Zeit der Reife, Zeit der Ernte – aus Heft 10/2017

Schwarz, schwer und schwellend hängt der Holunder im besonnten Gesträuch beim Kanzleramt. Oh, wie überreich beschenkt uns in diesen Tagen die Natur! Als wolle sie, bevor der karzige Frost sie unterm Leichentuche deckt, noch einmal zeigen, was sie kann, einmal noch – als sei’s das letzte Mal!


Das letze Mal? Der Gedanke fasst uns kalt an wie ein Greisenfinger: Wie oft haben wir in diesem Jahrhundert die Kanzlerin unmittelbar nach ihrem Amtsantritt in ihrem Büro besucht (zum Schluss haben wir gar nicht mehr mitgezählt) – stets fanden wir eine vom prallen Leben und wagemutigen Plänen übervolle Regentin vor. Wie wird sie uns heute begegnen? Winkt der herrliche Herbst etwa schon mit tiefschwarzen Schatten? Montagmorgen10:30 Uhr im Kanzlerinnen-Vorzimmer. In der Regel empfing uns die Kanzlerin schon hier, hüpfte dann lachend die zehn Schritte zu ihrem Büro voran, wobei sie den Fotografen scherzhaft mahnte, ihr nicht auf die Pelle zu rücken.

Doch jetzt? Die Büroleiterin, ihr treuer Adlatus, senkt stumm den Blick. Seit ihrer grandiosen Wiederwahl ist Frau Merkel an keinem einzigen Morgen pünktlich am Arbeitsplatz gewesen. Am Dienstag war sie ungekämmt und hatte den Blazer vom Vortag an, am Mittwoch hatte sie sich angeblich aus ihrer Wohnung ausgesperrt, als sie Restmüll in die Restmülltone bringen wollte. Am Freitag meinten die Personenschützer Restalkohol zu riechen – »irgendwo im Raum«, wie sie pietätvoll sagten. Und heute? Wo ist sie heute? »Wahrscheinlich wieder bei Steini«, wird uns beschieden: Mit Steinmeier verträumt sie gern die sonnigen Morgenstunden im Garten des Bellevue und füttert Wasservögel. Auch da sei sie ganz bei sich, wird uns versichert: Hatte sie nicht erst kürzlich im Brigitte-Gespräch den Deutschen geraten, viel an die frische Luft zu gehen?

Dann schlurft sie herein (»Hat jemand angerufen? «), Lehm am Schuh und Überdruss im Blick. Nein, versichern wir ihr auf ihre wirsche Frage hin, wir seien »natürlich nicht« gekommen, um sie zu fragen, ob sie amtsmüde sei. Das fragen sie nämlich jetzt alle. Und die Antwort: »Ich habe mich auch heute morgen wieder vor dem Aufstehen eindringlich selbst geprüft und mir die Entscheidung nicht leicht gemacht – aber ich bin immer noch neugierig.« Was es heute zum Mittag gäbe, fragt sie ihre Büroleiterin. Die Auskunft aber – »Grützwurst an jungen spanischen Süßkartoffeln « – scheint sie zu verdrießen: Das Gericht hieß in der DDR »Tote Oma« (aber mit Börde-Kartoffeln).

Aber nicht das treibt sie um: Sie muss auf ihre Galle achten. Im Wahlkampf, als in Annaberg-Buchholz ein erstes unschönes Wort fiel (»Verpiss dich, Fotze!«), hat sie den Schmerz zum ersten Mal gespürt. Der medizinische Dienst des Bundestages riet ihr, Aufregungen von sich fernzuhalten. »Aber machen Sie das mal, wenn so große Herausforderungen vor uns Deutschen stehen«, ruft sie, jetzt schon wieder ganz die Alte.

Dann zählt sie auf: In der Datsche müssen die Fenster ausgewechselt werden, noch vor dem Frost. Seit sie vor Jahren auf die Frage, was sie an Deutschland liebe, geantwortet hat: »Unsere schönen dichten Fenster«, rennen ihr die regionalen Fensterbauer die Bude ein. Jeder hängt in einem Verein der Gewerbetreibenden oder in der Stiftung von Kleinunternehmern fest, da darf man keinen vor den Kopf stoßen. Der Wanderurlaub mit Sauer ist zu planen, denn das Wichtigste im Alter sei es, der Arthrose zu trotzen (»Die Arth-Rose ist die einzige Blume, die ich nicht mag«, schmunzelt sie) und in Bewegung zu bleiben. Schließlich ist die neue Regierung zu bilden. Außerdem braucht sie eine neue Tasche. Für jede Legislatur eine neue Tasche! »Und wenn ich ein Dutzend voll habe, kommen sie zu Kohls Strickjacke ins Bonner Museum.«

Ihr sprichwörtlicher Humor! Denn wir wollen sie »natürlich nicht« fragen, ob das nun ihre letzte Amtszeit sei. Das fragen sie nämlich jetzt alle. Das gehört sich aber nicht, das wäre taktlos. Das kann man vielleicht einen Politiker fragen, dem eine Anschlussverwendung auf einem Chefposten bei der Bahn, bei VW, bei Daimler oder bei einem russischen Energie-Riesen winkt, für den der Politikbetrieb sozusagen nur eine Brückentechnologie ist. Nicht aber eine Dame, die auf die 70 zuwankt und am häuslichen Telefon mit Sterbeversicherungen behelligt wird. Ihr Umfeld achtet streng darauf, dass man auf diesen Punkt nicht insistiert.

