Lieber Dialog als tot – aus Heft 8/2017

Natürlich sei sie nervös, sagt Maja. Mehr als bei jedem anderen Date. Die junge Frau mit dem Refugees-Welcome-T-Shirt wartet in einem Fair-Trade-Café am Prenzlauer Berg und wärmt sich ihre vor Aufregung erkalteten Hände an der Tasse Hanf-Tee.


Die Tür geht auf, und ein Mann im besten Alter betritt den Raum. Es ist Holger, Majas Verabredung. Sie erkennt ihn an der Pickelhaube und dem Schäferhund mit der blonden Strähne. Sie muss sich kurz in ihren Jutebeutel übergeben, dann winkt sie ihn freundlich zu sich.

Solche Dates der Gegensätze finden derzeit in ganz Deutschland statt. Sie sind Teil zweier parallel gestarteter Initiativen, die Deutschland aus der Sprachlosigkeit befreien und vor dem Mundtod bewahren sollen. »Deutschland spricht«, heißt das Dialogexperiment bei Zeit Online, »Democracy Lab« bei der Süddeutschen Zeitung.

Beide eint das therapeutische Endziel, die Deutschen wieder »mit sich ins Gespräch zu bringen« (Zeit) bzw. »mit blödem Geschmarre vom Randalieren abzuhalten« (Süddeutsche, zumindest so ähnlich). Kurz: Raus aus den Filterblasen! Hinein in den persönlichen Dialog mit dem Feindbild!

Neben der ultimativen Verständigung winken allen Teilnehmern, die sich mit Klarnamen und Postleitzahl anmelden, eine Gratis-Registrierung auf Zeit Online und sueddeutsche.de sowie kostenloser Abo-Spam auf allen Kanälen. Nachdem Holger die Pickelhaube an der Garderobe abgelegt hat, sieht Maja einen Mann auf sich zukommen, der all das vertritt, was sie ablehnt.

Alle »politischen Grundfragen« auf Zeit Onlinewurden von ihnen unterschiedlich beantwortet: Haben wir zu viele Neger aufgenommen? Soll Deutschland zum Rubel zurückkehren? War der Ausstieg aus dem Atomkrieg richtig? Sollen schwule Mädchen heiraten dürfen? Dasselbe gilt für die Ergänzungsfragen: Wohnen Sie im Osten? Würden Sie gerne im Osten wohnen? Zählten Sie zu den Unterstützern des Ostsandmännchens?

Als Holger vor ihr steht, weiß Maja zuerst nicht, was sie sagen soll. »Hallo«, sagt sie leise. »Sieg heil«, erwidert er. Auch ihm ist die Verunsicherung anzuhören. »Es ist hoffentlich okay für dich, dass wir uns an diesem Ort treffen«, vergewissert sich Maja. »Auf jeden Fall«, antwortet Holger, »ich liebe Kolonialwarenläden.« Maja ist positiv überrascht. Sie hatte einen rechten Kotzbrocken erwartet, doch nun sitzt ihr ein Björn Höcke in sympathisch gegenüber. Selbst als die eritreische Bedienung sich weigert, ihm die Lederstiefel zu wichsen, wird er nicht ausfällig.

Vorbild für das vielversprechende Experiment war Renate Künast. Die Grünen-Politikerin hatte nach einem Shitstorm auserlesenen Hass-Kommentatoren Hausbesuche abgestattet, um diese unter Androhung eines SEK-Einsatzes zum herrschaftsfreien Dialog einzuladen. Natürlich wollte sich das kommunikative Rumpelstilzchen auch die Zeit-Aktion nicht entgehen lassen. Von der projektleitenden Praktikantin bekam sie schließlich Winfried K. zugewiesen, von dessen Weltanschauung sie noch weiter entfernt ist als von der Beinlänge Giselle Bündchens. Während des Dialogs zog der ihr wesensfremde Griesgram aus Schwaben über alles her, was den Grünen heilig ist. Als er sagte, dass die Partei nur deswegen nicht an der Fünf-Prozent-Hürde scheitere, weil der Volldeppenanteil in Deutschland stabil bei sechs Prozent läge, hatte Künast genug und brach das Experiment ab. »Ich habe alles versucht «, sagte sie hinterher enttäuscht, »aber wo die Verachtung grenzenlos ist, können Worte nichts mehr ausrichten.«

