Ohne Prozess – aus Heft 6/2018

Jemand musste Markus S. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin, Frau Baumüller-Söder, die ihm jeden Tag das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals geschehen, und S. sagte sich, dass es auch niemals wieder geschehen würde. Sobald er seinen Kaffee getrunken hatte, den ihm Frau Baumüller-Söder bald bringen musste, wollte er ihr eine Lektion erteilen. S. mochte diese erzieherischen Maßnahmen einer erwachsenen Frau gegenüber nicht, aber Frau Baumüller-Söder zwang ihn zu seinem eigenen Bedauern regelmäßig, ihr zu zeigen, wer der Gesetzgeber im Hause war.


Hungrig läutete er die Bedienstetenglocke. Sofort stürmten mehrere Polizeibeamte, die er noch nie in dieser Wohnung gesehen hatte, das Zimmer. »Wer sind Sie?«, fragte S. und lag gleich flach auf dem Boden, die Hände auf dem Rücken. »Sie haben geläutet?«, sagte einer der Beamten, und schallendes Gelächter drang an sein Ohr. »Ja, was wollen Sie denn?«, sagte S., wohl ein wenig undeutlich, denn keiner der vier oder neun Herren – S. konnte ihre Anzahl aufgrund seiner liegenden Position nicht genau bestimmen –, reagierte auf seine Frage. Sie schienen überhaupt zu sehr damit beschäftigt, abwechselnd auf seinem Rücken Platz zu nehmen oder ihn mit ihren Stiefeln und Stöcken ein wenig zu necken.

Doch schon bald hatten sie ihre Freude daran verloren und trugen ihn, was wohl seinem Rang als Ministerpräsident geschuldet war, die Treppen hinab, wo schon ein Automobil wartete, wie er mit halbem, noch funktionstüchtigem Auge wahrnehmen konnte.

S. erwachte in einem Raum, in dem er zu seiner Überraschung festgebunden an einem Metalltisch saß. Er konnte sich nicht daran erinnern, musste aber wohl während der Fahrt auf dem Boden des Automobils eingeschlafen sein. Den Raum hätte er, wären nicht in zwei Zimmerecken Kameras angebracht gewesen, für eine Rumpelkammer gehalten. Es roch unangenehm nach dem Erbrochenen, das jemand vergessen hatte, vom Tisch und aus seinen Mundwinkeln zu wischen. Wie er erst jetzt bemerkte, saßen ihm gegenüber zwei Herren. »Schau, Franz, er ist aufgewacht«, sprach der eine das Offensichtliche aus, das auch der mit Franz Benannte schon längst bemerkt haben musste. Es musste sich hier um niedere Dienstgrade handeln, dachte S. und warf einen Blick auf die Schulterabzeichen der Herren. Bei einem der beiden handelte es sich um einen Kommissar, erkannte S., der andere aber stak in einer Art dunkler Lederkleidung, die den Hals bis tief zur Brust und die ganzen Arme nackt ließ. Überdies hielt er eine Rute in der Hand. Waren das noch bayerische Staatsbeamte oder stammten sie von einer anderen Behörde, fragte sich S., aber selbst wenn, war diese Behörde doch wohl immer noch dem bayerischen Ministerpräsidenten unterstellt. Deshalb war er nicht gewillt, sich einschüchtern zu lassen.

Er wusste, wie man mit untergebenen Beamten zu reden hatte. »Ich würde euch gut belohnen, wenn ihr mich laufen lasst«, sagte er und wollte seine Brieftasche hervorziehen, konnte sie jedoch nicht finden. Die beiden Beamten beobachteten, wie S. sich eine Weile abmühte, dann sagte Franz: »Aber Sie sind doch entmündigt. Ihre Brieftasche wurde konfisziert.« »Ich muss doch aber wohl einem Richter vorgeführt werden «, sagte S. nun spitzfindig. »Hörst du das, Willem? Einem Richter«, sagte Franz zu dem anderen Beamten, der kurz auflachte, und dann wieder an S. gewandt: »Es ist nicht nötig.« »Das wäre neu«, sagte S. »Ist es auch«, entgegnete Franz.

»Die Gesetze sind veränderlich, sie wurden umgeschrieben. Und Sie, Herr S., so sagen es die Gesetze, stellen eine Gefahr dar.« »Aber für wen denn?« S. war ganz außer sich. Außer den in seiner Branche üblichen Schmutzeleien hatte er noch nie irgendjemandem etwas getan, und selbst alles, was er sagte, war doch nur Gerede, um ins Fernsehen zu kommen. Sollte nun – mit einem Mal – etwas, das er gesagt hatte, Konsequenzen haben? S. konnte es nicht glauben. »Holen Sie unverzüglich Ihren höchsten Dienstherren, den höchsten Herren der Exekutive in diesem Freistaat!«, befahl S. da er überzeugt war, dass den beiden nur deutlich genug befohlen werden musste. »Jawohl, Herr«, sagte Franz in einem merkwürdigen Ton, den S. nicht zu deuten vermochte. Diese einfache Anweisung schien Franz zu verunsichern, denn wie um Hilfe suchend blickte er sich um. Schließlich sah er S. ins Gesicht und sagte: »Und jetzt, Herr?« Was waren das nur für begriffsstutzige Menschen! S. schüttelte abschätzig den Kopf. »Das war ein böser Blick«, sagte Willem und zeigte mit der Rute auf S. »Ganz klar«, sagte Franz, »Widerstand gegen die Staatsgewalt.« Und bei diesen Worten stand Willem auf und schwang die Rute. »Ich will euren Vorgesetzten sprechen«, rief S., dann traf ihn die Rute.

