In Stahl- und Aluminiumgewittern – aus Heft 3/2018

Wie man sich in einem Menschen täuschen kann. Die Wettquoten waren eindeutig, und egal, mit wem man darüber sprach, jeder war sich sicher: Donald Trump wird spätestens Anfang April die erste Atombombe seiner Amtszeit werfen. Doch anstatt einen dritten Weltkrieg zu starten mit Millionen Toten, riesigen verstrahlten Gebieten und minutenlangen Ausfällen von Facebook und Twitter, erhebt der mächtigste Mann der Welt (laut eigener Aussage sogar »der mächtigste mächtigste Mann der Welt aller Zeiten«) demnächst Zölle auf die Einfuhr von Stahl und Aluminium. – Die ökonomische Weltgemeinschaft ist enttäuscht.


Komplexeste Verflechtungen
Vor allem innerhalb der EU zeigt man sich verschnupft. »Schlimmer hätte es nicht kommen können «, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Schmitt, und ausnahmslos alle deutschen Experten stimmen ihm zu. »Kurzfristig bedeutet die Maßnahme zwar, dass die US-Stahlindustrie gestärkt wird. Mittelfristig aber, dass wir alle sterben müssen! Und langfristig sind die Folgen besonders drastisch: Investitionsrückgang und Eintrübung des Wirtschaftsklima-Index.«

Diese Aufregung dem normalen Bürger zu vermitteln, ist nicht leicht. Denn oft haben Laien wie Donald Trump eine vereinfachte Sicht auf wirtschaftliche Zusammenhänge. Zölle erhöhen die Einfuhrkosten einer Ware, als Folge wird es finanziell attraktiver, die Ware vor Ort zu produzieren. – »So denkt der ökonomische Depp«, sagt Dr. Schmitt. »Denn der Stahl, der nicht mehr in die USA exportiert wird, sorgt in Ländern ohne Zölle für einen Warenüberschuss und somit für verbilligten Stahl. Das ist furchtbar! Oder kaufen Sie etwa gerne billig ein?«

Dass die EU ihrerseits regelmäßig verschiedenste Strafzölle erhebt, zum Beispiel auf Solaranlagen aus China, um die eigene Produktion zu schützen, lässt Schmitt als Argument für Trumps Politik nicht gelten. »Das ist was ganz anderes«, klärt der Dr. der Ökonomie auf. »Das eine sind Solaranlagen, das andere ist Stahl. Das ist ein ganz anderes Material. Und auch farblich sind die Unterschiede evident. Das eine ist eher so grau, das andere schwarz. Wer diesen Unterschied nicht sieht, hat von Wirtschaft keine Ahnung!« Dass die EU sich nur verteidigt und keinesfalls der Aggressor ist, steht für ihn und seine Kollegen aus der EU außer Frage.

Notwendige Gegenwehr
Um sich nun vor den drohenden Billig-Importen aus Asien zu schützen, will die EU bald selbst Stahl und Aluminium mit Strafzöllen belegen. Ausbaden müssten diese politischen Eskapaden aber wieder die Menschen vor Ort, die die Entscheidung umsetzen müssen. In diesem Fall die Zöllner, die von den Transporteuren an der Grenze 20 Prozent mehr verlangen müssen und deshalb den geballten Frust zu spüren bekommen, obwohl sie nur ihren Job machen. Eine Nachfrage bei Dirk Zöllner erhärtet diesen Verdacht. Anfangs zeigt er sich noch freundlich, doch je detaillierter man nachfragt, desto stärker tritt der Unmut zutage: »Wat soll’n die Scheiße?«, fragt Zöllner rhetorisch in Richtung der EU und Jean-Claude Juncker.
»Hörn Se ma uff, ständig hier anzurufen! Wissen Se eientlich, wie spät es is? Ick gloob, et hackt!« Offensichtlich sind die Zöllner sehr unzufrieden mit der Zollpolitik der EU.

Vom Wirtschafts- zum Kriegsminister
Bei Stahl und Aluminium soll es aber nicht bleiben. Im Wirtschaftsministerium hat man bereits einen Krisenstab eingerichtet. In einem Sonderbesprechungszimmer, dem sogenannten Schützengraben, haben sich die Außenhandelsexperten um Peter Altmaier versammelt. Eigentlich sei er ja kein Kriegsminister, sagt Altmaier, aber Donald Trump habe nun mal mit dem Handelskrieg angefangen. Man könne nicht einfach nur zusehen, wie Trump die Weltwirtschaft zugrunde richte, man müsse sich aktiv beteiligen.

