Kein Internet, nirgends – aus Heft 11/2017

Auf kaum einem Gebiet haben die letzten Regierungen so versagt wie beim Ausbau des Internets. In den ländlichen Gegenden Deutschlands ist eine schnelle Internetverbindung die große Ausnahme. Man kommuniziert dort über bewährte Kanäle wie Tratschweiber, Lichthupe und Telefon. Den Vorzug zum Beispiel, dass Glasfaserkabel mittels Vectoring-Technik und optischer Frequenzkämme über Mikroresonatoren aus Siliziumnitrid mit weniger Lichtleistung als herkömmliche optische Sender auskommen und so den Energieverbrauch der Schnittstellen senken, was besonders in Konzentratoren mit vielen Anschlüssen wichtig ist, kann in unterversorgten Regionen niemand genießen. Ein Skandal, der von den Medien kaum thematisiert wurde, und um den die Neuland-Kanzlerin Merkel im Wahlkampf einen weiten Bogen machte.



Leidtragende im ländlichen Bereich sind moderne Geschäftsleute wie Hauke Bauer. Der sitzt wie so oft vor seinem Computer und schüttelt resigniert den Kopf. Er habe schon überlegt, scherzt er, seinen Betrieb des schnelleren Internets wegen ins weit entfernte Rostock zu verlegen, aber die Kuhweiden dort seien einfach zu klein … Der Landwirt lacht. »Ich lache«, sagt er, »weil mir ja sonst nichts übrig bleibt. Das Internet wird nicht schneller, wenn ich mich aufrege. Hab ich schon versucht. Oft. Sehr oft. Zu oft, sagt mein Arzt. Der will übrigens demnächst Online-Sprechstunden anbieten.«

Bauer lacht erneut und steht auf. »Ich demonstriere …«, sagt er und geht in die Küche. Dort stellt er einen Kessel Wasser auf den Herd, wartet, bis es kocht, und brüht sich einen Kaffee auf. »… mal, wie hier für …«, sagt er, nimmt eine Kontaktlinse aus dem Auge, lutscht sie sauber und setzt sie wieder ein, um dann den Sportteil der Zeitung zu lesen. »… gewöhnlich ein Ge…«, sagt er, legt die Zeitung weg, ruft den Hund, legt ihm die Leine an, greift sich einen Tennisball von der Anrichte im Flur und geht mit dem Hund nach draußen. »…spräch über Skype abläuft«, sagt er, als er eine halbe Stunde später wieder die Küche betritt.

»Online-Sprechstunde – pfffff«, schnaubt er verächtlich und setzt sich wieder vor den Computer. Bauers Landwirtschaftsbetrieb in dem kleinen Örtchen Funkloch im Landkreis Vorpommern-Greifswald sollte ursprünglich einer der modernsten des Landes werden. Bauer verließ sich darauf, dass der Internet-Ausbau auch tatsächlich so schnell stattfinden würde, wie es von der örtlichen Politik angekündigt worden war, und rüstete seinen Betrieb auf: internetfähige Melkmaschinen, ein aufwendig gekühlter Server-Raum, übers Internet gesteuerte Kameras, autonom agierende Futter-Drohnen und für den Schweinestall eine vollautomatische Schlachtstraße, die sich übers Smartphone steuern lässt.

»Steuern ließe – Konjunktiv«, verbessert sich Bauer. »Denn ohne schnelles Internet ist das alles für die Katz. Wenn ich heute eine Bestellung reinkriege, ist die von letzter Woche. Dann gebe ich den Sprachbefehl zur Schlachtung ins Smartphone ein, und erst Anfang nächster Woche ist die Sau tot. Das ist doch kein Service!«

Ohne Internet sei ein Hof wie seiner, vor allem wenn es ein Bio-Hof sei, überhaupt nicht mehr denkbar. »Denn der Kunde«, erklärt Bauer, »verlangt, das Schwein jederzeit sehen zu können, das er später essen wird. Das nennt sich Bio.« Er fährt fort: »Die Sau wird ökologisch einwandfrei entbeint, aber keiner kann den Livestream sehen. Da hätte ich auch weiter mit der Kettensäge schlachten können.«

