Trainer aus der Taiga – aus Heft 6/2018

lwgrDer Flur gleicht einer endlosen Trophäensammlung. Bundesverdienstkreuz 2010, »Schönster Bundestrainer der Welt 2012«, »Nivea Men Award 2013«, »The Face 2014«, »Hair of the year 2015«, »Master of Manicure 2016« sowie eine original Schwarzwälder Kuckucksuhr. Auf dem Waschtisch steht der WM-Pokal von 2014 und trägt seine Dienstperücke. Joachim Löw hat alles erreicht, was es in der Männerwelt zu erreichen gibt. Doch die größte Herausforderung steht ihm erst noch bevor. In diesem Sommer in Russland soll er schaffen, was noch kein Deutscher vor ihm geschafft hat: die Verteidigung des Weltmeistertitels und der westlichen Wertegemeinschaft.


Bei dem bevorstehenden Turnier, darin sind sich Experten einig, wird es vor allem auf den Mann an der Seitenlinie ankommen. Von einer »Trainer-WM« schreibt die #Süddeutsche Zeitung. Es gab Jahre, da standen andere im Vordergrund. Die Rede war dann von einer Spieler-, Betreuer-, Masseur- oder Zeugwart-WM. Doch diesmal soll es einzig und allein der Trainer richten. Alle Hoffnungen der Nation ruhen auf Joachim Löw.

Oberkörperfrei, mit verspiegelter Sonnenbrille betritt er sein Wohnzimmer. Unter dem linken Arm hat er einen eigenhändig erlegten Waschbär eingeklemmt, in der rechten Faust zuckt ein Eichhörnchen ein letztes Mal. »Man muss einen Putin schon au mit seinen eigenen Bildern schlagen «, sagt Löw und küsst seinen Bizeps. Russlands Präsident und Deutschlands Bundestrainer haben mehr gemeinsam, als man denkt: Beide wuchsen auf in der Taiga, beide enthaaren sich die Brust, beide sind seit zwölf Jahren an der Macht und frisch und glücklich geschieden.

Den enormen Druck sieht man Löw nicht an. Unter seinem dichten schwarzen Haar wachsen zwei schneeweiße »Dr. Dre«-Kopfhörer heraus, aus denen die Beats seines Lieblingssingersongwriters wummern. Als der Refrain einsetzt, singt Löw emphatisch mit: »Bei Mathilde, Ottilie, Marie und Liliaaane – aber bitte mit Saaané!« Mitsingen gehöre einfach dazu, sagt er, das gelte für Bundestrainer genauso wie für Nationalspieler.

Früher habe er das nicht ganz so eng gesehen, bis zur ersten Vorladung ins neue Heimatministerium. »Gerade von einem Spieler wie Mesut, mit seinen Veranlagungen, erwarte ich mir beim Turnier schon au eine andere Körpersprache. Dass er bei der Hymne nicht nur die Glotzer, sondern wie der Manu oder der Thomas das Maul aufsperrt.« Löw überlegt: »Die Spieler heutzutage tätowieren sich allen möglichen Schnickschnack auf die Unterarme. Warum nicht au mal ein schlichtes ›Danke, Merkel‹?«

Zur Kanzlerin pflegt Löw ein besonders inniges Verhältnis. Wenn er von ihr erzählt, spricht er gern von seiner »Anschela«. Löw ist der einzige Bundesbürger, der Merkel in der Öffentlichkeit so nennen darf, ohne das Bleiberecht entzogen zu bekommen. Immer, wenn er die Anschela gebraucht habe, sei sie für ihn da gewesen, sagt er.