Der neue Wirtschaftsminister hat beschlossen – natürlich in enger Absprache mit den europäischen Partnern –, die Amerikaner wirtschaftlich komplett zu vernichten. Entschlossen setzt er sich an den Besprechungstisch und öffnet kämpferisch ein Glas mit Erdnussbutter. Doch schon nach dem zehnten Löffel, hat er genug. »E-kel-haft!«, ruft der Minister angewidert und bedeutet einem seiner Staatssekretäre, er möge mitschreiben. »Zoll. Ich würde sagen: 30 Prozent. Nee, schreib auf: 40 Prozent! Pfui!«

Die Liste der US-amerikanischen Produkte, die Altmaier mit Strafzöllen belegen will, wird immer länger: Harley-Davidson-Motorräder: 15 Prozent, Kaugummi: 20 Prozent, Filme mit Adam Sandler: 900 Prozent. – Die politischen Vergeltungsmaßnahmen laufen auf Hochtouren. Und der Minister hat noch lange nicht genug. »Ah, Coca-Cola«, sagt Altmaier und lächelt. »Strohhalm, bitte! Aaah. Herrlich erfrischend. Und so gesund. Noch einen Kanister, bitte. Aaaaah. Köstlich. Definitiv kein Zoll!«

Was sagt die deutsche Industrie?
Die konkreten Folgen der Zölle auf Stahl und Aluminium für die deutsche Stahlindustrie sind unstrittig: Der Stahl, der bisher in den USA abgesetzt wurde, könnte auf den europäischen Markt drängen. Das könnte den Preisdruck auf die einheimische Produktion erhöhen oder eben auch nicht, was wiederum dazu führen könnte, dass die Preise für Stahl fallen oder gar steigen.

Bei den Metall-Herstellern zeigt man sich angesichts dieser katastrophalen Aussichten momentan allerdings gelassen. Jupp Schimanski von Thyssen-Krupp in Duisburg zum Beispiel versteht die Aufregung nicht so recht. Er ist nicht der Mann, der sich von ein paar Strafzöllen einschüchtern ließe. Er weiß: »Obacht, dat kann jetzt ein bissken wärmer werden, als wie du dat gewohnt bist von zu Hause wech. Da drinne ham wir dat flüssige Roheisen«, erklärt er, rückt seinen Helm zurecht und überprüft noch mal den Sitz seiner Handschuhe. Auf die Frage, ob sich letztlich nicht die chinesische und indische Stahlindustrie als die heimlichen Nutznießer der protektionistischen Außenhandelspolitik der USA herausstellen könnten, hat Gewerkschaftsmitglied Schimanski eine klare Antwort:
»Quatsch nich rum! Hier kannste wat lern. So. Nich anlangen, da kricht man sonst Brandblasen von! Ich stoß dann ma hier mit’n Pressluftmeißel dat Spundloch auf, dat ham wir vorher mit der Zementspritze abgedichtet. So, siehste, jetzt kommt dat flüssige Eisen raus. Hiergeblieben! Junge, wat bist du empfindlich. Dat Eisen tut über den – wir Hochöfner sachen da Fuchs zu, dat is die Rinne hier – also et tut über’n Fuchs ablaufen. Im Fuchs trennt sich die Charge von die Schlacke. Am Ende, da vorne … getz stell dir nich so an! So heiß isset jarnich. Kuck! Da vorne geht dann det Eisen innen Torpedowagen. Zack. So einfach isset mit’n Abstich.«

Ob die europäischen Zölle sinnvoll sind und sich nicht beispielsweise auch deutsche Energiesubventionen marktverzerrend auswirken beziehungsweise ob die mit den Subventionen einhergehenden Verwerfungen im internationalen Wettbewerb die Zukunftsfähigkeit der europäischen Stahlindustrie eher verbessern oder verschlechtern, mag Schimanski nicht abschließend zu bilanzieren. »Dat is mir egal, ich hab jetzt Feierabend.« – Fraglich, ob mit dieser Einstellung ein Handelskrieg zu gewinnen ist.

Gregor Füller

 

---Anzeige---