Kein Verständnis …

… habe ich für die Kollegen, die sich nach den Sondierungsgesprächen zwischen Union und SPD beschwerten. Viel zu lang habe alles gedauert, klagten sie, weil die ganze Nacht durch verhandelt wurde. Derweil hätten die Journalisten in der Kälte vor dem Willy-Brandt-Haus gelegen und ihre unterkühlten Körper unter den Rettungsdecken aneinander geschmiegt, um sich gegenseitig etwas Wärme zu spenden. Julian Reichelt, der Chef von der Bild-Zeitung, war stinkesauer: »Nachdem man acht von zwölf Jahren miteinander regiert hat, braucht man so lange, um zu prüfen, ob man miteinander regieren kann, dass in einem solchen Zustand kein Lkw-Fahrer mehr fahren dürfte«, twitterte er so aufgebracht, dass er kaum mehr semantisch korrekte Sätze bilden, geschweige einen Lkw fahren konnte.

Reichelt war wütend, weil er als oberster Chef der Bild die ganze Nacht in der Redaktion saß, damit seine Zeitung als erstes über bahnbrechende Neuigkeiten berichten konnte wie zum Beispiel die Absenkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung um 0,3 Prozent. Deswegen wird die Bild schließlich gekauft und nicht wegen der Fotos dürftig bekleideter minderjähriger Mädchen. Wie man von einigen Kollegen von Springer hört, soll Reichelt sogar Merkel persönlich angerufen und gedroht haben, in der nächsten Ausgabe ein Popel-Foto von ihr zu bringen, wenn die Damen und Herren Politiker nicht langsam in die Pötte kommen. Trotzdem verhandelten die Gro-Ko-Sondierer noch fünf Stunden lang weiter.

Darüber zu jammern ist müßig. Ich beschwere mich auch nicht über die unzähligen Nächte, die ich auf Pressebällen und Empfängen durchmachen musste, über den Alkohol, der am nächsten Tag nichts weiter als Kopfschmerzen bereitet und über die viel zu kleinen Brüste der jungen Büroleiterin des MdB, die ich im nüchternen Zustand niemals angefasst hätte. Aber wenn ich mich darüber bei Angela Merkel beschweren würde, dann würde sie etwas dagegen unternehmen.

Atze Svoboda

 

---Anzeige---