Einen kühlen Kopf …

… müssen Medienleute immer bewahren. Da spielt es keine Rolle, wie geschockt wir vielleicht gerade sind. Ich erinnere mich zum Beispiel an den 11. September 2001. Damals musste ich noch am gleichen Abend einem wichtigen Termin mit einem Gesprächspartner im »Borchardt« nachkommen. Vor lauter Sorgen um den Fortbestand der Welt konnte ich kaum meinen japanischen Single Malt und das köstliche Stück vom Kobe-Rind genießen.

Aber Schnaps ist nun mal Schnaps und charakterstarkes Blutfleisch ist charakterstarkes Blutfleisch. An diesen journalistischen Wahlspruch hätten sich neulich auch die Kollegen vom Spiegel halten sollen, als sie völlig demotiviert und moralisch zerstört nach dem WM-Vorrunden- Aus der Deutschen in ihre Redaktion gingen (»So gehen die Spiegel-Redakteure, die Spiegel-Redakteure, die gehen so«) und einen Titel erarbeiten mussten. Das Resultat war eine zerfließende Deutschland-Fahne, auf der geschrieben stand: »Fußball, Politik, Wirtschaft – Es war einmal ein starkes Land«.

Für meinen Geschmack war das etwas zu dick aufgetragen. Ich habe zwar keine Ahnung von Fußball, aber mein Aktien-Portfolio hat in den letzten Jahren doch erheblich an Wert zugelegt, und wenn man ein paar Politiker persönlich kennt, weiß man auch, dass das mitunter sehr tolle Typen sein können. Ich hätte den Spiegel-Mitarbeitern gewünscht, dass sie eine Nacht drüber geschlafen hätten. Dann sieht oft vieles gar nicht mehr so schlimm aus, und man kann über manche Sachen sogar lachen wie die ganze Welt über die Abschlussschwäche von Mario Gomez. Danach hätte der Spiegel einen schönen Hitler-, Titten- oder Hitlertitten-Titel gemacht wie üblich, und alles wäre gut gewesen.

Ich vermute, dass sich diese Meinung mit etwas zeitlichem Abstand nun auch in der Spiegel-Redaktion durchgesetzt hat. Denn schon eine Woche später sah ich am Kiosk auf dem Titel des Heftes ein küssendes Pärchen mit der Bildunterschrift: »Wie Liebe gelingt«. Das war wieder die Professionalität, die man von einem Qualitätsmedium erwarten kann.

Atze Svoboda

 

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