Eine für die Menschen – aus Heft 7/2017

Mensch BarleyDie Zeiger im Willy-Brandt-Haus stehen auf Dienstag, den 30. Mai 2017. Draußen ist es neun Uhr, drinnen höchste Eisenbahn.
Drei Landtagswahlen sind bereits in der Hose gelandet. Der Hype um Martin Schulz, Spitzname: Kanzlerkandidat, ist versickert; die Zukunft, die vor wenigen Monaten zum Greifen nah schien, ist wieder hinter dem Horizont verschwunden. Kaum jemand interessiert sich noch für die SPD.

Katarina Barley, seit anderthalb Jahren Generalsekretärin der Partei, hat sich den wenig schmackhaften Begleitumständen zum Trotz mit Selbstvertrauen und Zuversicht aufgepumpt. Den dunklen Vorwurf, sie sei für die Strategie und Taktik in diesen verlustreichen Wahlkämpfen bis zu den Ohren verantwortlich, spült sie mit dem Hinweis weg, ihre Mitarbeiter seien nun einmal Menschen, und Menschen machten Fehler. Sie selbst sei punktgenau die richtige Person am richtigen Platz, liebe ihren Job bis in die Fingerspitzen und könne sich beim besten und schärfsten Willen keine andere Arbeit vorstellen.

Sodann verkündet sie vor der pünktlich eingeströmten Hauptstadtpresse stolz den Anpfiff zur Kampa 2017, der Kampagne zur Bundestagswahl im September, die unter ihrer Verantwortung sehr schnell Höchstgeschwindigkeit erreichen werde. Zum Schluss lässt sie das persönliche Bekenntnis vom Stapel, von einer solchen, mit Verantwortung knietief gepolsterten Position habe sie Tag und Nacht geträumt, seit sie mit 26 Lenzen in die Sozialdemokratie eingetreten sei!

Drei Stunden später stehen die Zeiger im Willy-Brandt-Haus am selben 30. Mai 2017 auf zwölf Uhr mittags, ja sogar auf fünf nach zwölf. Draußen ist es ein heiß aufgeblühter Sommertag, drinnen müssen die erneut pünktlich eingefallenen Journalisten versuchen, kühl ihre Nerven in Zaum zu halten: Katarina Barley ist seit fünf Minuten Bundesfamilienministerin und verkündet stolz, sie sei punktgenau die richtige Person am richtigen Platz, liebe ihren neuen Job bis in die Fingerspitzen und könne sich beim besten und schärfsten Willen keine andere Arbeit vorstellen. Von einem solchen hohen, mit Verantwortung knietief gepolsterten Amt habe sie Tag und Nacht geträumt, seit sie mit 26 Lenzen in die Sozialdemokratie eingetreten sei. Und: Sie freue sich auf ihre Mitarbeiter!

Realitätsgebundene Leser werden spätestens zu diesem Zeitpunkt aufmucken, weil soeben Zeitpunkte, Schauplätze, Handlungen und vielleicht sogar Personen mit dichterischer Freiheit zurechtgebogen wurden. Nun, jeder Autor freut sich über Menschen, die aufmerksam mitarbeiten! Aber: Menschen machen Fehler. Zuweilen vergessen sie, dass man die Wirklichkeit zurechtfeilen muss, um verantwortungsvoll eine darunter verborgene Wahrheit ans Tageslicht zu zerren! Katarina Barley also hatte spätestens am Mittag jenes 30. Mai 2017 den Gipfel ihres schönen Lebens erreicht. Zum Glück war Amtsvorgängerin Manuela Schwesig, die als Ministerpräsidentin nach Schwerin ausreiste, nicht Landwirtschaftsministerin gewesen! Mit Ackerbau und Viehzucht hatte sich die Politikerin Barley nämlich genauso wenig befasst wie mit Familienpolitik. Aber wenigstens verfügte sie zu Hause über zwei Kinder.

