Kiwi ist echt – aus Heft 7/2017

Die Welt geht doch (noch) nicht unter! Sie wird auch nicht von der Lüge beherrscht! Das Klima tötet nicht, sondern stellt gelegentlich tolles Wetter her! Trump wird nicht Papst! Die Atombombe ist nicht unterwegs! Schon gar nicht Richtung ZDF-Fernsehgarten!



Im Gegenteil – dort ist alles vereint, was unsere Welt so liebenswert macht: Umtata und Trallala, Kaffee & Kuchen, und Sahne, viel Sahne, Morgensonne, karierte Sitzkissen, Oma und Opa mit gehöriger Lebenserwartung, Humor, der niemandem weh tut und – Andrea Kiewel. Jawoll, Andrea Kiewel, die in ihrer kregel-hippelig-lachwurzeligen Person symbolisiert, dass echte Jugend von innen kommt, mag der Hals auch Wellen schlagen, und schlechte Laune nur hässliche Männer trifft. Kurz und gut: der Fernsehgarten ist – neben dem Artig-die-Hand-geben, Hakle feucht und »Wohl bekomm’s!«-Sagen, wenn einer rülpst – der schönste Teil unserer Leitkultur.

Seit über dreißig Jahren. Ununterbrochen (der Sender hatte Glück, weil nie ein Staatstrauertag den Fernsehgarten erwischte). Und unverändert, im Prinzip: »Das Unveränderte wird zur Erfahrung des Unveränderbaren. Und das Unveränderbare ist erfüllter Gottesglaube: ist Glück«, ist Fernsehgarten – sagt Adorno irgendwo, wenn es nicht sogar Sartre im Gespräch mit Habermas gewesen ist.

Und so einfach: Das jährliche Sommerfest der Laubenpieper – aber jede Woche. Verdientermaßen hat sich der Fernsehgarten sogar einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde als »die am längsten laufende Live-Open-Air-Unterhaltungsshow der Welt« erworben.

Durchschnittlich 1,5 Millionen Zuschauer hat das Ereignis. Selbst wenn man berücksichtigt, dass in den deutschen Pflegeheimen zu dieser Tageszeit zahlreiche wehrlose, wenn nicht gar artikulationsunfähige Menschen vor dem Fernseher geparkt werden, einige Hunderttausend Zuschauer den Fernsehgarten auf schwerem Restalkohol oder im Delirium erleben und er für viele Frauen die einzige Vollzugserleichterung bei der scheußlichen Küchenfron ist – ein beachtlicher Wert!

Was hat der Fernsehgarten, was selbst der teuerste ZDF-Krimi, der am Abend mit einer mickrigen Quote verröchelt, nicht hat?
Vor allem prima, zumindest aber interessantes Wetter! Der Fernsehgarten und das Wetter – das ist wie Volk und Führer, Werktätige und SED-Politbüro, Bayern-Fans und FC-Bayern-Sieg, Angela Merkel und Peter Altmaier: unzertrennlich. Wie das Wetter für den Fernsehgarten auch sein mag, es ist nie einfach nur »gut« oder »so la la« oder »durchwachsen«, sondern es ist Thema, einziges Thema. Der Fernsehgarten – eine über dreißigjährige meteorologische Generaldebatte – zu heiß, zu kalt, zu nass, zu feucht, zu trocken, neblig, dunstig, diesig, windig, flautig, stürmisch, Schäfchenwolken oder blitzblauer Himmel. Und wenn wirklich mal kein Wetter herrschen sollte, dann ist, verdammt noch mal, für morgen eines angekündigt, und darüber müssen wir reden.

Andrea Kiewel, genannt Kiwi, hat ihre Karriere als Dauermoderatorin einer Dauershow nicht zuletzt ihrem Wettertrotz zu verdanken. Sie ist die Deutsche, die aus jedem Wetter etwas machen kann. Ihr wäre an der Ostfront nicht ein Zeh erfroren.

