Sammler am Swimmingpool – aus Heft 8/2018

macronAls 1977 ein Kind im nordfranzösischen Amiens das Licht Frankreichs erblickt, trägt es noch keine Namen. Doch sofort sammelt es welche: Emmanuel, Jean-Michel, Frédéric, Macron. Das sind selbst für ein Franzosen-Baby mehr Bezeichnungen, als nötig wären. Und sie lassen bereits auf den Charakter des zukünftigen französischen Präsidenten Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron schließen. Ein Mann, der seitdem von dem Vorhaben getrieben ist, alles auf der Welt zu sammeln.

Emmanuel usw. Macron ist ein braves und stilles Kind. Seine Altersgenossen interessieren sich für die Chansons von Édith Piaf, die Filme mit Louis de Funès und kandierte Froschschenkel. Der kleine Macron ist anders. Er sammelt Briefmarken-Alben, Setzkästen mit Ü-Ei-Figuren und Bauchnabelflusen. Und noch etwas unterscheidet ihn von seinen Altersgenossen: Er will hoch hinaus. Dabei sind seine Voraussetzungen denkbar ungünstig. Macron ist ein Kind aus einfachem Hause; die Mutter verdingt sich als Kinderärztin in Staatsdiensten, der Vater ist gewöhnlicher Professor für Neurologie. Von einem eigenen Hubschrauberlandeplatz oder einem Privatjet kann die Familie nur träumen. Fabergé-Eier gibt es nicht mal zu Ostern, und wenn er einen Picasso sehen will, muss Macron mit dem Bus ins Museum fahren. Trotz all dieser widrigen Umstände soll er es später auf die besten Schulen und Universitäten des Landes schaffen und Abschlüsse sammeln.

Macron entwickelt sich schnell, sehr schnell. Ein französisches Sprichwort, das auf ihn gemünzt ist, lautet: Wer mit 13 kein Kommunist ist, hat kein Herz; wer mit 14 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand. – Als er im Alter von 14 die 24 Jahre ältere Deutschlehrerin Brigitte kennenlernt, schätzt sie an Macron vor allem diese Reife, diese Abgeklärtheit des Realpolitikers, die ihn bereits damals kennzeichnet. Und natürlich steht sie auch auf süße Jungs.

Macron wiederum bewundert Brigitte vor allem für ihre immense Sammlung an Lebenserfahrung. Gemeinsam träumen sie von der Zukunft: sie von wildem Sex mit einem Minderjährigen, er von finanzieller Unabhängigkeit dank einer Lebensversicherung, die er auf Brigittes Namen abschließen möchte. Wenn sie nackt nebeneinander liegen, zählt sie seine ersten Brusthaare, er ihre Doppelherz-Knoblauchdragees.

Einem privilegierten Kind hätte man diese ungewöhnliche Liebe vielleicht zugestanden. Aber für den jungen Macron aus schlechtem Hause ist das natürlich anders. Unter Schimpf und Schande wird er aus der Provinz und Brigittes Armen vertrieben und an das Elitegymnasium Lycée Henri IV in Paris verjagt. Ein paar Studienabschlüsse an Eliteuniversitäten später ist er plötzlich Direktor im Finanzministerium, dann Investmentbanker, dann Wirtschaftsminister. All das ohne Beziehungen! Der Straßenjunge ist plötzlich wer.

Als gemachter Macron kehrt er aus der großen Stadt zurück und feiert Hochzeit mit seiner Brigitte. Doch am Horizont Frankreichs sammeln sich finstere Wolken. Die Sozialisten, für die Macron als Wirtschaftsminister tätig ist, wollen die Republik kaputt machen! Kein Franzose denkt plötzlich mehr an die Wirtschaft, nur noch an sich selbst und blutjunge Dinger wie Juliette Binoche und Sophie Marceau. Das ist nicht mehr der Sozialismus der einfachen Leute, für den Macron steht und für den Ludwig XVI. geköpft wurde! Statt eigenverantwortlich ihr Bestes zu geben und so den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen, stehen die Arbeiter auf den Barrikaden. Aber Macron ist darauf vorbereitet: In all den Jahren hat er wichtige Sinnsprüche gesammelt. Diese kann er nun den Demonstranten zurufen. Zum Beispiel: »Die beste Art, sich einen teuren Anzug zu leisten, ist arbeiten zu gehen«. Und damit sie ihren leidenden Firmen nicht schaden, rät er Arbeitern, nicht zu streiken, sondern sich lieber eine neue Arbeit zu suchen.

Von einem der ihren, der es nach ganz oben geschafft hat, nehmen die Arbeiter diese Vorschläge gerne an. Beim damaligen Präsidenten Hollande verfangen solche frischen Ansichten jedoch nicht. Der junge Wirtschaftsminister muss die Regierung verlassen. Die Party ist für ihn vorerst vorbei, als er der Parti Socialiste den Rücken kehrt. Schon bald aber besinnt er sich seiner Sammelleidenschaft. In nur wenigen Monaten sammelt er mehrere Millionen Euro und Tausende Mitglieder und gründet seine Sammlungsbewegung »En marche«, die sich mit ihm nicht nur die politischen Ansichten, sondern auch die Initialen teilt. Macron kommt dabei zugute, dass er ein Linker ist, vor allem einer, der, wie er sagt, »Lust hat, mit Rechten zusammenzuarbeiten«.

Und Macrons lustvolle Zusammenarbeit führt dazu, dass er 1:1 die Forderungen von Le Pen übernimmt, die Sozialsysteme abbauen und Betriebsräte nackt vor dem Élysée-Palast auspeitschen lassen möchte. Etwas, das ihn nicht weniger links macht, sondern im Gegenteil noch viel sympathischer. Kein Wunder also, dass ihn die Franzosen im Nu zum Präsidenten der Republik wählen.

Die Macht, die er damit sammelt, klebt er in ein Album. Bei internationalen Auftritten darf er jetzt mit Angela Merkel und Theresa May »bises« tauschen und sich, ohne mit der Wimper zu zucken, beim Handshake von Donald Trump die Finger brechen lassen. Der französische Präsident genießt diese neue Bühne. Doch immer wenn er Fernsehkameras sieht, hofft er, dass es die Bilder von ihm ins heimische Amiens schaffen, wo sich seine Kumpel von damals an den brennenden Mülltonnen im Yachtclub wärmen.

Trotz aller Erfolge ist der Mann auf dem Boden geblieben. Einem Boden aus edlem Marmor zwar, aber immerhin. Für sein Frankreich wünscht er sich nichts lieber, als dass es bald wieder wirtschaftlich gesund und stark aus der derzeitigen Krise hervorgeht, und dass es viele junge Leute mit Leistungswillen nach oben schaffen. So wie er. Denn das ist der Kern seines Sozialismus. Wenn er dann noch einen Wunsch frei hätte, würde er sich einen Swimmingpool in der Sommerresidenz des französischen Präsidenten wünschen. Den Bau eines ebensolchen hat er auch schon veranlasst. Und wer Macron kennt, weiß, dass es nur der erste Swimmingpool von vielen sein wird.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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