Natürlich kann der Dialog auch mal scheitern, wenn die Ungleichheit zwischen den Menschen, die aufeinander losgelassen werden, zu groß ist. Eine solche Erfahrung hat Teilnehmer Karl D. gemacht. Dem Rentner hatte der »Democracy-Lab«-Generator eine Frau zugewiesen, die von Anfang an eine unbeschreibliche Feindseligkeit ausstrahlte und seit 48 Jahren mit ihm verheiratet ist. »Wir hatten uns schlichtweg nichts zu sagen«, sagte D. nach quälend langen drei Minuten.

Aber das sind Einzelfälle. Insgesamt schreibt das Dialog-Experiment Erfolgsgeschichten am laufenden Band. Erdogan-Verehrer Musti R. hatte es irgendwann satt, sich in seiner Filterblase ständig nur mit Gleichgesinnten über feuchte großosmanische Träume auszutauschen. Also meldete er sich beim »Democracy Lab« an, wo man ihm die intersexuelle und radikalfeministische Liz Gaylor vermittelte, die in ihrer Freizeit als Dragqueen bei Abschlussbällen an Gülen-Schulen auftritt. Die Vorzeichen für Verständigung waren nicht besonders günstig, zumal Musti kein Wort Deutsch spricht. Aber wo ein Wille, ist auch ein Weg, und so befreiten sich die beiden aus ihrer Sprachlosigkeit, indem sie anfingen, Tierstimmen zu imitieren – von A wie Ameisenbär bis Z wie Ziege. Getreu dem Aktions-Motto: Es kommt nicht so sehr darauf an, was man spricht, sondern dass man spricht. Für ein weiteres Positivbeispiel sorgte Überzeugungsveganer Herbert L., aufgewachsen auf einer Einhorn-Farm im Breisgau und aktives Mitglied bei den »Krötenrettern ohne Grenzen«, der sich auf ein Treffen mit dem Fleischfachmeister Armin M. in einem Rotenburger Steakhaus einließ.

»Wir gingen mit keinerlei Erwartungen in das Gespräch«, erinnert sich L. »Uns war beiden klar: Ich werde aus Armin keinen Veganer machen und Armin aus mir keinen Kannibalen. So ergab sich eine offene Diskussion, in deren Verlauf wir irgendwann zu der gemeinsamen Grundüberzeugung fanden, dass alle Lebewesen gleich sind«, bilanziert L. zufrieden. »Und dass der Mensch gegenüber dem Tier keine Sonderbehandlung genießen darf«, ergänzt Armin M. mit knurrendem Magen.

Es ist spät geworden im Fair-Trade-Café. Holger besteht darauf, die Rechnung zu übernehmen, wie es sich für einen Charmeur alter Schule gehört. Doch leider akzeptiert das Mädchen aus Eritrea keine Reichstaler. »Scheiß Kapitalismus«, sagt Maja. Zum ersten Mal sind sich die beiden an dem Abend einig. Hinter Maja und Holger liegt ein stundenlanger Meinungsaustausch über Merkel, Mauern und Mienen. »Inhaltlich sind wir uns zwar nicht unbedingt näher gekommen«, resümiert Maja, »aber es war gut, das mal besprochen zu haben.«

Ob sie an der Fortsetzung teilnimmt, dem »Democracy Lab« für Fortgeschrittene, lässt sie noch offen. Ein neues, noch revolutionäreres Diskurs-Experiment hat ihr Interesse geweckt: das »Shutup-Lab« – mit dem Therapieansatz, einfach mal die Fresse zu halten und »Deutschland mit sich wieder ins Reine zu bringen«.

Florian Kech

 

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