Zum Glück war die Schwesig auch nicht Justizministerin gewesen! Barley war nämlich geborene Juristin und hatte sogar eine haarnadelfeine Doktorarbeit über »Das Kommunalwahlrecht für Unionsbürger nach der Neuordnung des Art. 28 Abs. 1 Satz 3 Wort 5 Buchstabe 4 Leerzeichen 0 GG« (Thema mit einer Prise dichterischer Freiheit zurechtgenäht) zusammengestöpselt, nein: »ehrlich recherchiert und ganz allein geschrieben« (O-Ton Barley auf ihrer ganz allein geschriebenen Homepage). Jahrelang war sie als Anwältin, Richterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesverfassungsgericht und sogar Justiziarin der SPD-Bundestagsfraktion durchgekommen – und nun wäre sie also Bundesministerin für Justiz? Ein dickes Aber stünde dem entgegen!

Wäre wieder alles kraterbreit schiefgegangen, hätte man ihr knüppeldick fachliche Inkompetenz vorwerfen können. Statt ihren Mitarbeitern!

Insofern war es für sie als volles Mitglied im Heimat- und Verkehrsverein und gutgehende Teilnehmerin zweier Karnevalsvereine daheim in Schweich an der Mosel auch besser, dass die Schwesig nicht Innenministerin, Verkehrsministerin oder Karnevalsministerin war. Und wäre sie Bundesgeschäftsführerin der SPD gewesen, dann ... nein, jetzt vertüddelt sich’s. Das war sie doch selbst bis vor wenigen Minuten! Aber der Fehler ist verzeihlich, hat man doch anderthalb Jahre lang nichts davon gespürt. Sondern nur hohle Luft.

Dick verheddert hatte sich im November 2015 auch Sigmar Gabriel, der damals noch den Posten des Vorsitzenden bis in die größte Ecke massiv ausfüllte. Als er die neue Generalsekretärin der Weltpresse mit goldenen Händen präsentierte, sprach er ihren Nachnamen, der ihr von ihrem britischen Vater übergezogen worden war, »Barlei« aus und nannte sie »Karitta«, vielleicht auch »Katrina« oder »Kalinka« bzw. »Karmann Ghia«. Einen solchen, Baujahr 1969 und cremeweiß wie die nackte Unschuld, lenkt die stolze Oldtimerbesitzerin, eine Ray-Ban-Sonnenbrille im eigenen Gesicht und hinten im Wind die Haarfrisur, flott über die heimischen Weinberge, wenn sie sich endlich einmal für ein paar vom Mund abgesparte Minuten eine Auszeit gönnt von ihrem pausenlosen Einsatz »FÜR DIE MENSCHEN « (O-Ton Homepage; Großschreibung nur viel größer).

Katarina Barley will damit sagen, dass sie nicht in der Tierschutzpartei ist. Auch ist das Wählerreservoir unter den Tieren viel zu klein. Außerdem möchte sie mit allen hundert Fasern ihres Gehirns verdeutlichen, dass sie sich nicht nur trocken für Arbeitnehmer, Arme, Alte und Kranke engagiert. Schließlich gibt es Menschen in allen Schichten! Arbeitgeber z.B. sind meistens auch welche und wollen an der Arbeit anderer stramm verdienen. So geht Politik für »die Interessen der Menschen« (abermals ungeschminkt: Homepage) stets ohne Rückstand auf!

Ein steiles Hoch also auf die deutsche Sozialdemokratie, die nur noch Menschen kennt! Und ein starkes Bravo auf eine Politikerin, die die Menschen, und hier schließt sich der am 30. Mai aufgerollte Kreis, für Kinder hält. »Familie ist dort, wo Kinder sind«, lässt sie auf ihrer Homepage wissbegierige Leser wissen: Einfache, kurz geschnittene Sätze in leicht verständlicher Sprache und aufgefüllt mit einfachen, kurz geschnittenen Aussagen, dazu in dritter Person gesäuselte Überschriften wie »Katarina privat«, »Katarina politisch«, »Katarina engagiert«, »Katarina lieb« und »Katarina heititeiti« (O-Ton teilweise korrigiert) sorgen dafür, dass niemand beim Lesen aus der Bahn geworfen wird oder denken muss.

1994 wollte die Barley aus freien Stücken »Mitglied einer Volkspartei werden«. Dass sie in die SPD schlüpfte und nicht von der CDU sich anleinen ließ, ist womöglich allein Helmut Kohl zu verdanken, der wie ein fetter Mehlsack auf Deutschland lag. Inzwischen ist das ja anders. Wie hätte die da sich heute entschieden? Menschen gibt es schließlich überall.

Peter Köhler
Zeichnung: Ulrike Haseloff

 

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