nicht anficht. »Polizei stoppt Raserszene«, schreiben sie. »Insider der Raser-Szene packt aus«, »So tickt die Raser-Szene«, »BGH sendet starke Botschaft an die Raser-Szene«, »Polizei geht gegen die Duisburger Raserszene vor ...«

Mit der gleichen Coolness könnten die für die Raserszene zuständigen Autoritäten von einer »Kinderschänderszene « sprechen oder von einer »Vergewaltigerszene«. Was sie aber nicht wagen würden. Oder doch?

Aber natürlich: Sowohl die »Kinderschänderszene« als auch die »Vergewaltigerszene« blicken auf ein noch ehrwürdigeres Alter zurück als die »Raserszene«. Wovon man sich im Internet leicht überzeugen kann. Was aber treiben die Angehörigen der »Raserszene«, wenn sie nicht gerade rasen? Sich gegenseitig das Vorzeigen ihres Führerscheins verweigern? Mit sechzig Stundenkilometern vor die nächste Wand laufen? Falls hier einer von euch Rasern mitliest: Sorry, Jungs, ihr bildet keine »Szene«. Ihr seid bloß doof.

Und da wir hier schon einmal unter uns sind, möchte ich euch empfehlen, nie wieder »Alles klar« zu sagen. Könnt ihr euch das merken? Viele von euch haben sich abgewöhnt, »Keine Ahnung« zu sagen, aber manche sagen immer noch »Alles klar«.
Got it? Nein? Dann haltet einfach das Maul.

Gerhard Henschel

 

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