Liebe Leserin, lieber Leser,

vor ein paar Wochen schaltete ich erwartungsfroh das Sommerinterview mit Alexander Gauland im ZDF ein, um mich in puncto muslimischer Invasion auf den neuesten Stand zu bringen. Stattdessen jedoch: Fragen über Klimawandel, Rentenpolitik und anderen Unfug, der mich als Deutschen überhaupt nicht interessiert. Der Begründung des Senders, man habe den AfD-Chef mal etwas anderes fragen wollen als sonst, kann ich wenig abgewinnen: Einem Fußballspieler stellt man schließlich auch Fragen zu seinem Sport und nicht etwa zu Teilchenphysik oder Erkenntnistheorie. Selten war ich so froh, keine Fernsehgebühren zu bezahlen!

Als der Mathematiker Peter Scholze vor Kurzem einen renommierten internationalen Preis erhielt, reichten die Reaktionen in der deutschen Öffentlichkeit von »Na und?« bis zu »Hä, wer?«. Letztere Frage sei an dieser Stelle beantwortet: Herr Scholze ist ein Mathematikgenie und sorgte bereits in der Schule für Aufsehen, als er seinem Lehrer gleich drei Lösungen einer quadratischen Gleichung präsentierte. Kurz darauf wurde er Professor und hat seitdem allerlei spektakuläre Entdeckungen gemacht. Zum Beispiel …
- ... fand er zwischen drei und vier eine bisher unbekannte Zahl (»frumm«), die aber im Schulunterricht nicht verwendet wird, weil die Anschaffung neuer Lehrbücher zu teuer würde.
- ... ist er als einziger Mensch der Welt in der Lage, mit dem Windows-Taschenrechner korrekte Ergebnisse zu erzielen.
- ... konstruierte er ein neues Zahlensystem, das in der Lage ist, die Anzahl der Trainerentlassungen beim Hamburger SV darzustellen. - ... führte er den Beweis, dass Friseurbesuche überbewertet sind.
Sein größter Coup war aber sicherlich, dass er deutsche Medien dazu gebracht hat, kollektiv über Mathematik zu berichten – eine Leistung, die kaum zu überschätzen ist, wenn man weiß, dass die meisten Journalisten ihr Abitur in den Fächern Philosophie und Darstellendes Spiel gemacht haben und Zahlen grundsätzlich für reaktionäres Teufelszeug halten. Alles Weitere über Herrn Scholze und seine Theorien gibt es auf Seite 36.

Haben Sie sich eigentlich auch schon gefragt, warum die Presse Ihnen seit Monaten mit erstaunlicher Penetranz das Thema »Tiny Houses « vorsetzt? Es vergeht kaum mehr eine Woche, in der nicht in irgendeinem Blatt ein schwärmerischer Artikel erscheint, der seinen Lesern das reduzierte Leben auf 20 Quadratmetern anpreist. Sicher, es mag Menschen geben, die tatsächlich gern in eingeschränkten Verhältnissen leben – meine Frau beispielsweise schließt sich immer mal wieder für mehrere Tage im Badezimmer ein –, aber ist die Zielgruppe wirklich so groß, dass sie diese massive Berichterstattung rechtfertigt? Nun, in gewisser Weise schon. Es ist nämlich so: Wir Zeitungsbesitzer sind reiche Leute, die es bevorzugen, in großen Häusern und Lofts zu wohnen, gern auch in mehreren Städten gleichzeitig. Weil es aber nicht unendlich viel Wohnraum gibt, nehmen wir den, der schon da ist. Und damit dessen aktuelle Bewohner nicht wütend werden und unser neues Eigentum anzünden, erklären wir ihnen schon im Voraus, dass sie eigentlich viel lieber auf einem Fünftel ihrer aktuellen Fläche wohnen würden. So bewahren wir den sozialen Frieden in diesem Land und werden damit unserer Verantwortung als vierte Gewalt gerecht. Und nun schlagen Sie bitte Seite 44 auf, wo wir Ihnen ein paar windschiefe Holzverschläge auf Rädern vorstellen, aus denen Sie sich Ihre neue Behausung aussuchen dürfen.

Mit winzigen Grüßen

xxx
Chefredakteur 

 

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