bevor nicht

»1955 hatte die Bundesregierung erklärt, dass kein Atommeiler in Betrieb gehe, bevor nicht die Abfallfrage ›unschädlich‹ gelöst sei«, meldete der Bonner General-Anzeiger am 8. April 2017 und lag damit falsch, denn die Bundesregierung hatte damals natürlich nicht erklärt, dass kein Atommeiler in Betrieb gehen werde, »bevor nicht« die Abfallfrage gelöst sei, sondern die Lüge verbreitet, dass kein Atommeiler in Betrieb gehen werde, bevor die Abfallfrage gelöst sei. Und eben nicht, bevor sie nicht gelöst sei.

Das Bindewort »bevor« ist schon so oft mit der Konjunktion »solange« verwechselt worden, dass kaum noch ein Mensch in der Lage ist, den Unterschied herauszuhören. »Ich bin nicht dafür, den Verteidigungsetat um große Summen aufzustocken, bevor nicht natoweit geklärt ist, was Verteidigung beinhaltet«, hat der Gewichtheber Alexander Meinhardt-Heib, der für die SPD in den Bundestag einrücken möchte, am 20. Mai 2017 gegenüber der Ostthüringer Zeitung erklärt, obwohl er doch wahrscheinlich genau das Gegenteil gemeint hat – dass er nämlich dagegen sei, den Verteidigungsetat aufzustocken, bevor geklärt sei, was Verteidigung beinhalte. Und nicht, bevor dies nicht geklärt sei.

Man könnte annehmen, dass der ganze Unfug auf Martin Luthers Übersetzung von Matthäus 5,18 zurückginge: »Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.« Dieser Quatsch findet sich jedoch nur in der modernisierten Einheitsübersetzung. Luther hatte geschrieben: »Bis das Himel vnd Erde zurgehe, wird nicht zurgehen der kleinest Buchstab, noch ein Tütel vom Gesetze, bis das es alles geschehe.« Das sinnentstellende »bevor nicht« ist auf dem Mist nachgeborener Theologen gewachsen.

Auf gutefrage.net hat jemand vor fünf Jahren einen im Bundestag geäußerten Satz zitiert (»Meine Fraktion wird diesem Gesetz nicht zustimmen, bevor es nicht die unter 18-Jährigen mit einbezieht«) und die Frage aufgeworfen, ob das »nicht« den angepeilten Sinn der Aussage nicht in sein Gegenteil verkehre. Dem Fragesteller ist in diesem Forum geantwortet worden, dass man »mit solcher Wortklauberei zurückhaltend « sein solle: »Wichtig ist doch, dass man sich versteht ... und dazu bedarf es keiner Grammatik.«

Endlich sagt es einmal wer! Es nicht auf Grammatik ankomme für Verständigung. Dem Sprache der Liebe international sein! Du das nicht habbe immer gefühlt? Ich Tarzan, du Jane! No Wortklauberei mehr. Einfach sagge, was meine! Wir uns schone versteh. Isse egal, das Grammatik. Und bevor nicht hast begriffe, ich nix mehr mit du mache Liebe! Capito?


Gerhard Henschel

 

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