Es mochten Tage, vielleicht aber auch nur Minuten vergangen sein, als ein Lichtstrahl auf den Tisch fiel. S. wandte den Kopf und erblickte ein großes Fenster, das ihm bisher entgangen war. Das Licht davor schien von Menschen auszugehen, die unten im Hof einen großen Aufruhr verursachten. S. reckte seinen Hals und konnte Frau Baumüller-Söder sehen. An ihrer Seite stand ein Mann, der heftig gestikulierte und immer wieder – aber bisher vergebens – versuchte, an den Beamten am Toreingang vorbeizuschlüpfen. Wie S. erst jetzt erkannte, handelte es sich bei dem Mann um seinen Advokaten Dr. Huld. Endlich kam Hilfe, dachte er und blickte eindringlich auf Frau Baumüller-Söder, als könne sein Blick ihr die Kraft geben, die Beamten zu überwinden. »Karin!«, wollte er wie im Reflex rufen, doch sofort wurde ihm klar, dass sie ihn durch das geschlossene Fenster gar nicht hätte hören können, und so beschloss er, seine Kräfte zu schonen. Seit jeher oder zumindest seit Edmund Stoiber war es Brauch, dass die Frau des bayerischen Ministerpräsidenten Karin hieß.

S. dachte kurz über diese Regelung nach und darüber, dass Günther Beckstein nur deshalb abgesetzt worden war, weil seine Frau nicht Karin geheißen hatte. Oder – so kam es ihm plötzlich in den Sinn – war es immer dieselbe Karin gewesen, die den Ministerpräsidenten ausgetauscht hatte? War seine Karin all die Jahre so mächtig gewesen, und er hatte es nicht bemerkt? Dann sollte es ihr doch ein Leichtes sein, ihren Angetrauten aus dieser Ungerechtigkeit zu erlösen. Und wie im Fieber sah er Frau Baumüller-Söder alle Beamten, die sich zwischen sie und ihn drängten, mit wenigen Handstreichen vernichten. Selig lächelnd wurde ihm wieder dunkel vor Augen.

S. wurde sanft vom Polizeipräsidenten geweckt, mit dem er schon seit vielen Jahren bekannt war. Ohne jegliche, in dieser Situation wohl auch unnötigen Formalitäten fragte S. geradeheraus: »Wieso bin ich verhaftet?« Der Polizeipräsident räusperte sich. »Sie gelten als Gefahr für die Demokratie und den Rechtsstaat, Herr, und nach dem Gesetz muss eine solche Person zum Zwecke der Gefahrenabwehr präventiv in Haft genommen werden.« S. schlug wütend mit der flachen Hand auf den Tisch. Eine Gefahr für den Rechtsstaat? Er? Er war der Garant für diesen Rechtsstaat! Da bemerkte er, dass über der Tür, vor der der Polizeipräsident stand, ein hölzernes Kreuz hing. Seine Befehle wurden also noch ausgeführt, dachte S. mit Genugtuung.

Mit einem Mal begriff er. Befehle also brauchten diese Leute, seine Befehle. »Nimm mir die Handschellen ab!«, befahl er, und unverzüglich beugte sich der Polizeipräsident zu ihm hinab und löste sie. »Wasser! Oder besser: ein alkoholfreies Weizen! Und Nürnberger Würschd mit Senf!«, befahl S., und mit Befriedigung sah er, wie einer der Beamten, der an der Tür gestanden hatte, hinauseilte. »Wer ist für meine Verhaftung verantwortlich?«, fragte er den Polizeipräsidenten und fügte sofort hinzu: »Ich möchte, dass er einer gerechten Strafe zugeführt wird.« »Ich könnte durchaus den, der dies alles angeordnet hat, zur Rechenschaft ziehen, Herr, wenn Sie es wünschen.« »Ja, das wünsche ich«, schrie S. nun beinahe schon. »Nun denn«, sagte der Polizeipräsident und nickte Franz und Willem zu, die hinter S. standen und ihn nun fest auf seinen Stuhl hinab drückten.

Die Logik ist unerschütterlich, auch einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war die Macht, die all dies angeordnet hatte? An S.s Gurgel legten sich die Hände des einen Beamten, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. »Wie ein Hund! Wie ein dummes Arschloch!«, sagte S.

Gregor Füller

 

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