Terror von oben – aus Heft 6/2017

Sie fallen kaum auf, wie sie da in ihren teuren Anzügen in der Frankfurter Freßgass stehen und Handkäs mit Grie Soß essen. Doch auf den zweiten Blick entdeckt man die daumen nagel großen Buttons an ihren Krawatten. Bulle und Bär, die Maskottchen der Börsianer, sind darauf zu sehen, und darüber prangt der Spruch »Not in my name!«.



Es sind zwei Demonstranten, die hier, unweit der Frankfurter Börse, ihre Ablehnung des Attentats auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund zeigen wollen. Denn wie immer nach solchen Anschlägen wurden auch diesmal die Stimmen derer laut, die eine deutliche Distanzierung der in Deutschland lebenden Spekulanten fordern. »Ein berechtigtes Anliegen«, findet Carlo Dippold, Erfinder der »Not in my name«-Buttons und Initiator der Aktion »Spekulanten für Frieden«.

Der Attentäter von Dortmund hatte versucht, durch seinen Terror die Aktie des Fußballvereins zum Absturz zu bringen, wodurch er ein Vermögen verdient hätte. »Das hat mit der normalen Lebenswirklichkeit des durchschnittlichen Aktienspekulanten nichts zu tun. Das wollen wir zeigen«, erklärt Dippold. »Uns geht es um den Spaß am leicht verdienten Groschen. Dafür Leute umzubringen, finden wir tendenziell eher nicht so gut.«

Doch nicht alle sind dieser Meinung. Viele Anleger sympathisieren mehr oder weniger offen mit dem radikalen Vorgehen des Attentäters. Sie fühlen sich überfordert und benachteiligt angesichts der von großen Banken genutzten Rechenzentren, die in Sekundenbruchteilen Tausende von Trades vornehmen können. Die Vorstellung, dem Marktgeschehen nicht aus geliefert zu sein, sondern wie der mutmaßliche Attentäter Sergej W. Kursentwicklungen aktiv beeinflussen zu können, verleiht ihnen ein Gefühl von Macht.

Auch Uli Hoeneß, einer der bekanntesten deutschen Spekulanten, wehrt sich vehement gegen die Forderung nach Distanzierung. »Mich nervt dieser Generalverdacht gegen uns Kleinaktionäre massiv!«, schnaubt Hoeneß mit hochrotem Kopf und erwirbt nebenbei per Smartphone mehrere hochriskante CFDs. Als bekennender sogenannter Scalper, der mehrere hundert Trades in der Stunde durchführt, kann er, auch wenn er das persönlich anders sieht, Experten zufolge durchaus der Extremistenszene zugerechnet werden. »Nur weil bei irgendeinem verwirrten Jüngelchen die Sicherungen durchbrennen und er seine Gier nicht unter Kontrolle hat«, flucht Hoeneß und starrt gebannt auf sein Smartphone, »kann man doch nicht alle Optionsscheine-Zocker dafür verantwortlich machen.

Fuck! Schon wieder 50 000 Euro weg.« Hoeneß will sich nicht rechtfertigen müssen für seine Art zu leben. »Die Opfer von Aktienspekulanten sind nämlich in den meisten Fällen andere Aktienspekulanten. Diese Opfer sollten wir nicht vergessen!«, sagt er mit Tränen in den Augen und erklärt dann: »Als wir Bayern den Dortmundern Götze, Lewandowski und Hummels abgekauft haben, habe ich auch jedes Mal kurz vor der Bekanntgabe auf ein Fallen der BVB-Aktien gesetzt. – Und jetzt kommen Sie mir nicht mit Insiderhandel! Immerhin floss der Gewinn als Ablöse summe an den BVB zurück. Da hatten alle was von. Letztendlich sogar der Staat, der, wenn auch mit leichter Verspätung, ordentlich daran verdient hat. Yes! 70 000 gewonnen. Nimm das, steigender Palmölpreis!«

Im Gegensatz zu Hoeneß sieht Dirk Müller das Attentat ein wenig kritischer. Müller wurde aufgrund seines prominenten Arbeitsplatzes vor der großen Kurstafel an der Frankfurter Börse als »Mr. DAX«, als »Dirk of the DAX« oder schlicht als »DAX-face« einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Er ist einer der geistigen Anführer der deutschen Spekulanten-Szene. Seine Meinung hat Gewicht, vor allem bei vielen einfachen Kleinaktionären aus dem mittleren Beamtenmilieu.

