meisterwerke
meister10-18

Nur noch selten begegnet man in der modernen Malerei Werken, die den Betrachter ernsthaft aufrütteln und betroffen machen. Die, denen es gelingt, erlangen ihre Strahlkraft meist durch ungeschönte, der Wahrheit verpflichtete Abbildungen der Welt, wie sie wirklich ist. Der moderne Realismus – er wendet sich dem Alltag zu: Er zeigt gewöhnliche Orte und durchschnittliche Szenerien, wie sie viele kennen. Und er widmet sich auch dem Leben der Tiere, im konkreten Fall den Sorgen und Nöten der Haus- oder auch Dachratte (Rattus rattus).

Einige dieser drolligen Tierchen haben sich, wie die Schrift an der Wand verrät, in ei nem Lager (eventuell auch einer Verpackung – die Inschrift ist hier nicht eindeutig) häuslich eingerichtet. Sie tummeln sich vor Mauselöchern, die sie vermutlich gentrifiziert haben, sie klettern auf seltsam verdrahteten Gestellen herum, und zwischen ihnen entspinnt sich folgendes Gespräch: »Na, fertig mit Nestbauen?« »Ja, und habe noch überall ruffgepisst!«

Auch wenn sich nicht auf Anhieb erschließt, wie das Ruffpissen mit dem Nestbau in Zusammenhang steht, das semantische Verständnis der Ratten also in Zweifel gezogen wird, wird deutlich: Die Ratten fühlen sich im Lager wohl. Sie stören sich nicht, wie es womöglich im Lager tätige Menschen tun würden, an der schiefen Tür. Für sie spielt es auch keine Rolle, dass der Schrank an der hinteren Wand nur aufgemalt ist. Nester bauen und überall ruffpissen – es ist das Rattenparadies.

Doch auch ein Paradies braucht Regeln. Eine davon ist auf die Tür gekritzelt: »Achtung! Händewaschen unbedingt vergessen!« Ob sich die Ratten daran halten, ist dem Werk leider nicht zu entnehmen. Die Hygiene-Ampel in diesem Lager jedenfalls steht auf Dunkelgelb.
T. Mälzer

 

 

 

 

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