Meisterwerke 11-17
Mittwoch, den 25. Oktober 2017

meisterwerke
Meisterwerk

Es ist weder clever noch smart, ein Vogel zu sein. Es ist vielmehr gefährlich. Vögel nämlich sind vom Aussterben bedroht. Jährlich werden Milliarden von ihnen von Hauskatzen gemeuchelt, von Rotorblättern zerfetzt, von Italienern gegessen.

Dieses Bild zeigt eine dieser bestialischen Szenen. Ein brutaler Junge mit dem Gesichtsausdruck einer Doppelschnepfe schickt sich an, einen Vogel mit einer Kiste zu erschlagen. Um den Frevel zu krönen, hat er sich ein besonders seltenes Exemplar als Opfer ausgesucht.

Man muss lange ausharren, um einen dieser Vögel zu Gesicht zu bekommen. Es ist kein Mittelspecht, kein Basstölpel, keine Krähenscharbe, kein Pappelwaldsänger und erst recht keine Braunrückengrundammer – ein überaus schönes Tier, nebenbei bemerkt. Es ist kein Hakengimpel, kein Ortolan, keine seltene Steppenkragentrappe und kein Knutt.

Es handelt sich vielmehr um den gemeinen Seehöfling, eine Unterart des Braunwürgers, der seinen – Obacht! – Horst für gewöhnlich auf einen Schlagbaum pflanzt. Sein typischer Ruf »Obergrenze, Obergrenze, Obergrenze« erschallt oft und ohrenbetäubend, wenn er freudig durch das bayerische Unterholz hüpft. Oft folgt seinem Ruf ein gehauchtes »Hh-h«, das entfernt an menschliches Lachen erinnert. Weshalb der Häscher derart aggressiv gegen den seltenen und mit seinem enormen Schädel auch recht komischen Vogel vorgeht, bleibt ebenso ein wohlgehütetes Geheimnis wie der als zerbrechlich angegebene Inhalt der als Mordinstrument missbrauchten Kiste, über den zu spekulieren müßig ist. Ist es die Demokratie, sind es die Menschenrechte, ist es die Unions-Fraktion im Bundestag? Oder – am wahrscheinlichsten – sind es chinesische Ming-Vasen? Man wird es erst erfahren, wenn sich der Junge den Arm komplett ausgekugelt hat und die Kiste abstellt.

J. Franzen

 

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