Nach seiner Trennung von Jürgen Klinsmann habe sie ihn mit den Worten getröstet: »Andere Bäcker haben auch blonde Söhne.« Und als er sich vor einem Millionenpublikum im Schritt kratzte und Konsequenzen fürchtete, sagte sie nachsichtig, so etwas jucke sie nicht die Bohne. Dass ihm Merkel seit jeher freie Hand lässt, und auch bei Aufstellung, Platzwahl oder Werbeverträgen mit Kosmetikherstellern so gut wie nie reinredet, will er ihr nun mit dem zweiten WM-Titel in ihrer Amtszeit zurückzahlen. Eine solche sportliche Bilanz hätten nicht einmal Adenauer oder Bismarck vorzuweisen.

Verbal versucht Löw im Vorfeld der Russland- WM abzurüsten. »Wir kommen diesmal als elf Freunde und nicht als 6. Armee«, betont er. »Aber es ist schon au klar, dass wir kein zweites Stalingrad erleben wollen.« Auf dem Weg nach Moskau soll ihn nichts aufhalten. »Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet«, verspricht Löw.

Auch auf einen plötzlichen Wintereinbruch im Juli. Wettertechnisch müsse man in der Taiga mit allem rechnen. »Als Schwarzwälder spreche ich da schon au aus einer gewissen Erfahrung.« An der Wand krächzt der Kuckuck zur vollen Stunde. »Schon so spät!«, staunt Löw. Draußen warten die letzten WM-Wackelkandidaten auf das Kadercasting beim Bundestrainer. »Bin gleich wieder da«, entschuldigt sich Löw und verschwindet im Badezimmer. Die drei Stunden, in denen er sich kurz frisch macht, vergehen wie im Flug. »Mmmh, Armani«, schwärmt Mario Götze, als der Trainer zurückkehrt. »Falsch! Lagerfeld!

Tut mir leid, Mario, ich habe leider kein Foto für dich, du bist raus.« Als nächstes schreitet Manuel Neuer den WM-Laufsteg ab. Löw bittet ihn um ein paar Pirouetten und lässt sich dann den Problemfuß zeigen, der den Torwart zu einer mehrmonatigen Pause zwang. »Der Bruch sieht verheilt aus«, sagt Löw, »Sorgen bereitet mir allerdings der fürchterliche Zustand deiner Nägel.« Neuer stammelt etwas von einer Nagelpilzepidemie in der Reha. »Bis zum Auftaktspiel müssen die in Schuss sein«, droht Löw. »Wie du das anstellst, ist mir egal. Auf die Schnelle rate ich dir zu French Nails.«

Löw schaut auf die Uhr. »Högschde Zeit fürs Abendbrot.« Er holt ein Pfund Magerquark aus dem Kühlschrank, schneidet Gurke, Avocado und Sellerie in dünne Scheiben und trägt schließlich alles in der richtigen Reihenfolge auf sein Gesicht auf. Löw ist nicht nur Bundestrainer, sondern zertifizierter »Pflege-Coach« von Nivea. Er habe auch Anfragen kleinerer Kosmetikklitschen erhalten, verrät Löw, aber er spiele nun mal am liebsten in der Beauty-Champions-League – »sozusagen bei Nivea Madrid«, lacht er und fährt sich mit der Quarkhand geschmeidig durchs Haar.

Mexiko, Schweden und Südkorea heißen die Gruppengegner der Deutschen. Löw zündet sich eine Light-Zigarette an und sieht der Vanillewolke hinterher. »Keine unattraktiven Gegner«, sagt er, »aber ich persönlich hätte mir Nordkorea gewünscht. Wenn schon, denn schon.« Spiele gegen bizarre Nationen hätten ihren eigenen Reiz. Löw scheut die politische Verantwortung genauso wenig wie sein Verbandspräsident Reinhard Grindel, der beteuerte, der DFB werde sich stets »für den Erhalt der Menschenrechte« einsetzen – und zwar »vor und nach der WM«. Die sen Auftrag nimmt Löw total ernst. Demnächst reist er ins Trainingslager nach Eppan an der Weinstraße. »Wegschauen geht dann nicht mehr. Das gilt für Russland, aber schon au für Südtirol.«

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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