»Die Idee, eine ganze Fußballmannschaft, Betreuer und Trainer, also ca. 30 Tote als besondere Hebelwirkung einzusetzen, ist zwar aus finanzieller Sicht reizvoll, strafrechtlich aber durchaus fragwürdig«, sagt Müller. Seiner Meinung nach hat sich der Aktienmarkt ohnehin zu sehr von seinen Wurzeln entfernt. »Es geht heute kaum mehr darum, ein Unternehmen, das man dufte findet, ein wenig mit seinem Geld zu unterstützen, um dann nach Jahren der Treue, die eine oder andere Mark zurückzubekommen.« Der radikale Aktienismus, so Müller, pervertiere die ursprüngliche friedliche Vorstellung des Mehr-haben-Wollens. In militanten Spekulantenkreisen gehe es um immer verrücktere Ideen. Manche glaubten gar, nach ihrem Tod würden im Renditehimmel 72 Hedge Fonds auf sie warten. »Aber das ist eine sehr gewagte Auslegung dessen, was George Soros in ›Die Alchemie der Finanzen‹ geschrieben hat«, erklärt Müller, der auch innerhalb seiner Fangemeinde immer wieder mit solchen Irrlehren konfrontiert wird.

Der Terror wirft jedesmal ein Schlaglicht auf eine in Deutschland lebende Minderheit, mit deren Riten, eigener Sprache und kulturellen Eigenheiten die Mehrheitsbevölkerung kaum etwas anfangen kann. Und auch wenn es sich nach Attentaten wie dem von Dortmund anders anfühlt: Die Aktionärsquote in Deutschland liegt bei gerade mal 14 Prozent. Die meisten Deutschen haben kaum Berührungspunkte mit Aktionären und wissen meist nur, dass sie eine eigene Sendung direkt vor der Tagesschau haben.

Die Angst, dass im Zuge des Brexit noch mehr radikale Spekulanten ungehindert nach Deutschland einwandern könnten, lässt sich bei so viel Distanz und Gleichgültigkeit dieser fremden Kultur gegenüber kaum abbauen.Schuld daran trägt auch der Staat. Polizei und Verfassungsschutz lassen die deutsche Aktienisten-Szene bisher weitgehend gewähren. Bundesinnenminister de Maizière sprach angesichts des Attentats zwar wörtlich von einer »widerwärtigen Form von Habgier«, die zu unterscheiden sei von der famosen oder der bewundernswerten Form. Weitreichende staatliche Maßnahmen zur Eindämmung der Szene sind jedoch nicht geplant. Manchen Beobachtern drängt sich gar der Eindruck auf, der Staat fördere noch das Verhalten der Spekulanten, indem er zum Beispiel an der Abgeltungssteuer festhalte.

Thomas Tuchel hat sich von der Szene abgewandt.
Der Trainer von Borussia Dortmund war selbst im Besitz mehrerer Aktienpakete, doch seit dem Attentat sieht er die Börse mit anderen Augen. »Es ist wie mit den Kohlenhydraten«, sagt er. »Man denkt, ein, zwei Nudeln können nicht schaden, doch ehe man sich versieht, kommt die Gier und man isst Weißbrot mit Nutella, Pommes mit Mayo oder einen Berg Reiberdatschi, und plötzlich liegt der Körperfettanteil bei über einem Prozent. Bitte entschuldigen Sie mich! Ich muss brechen.«

Tuchel hat alle seine Aktien abgestoßen. Sein Geld investiert er nun in die nächste Immobilienblase, Rubbellose und ein von Carsten Maschmeyer entwickeltes, innovatives Schneeballsystem. Dass Tuchel wegen seiner kritischen Einstellung zu Aktien den börsennotierten Fußballverein am Ende der Saison verlassen muss, ist ein offenes Geheimnis. – Bei aller nach außen zur Schau gestellten Toleranz und Weltoffenheit: Verrat verzeiht die Gemeinde der Spekulanten nicht.

Carlo Dippold von »Spekulanten für Frieden« ist trotz alledem davon überzeugt, dass sich Aktienbesitzer und Nicht-Aktienbesitzer durchaus auf gemeinsame Werte einigen können. »Wir wollen doch alle das eine«, sagt Dippold: »mehr Geld. Und eine offene Gesellschaft sollte auch für die Menschen Platz haben, die ohne Arbeit reich werden wollen. Meiner Meinung nach ein legitimes Anliegen.«

Während US-Indizes unter Druck gerieten, lag der DAX bei Abschluss dieses Artikels bei 12 735 Punkten. Vor allem aber die Nebenwerte performten überdurchschnittlich.

Gregor Füller

 

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