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Mittwoch, den 23. August 2017

»Gigantisch frisch und glücksgünstig« sollen seit einiger Zeit die Lebensmittel bei Aldi sein, aber kann man das wirklich so sagen? »Bei« Aldi? Nicht eher »im« Aldi? Gut plaziert ist die Präposition »bei« in der »Schlacht bei Hessisch Oldendorf« und vielleicht auch in dem Satz: »Bei der akuten Arthritis urica sind nichtsteroidale Antirheumatika, Kortikoide und Colchizin Mittel der Wahl.« Oder doch nicht? Wird Medizin nicht »gegen« eine Krankheit eingesetzt?

»Ich kann nur sagen: Bei den Menschen ist es ein Thema«, hat der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Martin Schulz im Hinblick auf die Zahl der Migranten in Deutschland erklärt und sich dabei vergriffen – gescheiter wäre die Aussage, dass die Zahl »für« die Menschen ein Thema sei. Wobei »bei« in diesem Fall etwas volksnäher klingt, und darauf kommt's im Wahlkampf eben an.

Noch viel weiter daneben tappen zahllose Journalisten, die sich gezwungen sehen, einen Sachverhalt so knapp wie möglich zusammenzufassen. Ihnen dient das »bei« als Füllsel, auch wenn es wie die Faust aufs Auge passt: »Knieprellung bei Diego Demme«, »Herz-OP bei Franz Beckenbauer«, »Horror-Unfall bei Venus Williams« – die Knieprellung ist Demme natürlich selbst widerfahren und nicht irgendwo »bei« ihm passiert, die Herz-OP fand keineswegs bei Beckenbauers im Wohnzimmer statt, und der tödliche Verkehrsunfall, in den die Tennisspielerin Venus Williams verwickelt war, trug sich nicht bei ihr um die Ecke zu. Aber wie soll man das ausgewachsenen Journalisten beibringen, die schon im Deutschunterricht bei weitem zu selten aufgepasst haben?

Vollends unerklärlich ist die Focus-Schlagzeile »Kimmich-Transfer bei Guardiola war wegen 1860-Partie gefährdet«. Oder kann sich irgendjemand etwas unter einem »Transfer bei Guardiola« vorstellen? Egal: Über »Trennungsgerüchte bei Helene Fischer« freute sich vor zwei Jahren die Frühstücksfernsehredaktion von Sat.1, die das Verhältniswort »um« nicht kennt.

Im März 2017 fragte die Illustrierte Gala, die wiederum das Verhältniswort »zwischen« nicht kennt, erschrocken in die Runde: »Streit bei Helene Fischer + Florian Silbereisen?« Zwei Monate später gab die Münchner Abendzeitung Entwarnung und warf die nächste idiotische Frage auf: »Hochzeit bei Helene Fischer und Florian Silbereisen?« Ja, wollte denn bei denen jemand heiraten? Und was hat es mit dem »Krebsdrama bei Michael Schumacher« auf sich, das dem Klatschmagazin Das Neue Blatt eine Meldung wert war?

Nichts. Es gab kein solches Drama »bei« Michael Schumacher. Sondern es war ein Onkel von ihm an Krebs gestorben. Hier diente das »bei« allein der gezielten Desinformation. Bei Gott, was für einschmutziges Gewerbe!

Gerhard Henschel

 

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