Lebt eigentlich Alice Schwarzer noch?

Lebt eigentlich Alice Schwarzer noch?Das fragten sich die Freunde des charmanten Feminismus in diesem Jahr. Sollte die Grundforderung im Weltkrieg der Geschlechter – »Meine Möse gehört mir!« – keine berufene Ruferin mehr haben?

Diese Annahme lag nahe, seit Schwarzer kundgetan hatte, vollständig unschuldig, unwissend, gegen ihren Willen und »in totalem Widerspruch zu allem, was ich bin und lebe«, Steuern hinterzogen zu haben, und zwar in einer Höhe, die ein Redakteur beim EULENSPIEGEL nicht als Jahreseinkommen erreicht. Sie war tief enttäuscht von sich. Hat sie sich aus dem Frankfurter Emma-Turm gestürzt? Hockt sie in der Psychiatrie? Im Gefängnis (natürlich nicht, denn sie beschiss viel weniger als Uli Hoeneß)? Oder ist sie in dem Haufen Belegen und Zettelchen erstickt, den sie den Finanzbeamten für die Tiefenprüfung beibringen muss?

Seit dem 2. Februar war sie verschollen. Jetzt tauchte sie im Fernsehen wieder auf. Ungern, noch immer zerknirscht – aber der Kampf gegen Vollverschleierung ist dringlicher zu führen, als die eigene Befindlichkeit zu pflegen ist. Das war auch Gelegenheit, uns darauf vorzubereiten, dass ein dickes Ende bevorsteht: »Der Betriebsprüfer sagte zu mir, machen Sie sich keine Sorgen, Frau Schwarzer, wir finden immer was.« Und: »Die heben dich an den Füßen hoch und schütteln so lange, bis was rausfällt.«

Herausfallen aus Alices Schlüpferchen dürfte das Bundesverdienstkreuz. Denn das ist das Komische: Wenn jemand das alberne Ding umgehängt bekommt, interessiert das kein Aas, denn jeder Zweite hat es. Aber wenn man jemanden mit Petitionen im Internet dazu nötigen kann, es wieder abzugeben, dann ist es plötzlich »von hohem symbolischen und moralischen Wert«.

Nun stand auch noch in der Zeitung, dass Alice (73) eine Geliebte hatte – pfui! Die hat das Buch »Tango mit Alice« geschrieben, das Alice verbieten ließ. Daraufhin hat die Ex das Buch »Schwarzer Tango« genannt, das Alice verbieten ließ. Wenn uns die Schwarzer nicht zeitnah alle darin enthaltenen pikanten Details erzählt, ist Schluss mit dem deutschen Feminismus.

Matti Friedrich

 

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