Insbesondere scheut sie kein Wasser, sondern liebt es (Leistungsschwimmerin in der DDR), lässt sich nicht umpusten und hat eine dicke Haut. Auch im bildlichen Sinne: Was sie der Frau schon mitgespielt haben …! (Sie wurde schon für korrupt und sogar für alt erklärt.) Außerdem isst sie gern und schnattert, gickert und kichert viel und anlasslos. Sie ist, glücklicherweise, nicht die Idealdeutsche. Sondern die Durchschnittsdeutsche, eben nur dünner. Sie ist die zappelige Schwester der Kanzlerin. Zwei Ossas, die die Republik beherrschen!

Manchmal muss man fürchten, dass ihr gleich die Aorta platzt, weil sie ihre Begeisterung für Himbeereis oder Hansi Hinterseer herauspressen muss. Und manchmal menschelt sie so exzessiv, dass sie Menschen in ihren unfassbar großen Achselhöhlen verschwinden lässt und man sich zu Hause fragt, ob sie jemals wieder daraus auftauchen werden.

Kiwi ist echt. Sie freut sich wirklich auf die Häppchen aus der Showküche, sie ist wirklich am Rumbuddeln in ihrem Gärtchen, unter der Woche, wenn der Fernsehgarten nur als Kantine benutzt wird. Und sie hat wirklich Flugangst. Trotzdem lässt sie sich in jeder Show in die Luft wuchten.

Was tut man nicht alles für eine Festanstellung auf Lebenszeit. Doch neuerdings zieht Schmuddelwetter über dem Fernsehgarten auf. Einige der ewig auftauchenden volkstümlichen Musikanten wurden rausgemobbt. Angeblich von Kiwi persönlich. Verleumdung – die ist doch viel zu nett! Der Toni Marschall, der das biblische Alter von 50 nur knapp überschritten hat, soll ausgeladen worden sein mit der Begründung, er passe nicht mehr in die »junge Klangfarbe« des Programms. Dabei ist Toni von Kopf bis Fuß haselnussbraun gefärbt und trägt einen quasi jugendlichen Herzschrittmacher mit satter Klangfarbe.

Statt altersgerecht riecht es auf der Fernsehgartenbühne nach Teenieschweiß. Die Barden sind zumeist männlich und erst seit kurzem geschlechtsreif. Es sind Youtuber, und sie tragen die Songs in den Garten der Rentnerlüste, für die sie »Millionen Klicks« gesammelt haben. Kiwi ist ihre coole Mumi, bleibt aber konsequent beim »Sie«, findet die Kleinen »supertoll« und »voll bezaubernd« und ist jeweils schon »ein riesiger Fan des Songs«. Mädchen springen zwischen den Rollifahrern in der ersten Reihe auf und ab, und das restliche Publikum versucht mit Dreivierteltakt-Klatschern, wieder Marschrhythmus herzustellen.

Die Jugend, scheintʼs, will uns den Fernsehgarten versauen. Sie tritt in Schlabberpullis und Shorts auf. Am Sonntag! Wo ist der Glamour und wo ist die Anmut, der Glitzer auf dem Revers, die Pailletten auf den Röckchen und die falschen Zähne?

Zum Glück wird noch gezaubert. Zauberkünstler zerteilen wie schon vor 100 Jahren ihre Assistentinnen in Quadrate und setzen sie wieder zusammen. Sie sehen zwar neuerdings aus wie aus einem Dominastudio entsprungen – aber das ist Geschmacksache.

»s ist offensichtlich, der Fernsehgarten setzt auf Verjüngung. Was sehr unfair ist dem Publikum gegenüber. Zwischen all dem wirkt die berufsjugendliche Kiwi ein wenig welk. Jetzt ist der Augenblick, da sie die Kurve kriegen und zur Carmen Nebel des Sonntagvormittags werden müsste.

Sonst ist sie raus aus der Fenchel-Furche. So geschah es der Fernsehgarten-Moderatorin Ramona Leiß 1999. Ganz Deutschland war in Aufruhr, ja in Trauer. Und am 11. August gab es prompt eine Sonnenfinsternis. Und das will wirklich keiner.

Felice v. Senkbeil

 

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