entzweigendernd

 

Unaufhörlich rempeln einen die garstigsten Sprachschöpfungen an. Zum Beispiel »Mein natürlicher Gut-geschlafen-Glow«, die »Inwertsetzung« oder der »Quetsch-Boob-Dress«, den sich irgendein Journalist ausgedacht hat, um sich über ein enges Oberteil des Models Bella Hadid lustig zu machen. Über die zeitgenössischen Vorläufer solcher Fehlprägungen schrieb Wilhelm Grimm 1846: »Alle diese neugeschaffenen Missgestalten springen wie Dickbäuche und Kielkröpfe zwischen schön gegliederten Menschen umher.«

Doch den meisten sprachlichen Missgeburten ist kein langes Leben beschieden, und manche kommen bereits tot zur Welt, so wie die Erfindungen der Linguistin Lann Hornscheidt, die die Professur für Gender Studies und Sprachanalyse im Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Berliner Humboldt-Universität innehat und sich darum bemüht, jeden Unterschied zwischen den Geschlechtern sprachlich einzuplanieren. Auf ihrer Website heißt es: »Ich verstehe mich als entzweigendernd. Das heißt: ich verstehe mich weder als Mann noch als Frau und lebe auch nicht als Frau oder Mann. Dies lebe ich auch darüber, dass ich neue Sprachformen für mich wähle. Diese fordern die Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit heraus. Momentan benutze ich die Endung -ecs und das Pronomen ecs als Bezugnahme 3. Person Singular.« Das Kürzel »ecs« stehe »für Exit Gender, das Verlassen von Zweigeschlecht lichkeit«. Und es folgen ein paar Beispielsätze: »Lann liebt es mit anderen zu diskutieren. Ecs lädt häufig dazu ein, einen Roman zu besprechen. Lann ist Lesecs von vielen Romanen.«

Got it? »Die Endung kann an den Stamm von Personenbezeichnungen angehängt werden: Schreibecs, Schwimmecs, Musikecs (…) Ein Beispielsatz: ›Lann und ecs Freundecs haben ecs Rad bunt angestrichen.‹« Doch darauf ist Lann Hornscheidt nicht allein verfallen: »Diese Formen haben Lio Oppenländer und ich zusammen uns ausgedacht.«

Lio Oppenländer wiederum bietet in Berlin den Workshop »Was verRückt mein Fühlen?« an: »Bewegend, wortend, interagierend spüren wir* – die Workshopteilnehmer_innen – den Fragen nach: Wie ist unser* Fühlen_Handeln durch psychiatrische Normen geprägt? Wie können wir* empowernd mit unseren Gefühlen und Wahrnehmungen in Kontakt und mit Anderen in Austausch kommen?«

Den Austausch mit anderen wird man dort nur verlernen können. Aber keine Sorge: Wortend, entzweigendernd und empowernd werden diese wilden Hühnecs und ecs Freundecs in ecs Stall versauern, und es wird schon bald kein Hahn mehr nach ihnen krähen.

Gerhard Henschel

 

 

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