Auch die Jugend in Funkloch hadert mit dem mangelhaften Internet-Ausbau. Bauers Schwager betreibt ein paar Hundert Meter weiter einen Erlebnisbauernhof mit Jugendherberge. Die zwei einheimischen Jugendlichen seien es gewohnt, auf Instagram und Youtube verzichten zu müssen, meint Bauer, nicht aber die Jugendlichen, die hier ihre Ferien verbringen müssten. »Anstatt sich nämlich Bilder ihrer Genitalien aufs Smartphone zu schicken, oder was die Kids heute so machen, fangen die Gören an und spielen hier überall Verstecken.« Bauer lacht und deutet nach draußen. »Jede Woche hole ich drei bis vier von denen aus der Jauchegrube. Tot natürlich. Das überlebt keiner. Mit Internet wären die alle weg von der Straße. Sind sie so auch, klar. Aber die Eltern haben ja auch bereits eine gewisse Summe in so ein Kind investiert. Wenn das dann plötzlich in der Grube erstickt, ist das Geld futsch. Und wer ist schuld? Die Merkel schon wieder.«

Wer glaubt, dies sei ausschließlich ein Problem im dünn besiedelten Osten, irrt. In anderen entlegenen Regionen des Landes sieht es nicht besser aus. Zum Beispiel im niederbayerischen Oberbuffering an der Lädt. Hier hat Kosmetik-Bloggerin Ann-Katrin Schlumpferdinger einen schweren Stand. Jede Woche baut sie ihn für einen Tag im örtlichen Supermarkt auf, um dort für Kosmetikprodukte zu werben.

»Mit Internet, oder wie das heißt, hat man es als Influencer leicht«, behauptet die 59-Jährige. »Du hältst ein paar Produkte in die Kamera, malst dir damit im Gesicht rum, und schon weißt du kaum noch, wohin mit den vielen Werbe-Einnahmen.«
Schlumpferdinger dagegen muss mangels Breitbandinternet jede Kundin persönlich von der Qualität der vorgestellten Produkte überzeugen. Wenn sie mit ihrem Stand nicht im Supermarkt steht, geht sie mit ihrem Köfferchen, in dem sich verschiedene Kosmetikproben befinden, im Ort von einer Haustür zur nächsten. »Ich muss an jeder Tür neu performen«, sagt sie. »Mit Internet hätte ich meinen Sponsor Avon schon weltberühmt gemacht.«

Um endlich auch in Oberbuffering in den Genuss von Internet und Strom zu kommen, hat Schlumpferdinger zu einer Informationsveranstaltung in die Dorfscheune geladen, wo sie die Einwohner von den Vorteilen der Zivilisation überzeugen möchte. Zur Unterstützung hat sie als Gastredner den Autor und Blogger Sascha Lobo gewinnen können. Lobo kennt das Internet wie kein anderer, war schon auf jeder Homepage, die es gibt.

Die Scheune ist gut besucht. Lobos Ausführungen werden mit Interesse verfolgt, doch je länger der Vortrag dauert, desto unruhiger wird es. Gemurmel setzt ein. Hier und da erhebt sich jemand. Eine Frau, die im Mittelgang steht, umfasst den Griff ihrer Mistgabel, auf die sie sich stützt, noch ein wenig fester. Plötzlich ist es so weit. Einer der Zuhörer stürmt auf Lobo zu. Er plustert sich auf und schreit: »Du verfickte Drecksau! Hoit dei Backen!« Immer mehr Dorfbewohner entern die Bühne, umringen den Internetfachmann und schreien ihn an: »Du Oberspacko!«, »Hoit dei Fotzn, du Brunzkachln, du ogsächte!«, »Sowas wie du ghört doch mit der Scheißbürschtn nauskaut!«, »Arschloch!«. Positive Wortmeldungen wie: »Dieser Irokesenhaarschnitt steht Ihnen ausgezeichnet und ist keinesfalls der lächerliche Versuch einer armen Wurst, optisch von seinem belanglosen Gelaber abzulenken« gehen im allgemeinen Trubel unter.

Schlumpferdinger reagiert schnell und schleust Lobo über den Heuboden aufs Dach – außer Rufweite der Dorfbewohner. »Es tut mir furchtbar leid, Herr Lobo«, sagt sie. »Hätten wir hier nur schon Internet! Im Internet wäre Ihnen das nicht passiert.«

Gregor Füller

 

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