Ihre Wahlergebnisse ließen sich durchaus mit denen Honeckers vergleichen, heißt es, warum sollte es also nicht auch ihre Amtszeit sein. Deshalb fragen wir geschickt: Bei den vielen Plänen, die sie noch hat – halt, das »noch« streichen wir sofort wieder –, reichen denn da ein, zwei weitere Amtszeiten aus? »Das habe ich mich auch gefragt«, sagt sie, »obwohl es aktuell wichtigere Fragen gibt, denn jetzt müssen wir ja erst einmal die Arbeitslosen und die Stickoxide von der Straße bekommen. Ob wir das mit Software hinkriegen? Ich bin da eher für Nachrüstung. Helmut Kohl hat seine Laufbahn ja auch mit einem Nachrüstungsbeschluss gekrönt. Sie sehen, ich bin immer noch neugierig.«

In den USA ist das anders. Dort gilt ein Präsident, der nicht mehr kandidieren darf, bereits wenige Tage nach seiner Amtseinführung als »lame duck«, erscheint unpünktlich und bekleckert am Arbeitsplatz und verdämmert die sonnigen Morgenstunden auf dem Golfplatz. »Lame duck« – das will die Kanzlerin ums Verrecken nicht hören. Aber sie weiß natürlich, dass sie – wie an ihrer Frisur – an ihrem Gangbild arbeiten muss, um Karikaturisten nicht zu ermuntern. Regierungssprecher Seibert versichert, »die Chef in« überrasche ihre Mannschaft noch täglich – mal will sie Kuchen, mal was Deftiges zum Kaffee, mal verzankt sie sich mit dem ehrpusseligen Gauck, mal verträgt sie sich wieder mit ihm. Freilich, sie ist jetzt, wie das Leute tun, die sich auf das Unabwendbare vorbereiten, öfter in der Kirche.

Die Frage der Maischberger im »Wahl-Duell«: »Wer von Ihnen war heute in der Kirche?«,hat sie kalt erwischt. Doch erst wenn sie mit Handarbeiten anfange und für Sauers Enkel Strümpfe stricke oder wenn sie den Berliner Kurier wegen des Kreuzworträtsels ins Büro bestelle und »Dr. Hittigs Wundertropfen« rühme, würde er, Seibert, sich Sorgen machen. Vielleicht ist das bei ihm aber auch der pure Zweckoptimismus, denn wenn Merkel geht, muss er ins ZDF zurück, wo ihn vom Pförtner aufwärts alle verabscheuen und ihm nur die Co-Moderation (mit Andrea Kiewel) des Fernsehgartens winkt.

Die Kanzlerin nach ihrem Nachfolger zu fragen, haben wir »natürlich auch nicht« vor. Das macht jetzt vorsichtshalber niemand. Auf den Gängen des Kanzleramts ist das Wort »Nachfolger « absolut tabu. Denn jeder, der den Anschein zulässt, Angela Merkel politisch überleben zu wollen, ist hochgradig an Leib und Leben gefährdet. Die Reihe ihrer Opfer ist bekanntlich lang und die Zahl ihrer Einfälle, wie man Leute verschwinden lässt (wie starb Philipp Mißfelder?), ist unerschöpflich. Jens Spahn ist das Sorgenkind der Personenschützer, denn in dem Milieu, in dem er notgedrungen verkehrt, gelten eigene Gesetze. Er ist sich der Gefahr bewusst und versucht inzwischen, nicht an Orten aufzutauchen, an denen die Kanzlerin präsent ist – er hofft, sie würde ihn auf diese Weise mit der Zeit einfach vergessen …

Nach Lage der Dinge gibt es für Frau Merkel allerdings keinen Abgang in Würde aus dem Amt, mit dem üblichen kleinen Umtrunk unter Kollegen und den scherzhaften Abschiedsgeschenken (Kartoffelstampfer für die Kartoffelsuppe, Steißprotektoren für den Tirolurlaub) und den alkoholisierten Schmutzeleien auf der Unisextoilette. Eigentlich bleibt ihr nur, im Dienst zu versterben.

Oder sie muss blutig gestürzt werden. Wer das machen soll? Schäuble – der hat das Tatund auch das Flucht-Fahrzeug dazu.

Mathias Wedel

 

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