Liebe Leserin, lieber Leser,

ob Eltern, Lehrer, Kollegen, Ehepartner, Kinder, Enkel oder einfach nur fremde Menschen auf der Straße: Sie alle haben mir schon bei der einen oder anderen Gelegenheit einen Besuch beim Psychiater nahegelegt. Vom flapsigen »Sie sind doch gestört!« bis zum intensiven »Ich mache mir Sorgen um dich!« war alles dabei. Aber ich habe stets tapfer widerstanden, weil ich an mich selbst glaubte und an meine Art, die Dinge anzugehen. Und jetzt, nach all den Jahren, gibt mir nicht nur meine Lebenserfahrung, sondern auch die Wissenschaft recht: »Höhere Grundwerte in paranoider Persönlichkeit«, so steht es in einer aktuellen Studie geschrieben, korrelierten mit beruflichem Aufstieg, und Verfolgungswahn sei geradezu eine notwendige Eigenschaft für Führungskräfte. Nun, ich habe das ja schon immer gewusst, aber zugegebenermaßen tut es doch gut, von einer neutralen Instanz derart bestätigt zu werden. Zugleich dürfte damit auch der letzte Zweifel daran beseitigt sein, dass mein lebenslanges Misstrauen gegenüber Eltern, Lehrern, Ehepartnern, Kindern, Enkeln sowie fremden Menschen auf der Straße voll und ganz berechtigt war und ist.

Moderne Staaten brauchen Innovationen, sonst verkrusten sie und fallen im internationalen Wettbewerb zurück; am Ende stehen Hunger, Bürgerkrieg und Anarchie. In Deutschland hat man das verstanden und tüftelt deshalb fleißig daran, die Prozesse im Öffentlichen Dienst zu optimieren. In den Bürgerämtern zum Beispiel herrschte früher ständig Chaos, weil die Leute einfach dann hin gingen, wann es ihnen passte. Das ist heute nicht mehr möglich, weil man drei Monate im Voraus einen minutengenauen Termin vereinbaren muss. Das hat für alle Seiten Vorteile: Die Sachbearbeiterin hat die Chance, sich gründlich auf ihre jeweilige Aufgabe vorzubereiten, und der Kunde bekommt seinerseits genug Zeit, um sich zu überlegen, ob er denn wirklich einen neuen Reisepass braucht – zu Hause ist es doch auch ganz schön!
Auch bei der Polizei geht man Herausforderungen mit frischen Ideen an. So hat man irgendwann festgestellt, dass herkömmliche Ermittlungsarbeit geradezu verschwenderisch aufwendig ist: Man muss Zeugen befragen, am Computer recherchieren, im Extremfall gar das Büro verlassen. Und am Ende wird der Fall meistens doch ungelöst zu den Akten gelegt, weil man in der Nähe des Tatorts keinen Ausländer gefunden hat. Da liegt es doch nahe, externe Spezialisten zu Rate zu ziehen, die ebenfalls täglich mit mysteriösen Vorfällen konfrontiert sind, aber eine viel höhere Erfolgsquote haben und im Gegensatz zu den hoch defizitären staatlichen Ermittlungsbehörden auch noch Gewinn erwirtschaften: Ich rede natürlich von professionellen Hellsehern. Auf Seite 28 schildern wir exemplarisch, wie diese Zusammenarbeit in der Praxis aussieht.

Herrje, war das wieder ein aufgeregtes Geschnatter in den Medien, als bekannt wurde, dass beim Verfassungsschutz ein Islamist aufgeflogen war. Dabei ist doch ganz offensichtlich, dass es gute Gründe für diese Personalie gab: Bei der Tatsache, dass besagter islamistischer Verfassungsschützer nebenbei auch noch schwul, katholisch und Vater eines behinderten Kindes ist, handelt es sich nämlich entgegen der Ansicht fast aller Kommentatoren eben gerade nicht um einen kuriosen Nebenaspekt, sondern um den Kern der ganzen Angelegenheit: Der Mann dürfte einfach aus Quotengründen eingestellt worden sein. Weitere interessante Informationen zu diesem Fall gibt es auf Seite 24.

Mit verfassungskonformen Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

 

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