Bundestag gedenkt dem Altkanzler

Es war ein feierlicher Moment, der nur durch einen hässlichen Grammatikfehler verunziert wurde: »Bundestag gedenkt dem Altkanzler«, meldete die Rheinische Post, und nicht nur sie, nachdem der Bundestag des Altkanzlers Helmut Kohl gedacht hatte. Und wem hatte der Bundestag nicht schon alles gedacht! Der falsche Dativ zieht sich in der Medienberichterstattung durch die gesamte jüngere Geschichte: »Bundestag gedenkt dem Kriegsende vor 70 Jahren«, »Bundestag gedenkt dem Genozid an den Armeniern «, »Bundestag gedenkt dem Ende der DDR« … »Die Regierung gedenkt dem verstorbenen Reinhard Höppner«, berichtete die Kölnische Rundschau 2014 anlässlich des Gedenkens an den verstorbenen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt.

Die Schulabgänger, die in der Focus-Redaktion ihren Dienst verrichten, wissen es nicht besser: »Polnische Gemeinde in Reutlingen gedenkt dem Opfer«, schreiben sie, und das Handelsblatt, das keinen höheren Ansprüchen mehr genügen muss, seit das Bildungsbürgertum verstorben ist, bringt ohne falsche Scham die Nachricht »Speyer gedenkt dem Altkanzler« in Umlauf.

Das Verb »gedenken« regiert seit Menschengedenken und auch heute noch den Genitiv, während Helmut Kohl die Bundesrepublik Deutschland nur sechzehn Jahre lang regierte. »Gedencket seiner Wunderwerck / die er gethan hat«, möchte man mit Martin Luther den Nachrufern zurufen und sie dazu ermuntern, sich in diesem Fall, also dem Wes-Fall, ein Beispiel an Kohl Beharrungsvermögen zu nehmen.

Im Rechtschreibforum korrekturen.de ist vor zwei Jahren die Frage aufgeworfen worden: »Aber wie ist das bei mehrteiligen Namen, z.B. Roderick dem Waghalsigen. Heißt es dann ›Wir gedenken Rodericks dem Waghalsigen‹ oder ›Wir gedenken Rodericks des Waghalsigen‹?« Ein Mensch mit dem Pseudonym Karla Krauschen hat darauf geantwortet: »Bisher gedenkt man immer noch des Genitivobjekts, nicht dem Genitivobjekt. ›Wir gedenken dem Waghalsigen‹ ist immer noch recht ungewöhnlich und gilt darum immer noch als falsch. An der Formulierung, dass man ›Rodericks dem Waghalsigen‹ gedenkt, ist aber zusätzlich falsch, dass ›Rodericks‹ Genitiv und ›dem Waghalsigen‹ Dativ ist. Das ist, als hätte sich jemand zwischen Genitiv und Dativ nicht entscheiden können und hätte gesagt: ›Mach ich mal beides, da kann ich nichts falsch machen.‹ So wird es dann vollends falsch.«

Recht so. Stöbert man aber bei Google Books ein Weilchen nach der Wortfolge »gedenkt dem«, so stößt man in Friedrich August Gottlob Berndts medizinischem Lehrbuch »Die specielle Pathologie und Therapie nach dem jetzigen Standpunkte der medicinischen Erfahrung zum Gebrauche für praktische Aerzte« aus dem Jahr 1838 auf eine korrekte Verwendung: »Wer eine acute Enteritis mit einem Aderlaß und einigen Blutegeln zu beseitigen gedenkt, dem fehlt es noch an Erfahrung in diesem Bereiche der Heilkunst.«

Gerhard Henschel

 

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