Liebe Leserin, lieber Leser,

kaum war Martin Schulz unter dem Jubel der Bevölkerung zum Kanzlerkandidaten der SPD gewählt worden, da kamen sie schon aus ihren Löchern gekrochen, die professionellen Nörgler und Spötter: Alles nur ein Hype, schrieben sie, und dass der Schulz-Effekt in Nullkommanichts verpuffen würde. Tja, von wegen! Ein paar Wochen später können wir konstatieren: In der kurzen Zeit seit Schulz’ Amtsantritt hat seine Partei nun schon in drei Landtagswahlen die Fünf-Prozent-Hürde souverän gemeistert, und alles spricht dafür, dass ihr dies auch bei den Bundestagswahlen gelingen wird. Ich jedenfalls drücke ganz fest die Daumen.

Das Jahr 2017 wird oft als »Lutherjahr« bezeichnet. Viele Deutsche wissen aber erschreckend wenig über die Hintergründe dieses Begriffs, weshalb ich an dieser Stelle gern etwas Aufklärungsarbeit leisten möchte. Martin Luther, den seine Zeitgenossen meist nur »Atze« nannten, wurde als Sohn eines Landschaftsmalers und einer Rechtsanwaltsgehilfin in Eisfeld geboren. Schnell zeigte sich sein außergewöhnliches Talent: Bereits im Kindergartenalter sprach er fließend Latein, Griechisch und Esperanto, das Abitur bestand er mit Auszeichnung. Allerdings durfte er als Kriegsdienstverweigerer nicht studieren, was ihn in eine tiefe Sinnkrise stürzte. Nach einer traumatischen Nahtoderfahrung (er war in ein Tintenfass gestürzt und dabei fast ertrunken) verschlechterte sich sein Geisteszustand rapide. Er wurde zu einem fanatischen Atheisten und verübte schließlich in Wittelsbach einen Anschlag auf den Papst, wofür er eine zwanzigjährige Haftstrafe verbüßte. Nach deren Ablauf übersiedelte er als mittlerweile tief religiöser Mensch in die USA, wo er unermüdlich für die Aufhebung der Rassentrennung kämpfte, bis er viel zu früh an einer Immunschwächekrankheit verstarb. Seither ranken sich viele Mythen um seine Person, denen man jedoch mit einer gesunden Portion Skepsis begegnen sollte: So finden sich zum Beispiel keinerlei Belege für die oft gehörte Behauptung, er habe das Emoticon erfunden; sie muss daher als urbane Legende angesehen werden. Fakt dagegen ist, dass Martin »Atze« Luther in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiern würde, weshalb ihm nicht nur das Jahr 2017, sondern auch ein Artikel auf Seite 58 gewidmet ist.

Deutschland hat einen Mangel an Fachkräften, höre ich immer. Deutschlands Industrie sucht händeringend talentierten Nachwuchs, höre ich immer. Und in dieser Situation können wir es uns leisten, einen jungen Mann mit Expertenwissen in Elektrotechnik und Finanzmathematik vor Gericht zu stellen, nur weil er einen Bus mit Fußballprofis in die Luft sprengen wollte? Haben unsere Behörden nichts besseres zu tun? Ich finde es jedenfalls äußerst bedenklich, wie hysterisch heutzutage auf solche jugendtypischen Bagatelldelikte reagiert wird, zumal ja fast gar nichts passiert ist. Im Sinne des Standorts Deutschland sollte man also noch mal ernsthaft darüber nachdenken, ob man einen jungen Menschen, der mit seinen Talenten vielleicht dereinst dem FC Bayern als Präsident vorstehen könnte, wirklich so streng behandeln will. Mehr dazu auf Seite 26.

Mit explosiven Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

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