abfreaken

What’s new, Pussycat? »Schnüffel-Add-On«, »Echokammer«, »Gefährder-Ansprache«, »postfaktisch«, »transfaktisch«, »gendernonkonform«, »touchsensitiv« … Zu den neuen, fortlaufend auf wortwarte.de vorgestellten Wörtern gehörte am 29.11.2016 das Verb »abfreaken«.

Man findet es auf drugscout.de in einer Warnung vor Poppers (»Habe schon Leute von dem Zeug abfreaken sehen«), auf residentadvisor.net im Hinweis auf einen Soundcloud- Mix (»Aber dann statt abzufreaken, jazzy zu werden, kommt eine poppige Melodie«) oder in einem Rezept auf chefkoch.de (»Chips zum Abfreaken«), aber gar so neu ist dieses Tuwort nicht. Zumindest in seiner adjektivierten Gestalt geht es seit langem um. Auf gutefrage.net erkundigte sich 2011 jemand danach, ob es das Wort »abgefreakt« gebe, und erhielt von mariadana2906 eine etwas unkare Antwort (»ähmm im duden wirds nicht stehen aber es ist ein neoglismus oder auch eine wortneuschöpfung ... das kann man schon sagen aber in der Doktorarbeit würde ichs weglassen^^«). Was die neue Frage aufwarf, ob sich auch der Begriff »neoglismus« einbürgern könnte – zur Zeit sind’s 13 Google-Treffer.

Und bereits 2002 kam in Jan Hemmings musikpsychologischer Studie »Begabung und Selbstkonzept« jemand zu Wort, der – aber lesen Sie selbst: »Klassik hat keinen Groove in dem Sinn. Es mag sein, dass es da irgendwelche abgefreakten Sachen gibt, von denen ich nichts weiß und die dann irgendwie groovy sind, aber Klassik hat ein ganz anderes Feeling als Pop- oder Rockmusik.« Aus demselben Jahr datiert die auf baldurs-gate.eu verewigte Feststellung: »Fallout I+II sind endgeil, konkretkrass unbeschreiblich abgefreakt!!!«

Doch es wächst unaufhörlich Neues nach – mehr als genug. »Heute«, hat mir vor einiger Zeit die Hamburger Journalistin Julia Müller geschrieben, »möchte ich Ihnen ein Thema ans Herz legen, wo es an meinem schon länger schmerzt: die allgegenwärtige Bläh-Sprache: ›Sein oder Nichtsein – das ist hier die Fragestellung‹, so würde Hamlet heute zitiert. Denn ohne Wurmfortsätze wie ›-stellung‹ kommen bedeutsam sein wollende Substantive gar nicht mehr aus: Problemstellung, Hilfestellung etc. Oder Zielsetzung, Erwartungshaltung, Beschlussfassung, Gesetzgebung, Drohgebärde bzw. -kulisse – so jüngst in einer Radiomeldung, Nordkorea habe auf westliche Einmischung in seine Politik mit der Drohgebärde reagiert, es würde seine Atomsprengköpfe einsetzen. Ja, ist das nur ein Stinkefinger?
Oder vielleicht doch eine Drohung? Ich glaub schon.«
Ich auch.

Gerhard Henschel

 

---Anzeige---