Die Russen kommen – aus Heft 2/2018

Es klang wie ein verfrühter Aprilscherz, was der Bürgermeister von Bad Schandau der Stadtbevölkerung am 3. Januar 2018 per Amtsblatt eröffnete. Doch es war die nackte Wahrheit: In einem Jahr wird Bad Schandau von den Russen besetzt. So will es eine lange Zeit unbekannt gebliebene Klausel aus einem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939. – Packende Enthüllungen auf den nächsten Seiten!



Blicken wir zurück: Am 24. August 1939 unterzeichneten die Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow in Moskau einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, der als »Hitler-Stalin-Pakt« in die Geschichte eingehen sollte. Darin grenzten das Deutsche Reich und die UdSSR ihre Interessensphären voneinander ab. Von Finnland bis Bessarabien wurde eine saubere Trennlinie durch Europa gezogen.

Selbstverständlich hatte Adolf Hitler nicht vor, sein Wort zu halten; schon im Juni 1941 befahl er der Wehrmacht den Überfall auf die Sowjet - union. Doch formal blieb der Pakt bestehen, bis ihn der Volksdeputiertenkongress der UdSSR im Dezember 1989 rückwirkend für nichtig erklärte. Mit einer Ausnahme: Stalin hatte sich in einer Sonderklausel ausbedungen, dass die Stadt Bad Schandau spätestens am 1. Januar 2019 der Sowjetunion oder ihrer Rechtsnachfolgerin zugeschlagen werden solle. Und diese Klausel ist noch immer in Kraft.

»Die deutschen Diplomaten betrachteten das damals als Petitesse«, sagt der Militärhistoriker Wolfgang Eschenkamp von der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte. »Das Jahr 2019 lag für diese Leute noch in unvorstellbar ferner Zukunft, und so erfüllten sie Stalin seinen Herzenswunsch, ohne lange zu feilschen. Die Frage, was Stalin dazu trieb, seine Hand ausgerechnet nach Bad Schandau auszustrecken, ist bis heute ungeklärt. Möglicherweise hat er mit diesem Kneippkurort irgendwelche sentimentalen Erinnerungen aus seiner Exilzeit verbunden. Wir wissen es nicht ...«

Ans Licht gelangt ist die geheime Zusatzklausel kurioserweise durch einen deutschen Austauschschüler, der Material für eine Hausarbeit über den Dichter Ossip Mandelstam brauchte und in einigen Moskauer Archiven stöbern durfte. Und seither kriselt es in den deutsch-russischen Beziehungen. Doch es steht bereits fest, dass die Bundesrepublik aus dieser Nummer nicht mehr herauskommen wird. Der völkerrechtliche Grundsatz »Pacta sunt servanda« gilt nach übereinstimmender Meinung aller maßgeblichen Staatsrechtler auch für den Hitler-Stalin- Pakt, und Wladimir Putin, der Präsident der Russischen Föderation, ist nach eigener Auskunft gewillt, seinem Reich die Stadt Bad Schandau als Exklave einzuverleiben.

Ja, es gibt sogar schon Pläne für die Russifizierung Bad Schandaus: Das örtliche Luther-Denkmal soll umgestaltet und die davor platzierte »Luther-Eiche« zur »Putin-Eiche« umbenannt werden. Fachingenieure aus Kiew wollen den Ortsteil Postelwitz mit einem Stausee überfluten, in den Kuranlagen möchte Putin ein Sperrgebiet anlegen lassen, in dem er unter Ausschluss der Öffentlichkeit golfen, picknicken und Pilze sammeln kann, und die lokale Kirnitzschtalbahn wird vermutlich einer mit künstlichem Schnee versorgten Skipiste weichen müssen.

