Der kommende Mann – aus Heft 3/2018

kkMit einem Seufzer, der wie aus tausend Metern Tiefe aus ihm hervorbricht, lässt sich Kevin Kühnert in den Sessel erster Klasse fallen. Wieder liegt ein Tag, vollgepropft mit Reden und Diskussionen, hinter ihm. Hat es sich gelohnt? Hat er die Genossen überzeugt, dass es richtig ist, für einen etwas stärkeren Spitzensteuersatz, ein etwas breiteres Gesundheitssystem, etwas dickere Renten, eine etwas schönere Gerechtigkeit, eine etwas weichere Integration der ... der ... Außerirdischen, nein, der ... chrrr ... Kühnert schreckt hoch, sein überstrapaziertes Gehirn war kurz eingenickt. Wo war er hängen geblieben? Richtig ... für eine Prise mehr Verteilungsgerechtigkeit ... ein Häufchen mehr Europa ... und endlich die Zukunftsfragen auf den Tisch legen ... auch etwas besser schmeckende Arbeit in der digidadings ... huch! Sein Kopf war wieder weggesackt.

Kein Wunder! In vier Wochen hat Kevin Kühnert eine Strecke zurücklegt, die man zweimal um den Erdball wickeln könnte. Ist von einer SPD-Versammlung zur nächsten gerollt, um die im Fußvolk seiner kleinen, niedlichen Partei wuchernden Bedenken kleinzukriegen: Dass es richtig, wahr und gut ist, auch diesen Koalitionsvertrag mitzumachen. Klar, die SPD hat wieder kaum eine ihrer ohnehin schon dünnen Forderungen durchsetzen können, statt »die Regierung wird« heißt es nur »die Regierung will« und »erteilt einen Prüfauftrag«, so dass sämtliche Reformpläne in Ausschüssen verkümmern. Aber wenig ist doch besser als hundertprozentig nichts!

Sein, Kevin Kühnerts, schon vor Jahrzehnten in den politischen Raum geblasener Vorschlag, Cannabis lebendigen Leibes in die Legalität zu entlassen, aber mit einer schweren Konsumsteuer zu belasten, hat es allerdings auch jetzt – und die Welt schreibt das Jahr 2054! – nicht einmal als Prüfauftrag in das Koalitionspapier geschafft. In zwei Wochen ist er 65 und hat bald sein halbes Leben in der Großen Koalition mit der Union vollbracht.

Was hat er erreicht? Die einzige unverschnörkelt als Erfolg geltende Reform, die sich die Sozialdemokratie unter ihm als Vorsitzenden gutschreiben konnte, war die Abschaffung der Fünfprozenthürde.

Kühnert räkelt seinen alt gewordenen Leib und blickt mit schlaffen Augen aus dem Fenster auf die Landschaft, die am ICE vorbeirast und langsam in Dunkelheit abtaucht. Ja, damals, 2018, als er noch jugendfrisch durchs Land brauste und ein rot gefärbter Juso war! Damals war die SPD eine starke Partei mit 15, 16 Prozent. Kühnert streicht sich über die Glatze, die Haare sind längst ausgestorben.

Ja, damals hätte es seine Partei an der tiefsitzenden Frage einer Koalition mit der CDU/CSU fast auseinandergerissen. Er selbst führte die »NoGroKo-Bewegung« an und wurde von den Medien als ihr »Posterboy« besungen, wollte Hunderttausende ausgereifte SPD-Mitglieder zum bewaffneten Widerstand gegen die SPD aufreizen! Und, da konnte er heute stolz an sich herunterblicken: Er war sich bis aufs i-Tüpfelchen treu geblieben, die Forderungen, die er damals für eine Regierungsbeteiligung der SPD aufgestellt hatte, stellte er noch immer auf und sorgte dafür, dass sie alle vier Jahre als Prüfauftrag im Koalitionsvertrag versenkt wurden. Das war doch um ganze Schiffslängen besser, als die Reformprojekte mit dem Mantel des Schweigens zu ersticken!