Schlecht sieht es auch für große Teile des Bad Schandau umgebenden Elbsandsteingebirges aus: Mittels »Asian Fracking« soll es Strom nach Sibirien liefern, bis es zu guter Letzt als unbrauchbare Schlacke in sich zusammenfallen wird. Am Baikalsee freut man sich schon darauf, die aus der deutschen Elbtalkreide gewonnene Energie in Dampfbädern, Heizpilzen und Dildos zu verpulvern. Die meisten Eingeborenen haben sich inzwischen damit abgefunden, dass sie ihre Heimatstadt im kommenden Jahr nicht mehr wiedererkennen werden. Denn an Bad Schandau hat sich in den 573 Jahren seines Bestehens manch einer so gründlich sattgesehen, dass er dem alten Zustand jede Neuerung vorzieht. Nicht einmal der Zwiebelturm, den die Russen dem historischen Personenaufzug zum Ortsteil Ostrau aufsetzen wollen, scheint den Bad Schandauern unwillkommen zu sein. Die bevorstehende Umbenennung der Uferpromenade An der Elbe in An dem Dnjepr finden sie sogar »schie« (= »schön«) beziehungsweise »putzsch« (= »putzig«), und überall in der Stadt zirkuliert die schwer übersetzbare Durchhalteparole: »Erngdwie ward’s schu gieh.« Bislang hat sich allerdings noch nicht herumgesprochen, in welcher Weise die Russen den städtischen Arbeitsmarkt reformieren wollen.

Nach einem Bericht der Moskauer Tageszeitung Iswestija ist geplant, dass alle Deutschen in Bad Schandau ab dem 1.1.2019 beruflich nur noch niedere Tätigkeiten verrichten dürfen – beispielsweise als Nachtwächter, Fußpfleger, Schuhputzer, Liftboys, Böttcher, Sattler, Gerber, Kürschner, Seifensieder, Vertriebsassistenten, Totengräber, Abdecker, Henker und Sexarbeiter –, während sämtliche Chefpositionen für die künftige russische Oberschicht reserviert wer den sollen. Es könnte also noch ein »böses Erwachen« geben, wenn die Upper Ten von Bad Schandau begreifen, dass ihr Lebensstandard nächstes Jahr drastisch sinken wird.

Er ist freilich auch jetzt nicht hoch. Es gibt keinen einzigen Einkommensmillionär in Bad Schandau, und die luxuriösesten Immobilien sind zwei Blechrutschen mit erheblichen Brand- und Löschwasserschäden sowie eine stillgelegte Entsorgungsanlage für Tierkadaver und Schlachtabfälle. Selbst das überregional bekannte Spielcasino lockt seit einem irreparablen Kurzschluss bloß noch Junkies an, die sich im Schatten der defekten Kuscheltiergreifautomaten und einarmigen Banditen den »goldenen Schuss« setzen. Verfallen und von Moos überzogen sind auch die St.-Johannis-Kirche, das Heimatmuseum und die auf Krankheiten des Verdauungsapparats spezialisierte Falkenstein-Klinik. Und das renommierte Hotel Elbresidenz, in dem einst Quentin Tarantino und Kate Winslet übernachtet haben sollen, wird den Russen wohl nur als Munitionsdepot dienen.

Geostrategisch könnte Bad Schandau sich nämlich ab 2019 zu einem Joker im internationalen Machtpoker entwickeln – sei es als Aufmarschgelände für einen Angriff auf Bad Gottleuba-Berggießhübel, Pirna, Bischofswerda und Schmölln-Putzkau, als Sprungbrett für einen Vorstoß nach Prag oder schlicht als Faustpfand im Nervenkrieg mit der deutschen Bundesregierung, die sich möglicherweise zu früh darauf gefreut hat, die tief verschuldete Kleinstadt Bad Schandau und ihre 3700 schwererziehbaren Einwohner so billig loszuwerden. Kreml-Astrologen gehen davon aus, dass Putin das wenig malerische Bad Schandau ohnehin nur als »Spielball« ansehe und die Stadt alsbald an das meistbietende Konsortium verscherbeln werde.

»Als potentielle Käufer«, so heißt es in einer Studie des Fachmagazins Focus Money, »stehen vor allem Terrorstaaten aus dem Mittleren Osten Schlange, aber auch mittel- und südamerikanische Drogenbarone und nicht zuletzt der Musikproduzent Dieter Bohlen, der seit langem nach einem Altersruhesitz in einem ausschließlich von absolut unmusikalischen Menschen bewohnten Ort sucht. ›Ich wünsche mir Nachbarn, die mich einfach mein Ding machen lassen und mich nicht anpupen, wenn’s mal lauter wird‹, sagt Bohlen.
›Also, Bad Schandau wäre der Megahammer, vorausgesetzt, dass der Iwan mir noch was davon übriglässt ...‹«

Wie auch immer die Zukunft aussehen mag: Es wird spannend für Bad Schandau. Aber leider erst ab 2019. Jetzt müssen die Einwohner erst noch einmal das gleiche Elend ertragen wie in den langen Jahren von 1445 bis 2017. Das wird hart.

Gerhard Henschel

 

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