Nein, er hatte sich seine Träume nicht nehmen, seine Karriere nicht zertreten lassen. Wie leicht hätte es geschehen können, dass er weder Bundesminister noch SPD-Vorsitzender wird! Er wäre womöglich in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg stecken geblieben, wo er einst sein Leben fristete. Obwohl er schon als Schüler ein windschnittiges Praktikum im SPD-Kreisbüro Steglitz-Zehlendorf durch laufen hatte und mit 16 in die SPD geschlüpft war, hätte er als namenlose Nummer untergehen können. Dass er 2017 als vorbildlich aufmüpfiger, wohldosiert links Gebürsteter zum Chef der Jungsozialisten gewählt wurde, hätte ihn nicht davor bewahrt, hinterher als untauglich für die erwachsene SPD verschrottet zu werden. Er hätte bis zum Ende sein Studium der Politik- und Verwaltungs- sowie Hohlraumwissenschaften absitzen müssen und wäre, wie sein Vater oder seine Mutter, in Berlin Beamter im Finanzamt oder Beamte im Jobcenter geworden, nur eben eine Leiter höher.

Aber als Sohn verbeamteter Eltern hatte er das Sicherheitsdenken mit der Muttermilch gefressen und wusste von der Pike aufwärts um die wilden Gefahren, die im Leben aus allen Himmelsrichtungen drohen. Deshalb war er ja bei der sauber eingezäunten Nachwuchsorganisation der SPD vor Anker gegangen, statt sich in einer linken Partei niederzulassen oder sich in alternative, gar autonome Kreise einzukaufen.

Selbstredend durfte man auch bei den Jusos seinen heißen Dampf ablassen, weil man selber wusste, dass mit den Jahren die Vernunft über einen kommt. Bei ihm war es am 21. Januar 2018 in Bonn so weit: Auf dem Sonderparteitag der SPD hielt der vermeintliche Heißsporn und Feuerkopf, der die große Koalition mit der Union mit glühenden Worten als Teufelswerk entziffert hatte, plötzlich eine Rede, deren Sätze mit Kompromissbereitschaft und Anpassungsfähigkeit gepolstert waren. Als Kevin Kühnert eine Zukunft herbeizitierte, die in zehn, 15 Jahren das Land überzieht und in der Leute wie er die klötendicke Verantwortung für die SPD tragen sollen, schnallte es auch der hinterste Delegierte: Das Milchgesicht bewirbt sich! Warmer Applaus regnete auf den hoffnungsvollen jungen Mann nieder.

Kevin Kühnert war von der Realität gebissen worden. Er musste zwar das einmal eingefädelte Spiel fortsetzen und gegen die SPD, Pardon: gegen die Koalition der SPD mit der CDU/CSU anreden. Aber er tat es mit geringerer Drehzahl und nur, weil er fürchtete, für ihn bliebe nichts zu futtern übrig, wenn seine Partei in einer solchen Regierung abstürbe. Kevin Kühnert hat, wie wir heute alle Mann hoch wissen, es richtig gemacht, hat seither als Bundestagsabgeordneter, Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender und Minister die SPD in der Spur und das Volk im Zaum gehalten. Man denke nur an die Hartz-X-Reformen!

Kühnert streckt die Beine weit aus, während draußen die Welt sich mit Finsternis umhüllt, und gähnt. Er kennt die blutig aussehende Corrida, die zwischen Parteispitze und -volk ausgetragen wird, seit 50 endlosen Jahren aus dem Effeff und weiß, dass nichts so heiß beschlossen wie diskutiert wird. Auch jetzt, 2054, ist es deshalb wie in den erfolgreich abgenudelten Jahrzehnten zuvor: Wieder einmal zieht da draußen ein links gebügelter Juso durchs sperrangelweit offene Land und tut so, als täte er enorm was, und am Ende heißt es Pustekuchen. Wenn dieser Heißsporn und Feuerkopf da jedoch vernünftig ist, wird auch er mit 65 im ICE sitzen und sich mit einem Seufzer, der wie aus tausend Metern Tiefe aus ihm hervorbricht, in den Sessel erster Klasse fallen lassen. ...

Peter Köhler
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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