Ministerin Dolchstoß – aus Heft 6/2017


urschelSoldaten!«, ruft die Verteidigungsministerin über den Exerzierplatz. »In dieser Kaserne sind Dinge vorgefallen, die dem Ansehen der Bundeswehr schweren Schaden zugefügt haben. Rassistische Masterarbeiten wurden durchgewunken, Kameraden, die einen über den Durst getrunken hatten, wurden Hitlerbärtchen angemalt, und es wurde hemmungslos in Wehrmachtsbettwäsche onaniert. Dagegen wollen wir heute ein kleines, aber feines Exempel statuieren.« Die Ministerin fragt die Verurteilten nach ihrem letzten Wunsch. Als aus den geknebelten Mäulern außer »Mmpf« nichts rauskommt, werden sie an die Wand gestellt. Ein lauter Knall ertönt, als wäre jemandem die Tür aus der Hand gefallen.

Ursula von der Leyen öffnet die Augen. »Tut mir leid, Schatz, wenn ich dich unsanft geweckt habe. Hast du gut geschlafen?«, fragt der mit frischen Croissants und Konfitüren beladene Ehemann Heiko. »O ja«, säuselt ihm die Ministergattin entgegen, »ich hatte einen wunderbaren Traum.« Erst jetzt entdeckt sie ihre Kinder neben dem Bett stehen. »Guten Morgen, Maria Donata, Gracia, Johanna, Egmont, Victoria, David und Sophie«, strahlt sie. »Alles Liebe zum Muttertag«, jubelt das wie die Stalinorgelpfeifen aufgestellte Septett und reißt vor Überschwang die rechten Hände hoch, worauf die Verteidigungsmutter aus dem Bett emporschießt und den Blagen der Reihe nach eine scheuert. »Aber, Uschi, wer wird denn keinen Spaß mehr verstehen?! «, verharmlost ihre schlechtere Hälfte.

Doch Ursula von der Leyen ist, was Nationalsozialismus angeht, nicht zum Spaßen. Auch als Heiko mit Kaffee auf gut Wetter machen will, bleibt sie konsequent: »Ist mir zu braun!«

Wenn die Ministerin durchgreift, kennt sie weder Freund noch Feind. Das galt schon immer und jetzt erst recht. Nach den Enthüllungen um Franco A. und dem ganzen Rattenschwanz an publik gewordenen Nazi-Flegeleien, die diese nach sich zogen, will von der Leyen rechtsextremes Gedankengut unter deutschen Helmen ein für allemal ausmerzen, zur Not mit den Mitteln der Gehirnchirurgie. Der Bundeswehr warf sie »falsch verstandenen Korpsgeist«, »Führerschwäche« und »Haltungsprobleme« (Inkontinenz) vor.

Für die Pauschalkritik im Duktus einer tollwütigen Antifa-Kampflesbe bat sie hinterher zwar um Verzeihung, aber der Schuss sitzt tief. Es sei lange her, klagt ein Veteran, der seinen Namen und seine Beinprothesen vergessen hat, dass die Heimatfront dem deutschen Militär dermaßen in den Rücken fiel. »Dolchstoßerin von der Leyen beweist, wie weit die Sozialdemokratisierung der CDU schon fortgeschritten ist.«

Zwischen der Oberbefehlshaberin und ihrer bewaffneten Gefolgschaft klafft ein bomben - trichtertiefer Graben, der nicht nur Deutschlands Sicherheit am Hindukusch gefährdet, sondern auch von der Leyens Endsieg in der Übernahmeschlacht ums Kanzleramt und den Familienfrieden in Burgdorf-Beinhorn. Trotzdem will die Ministerin jetzt nicht nachgeben. »Ich gehe über Leichen«, sagt sie, »wenn es sein muss, über meine eigene.« Spätestens jetzt wird klar, warum sie von den Generalität »Eisprinzessin« genannt wird – oder »Engel mit den Eisaugen«. In diesen Beinamen schwingt natürlich auch Respekt mit. »Ihr totalitärer Anspruch hat schon was«, schwärmt ein Unteroffizier hinter ausgestreckter Hand.

Von der Leyen legt großen Wert darauf, sich ein eigenes Bild zu machen. Sie hat sich die Brigade im elsässischen Illkirch angeschaut, wo Franco A. SS-Runen ins Mobiliar schnitzte, und ist an der Kaserne in Donaueschingen vorbeigefahren, wo am Kantineneingang eine Wehrmacht-Vitrine die Verdauung und Großmachtsphantasien der Kameraden anregen sollte. Manche geben ihr an diesen Zuständen eine Mitschuld. Die Ministerin lacht: »Wie soll das gehen? Ich habe ja noch nicht mal gedient.«

Aber vielleicht, gibt von der Leyen zu, hätte sie früher genauer hinsehen sollen. Das holt sie jetzt nach. Mindestens einmal im Monat will sie in einer ausgewählten Kaserne persönlich nach den Rechten schauen – inkognito, versteht sich. Die Stahlhelmfrisur gegen einen modischen Undercut getauscht, wie ihn die Bundeswehrzielgruppe als haarige Hommage an Trendsetter Himmler trägt, das Schulterblatt mit einer Thor-Tätowierung verziert – und fertig ist die perfekte Tarnung. Ihr erster Undercover-Einsatz führt sie in die bislang unbescholtene Horst-Wessel-Kaserne in Hasskirchen bei Braunschweig. Die Suche nach »verdeckten rechtsextremen Tendenzen «, die die Ministerin ihrer Truppe bescheinigte, erweist sich als schwieriger als erwartet.

»Nicht überall prangt gleich das Vier-Meter-Hakenkreuz am Kasernentor oder der Arbeit
-macht-frei-Schriftzug über den Kameradschaftsduschen«, sagt sie nicht ohne Enttäuschung. Als Nazijägerin braucht man Geduld. Beim Abendessen in Hasskirchen wird sie fündig: Die Buchstabensuppe besteht ausschließlich aus As und Hs. Auf Befehl der Verteidigungsministerin muss sich der Koch noch am selben Abend vor versammelter Mannschaft zu Europa bekennen, indem er die Ode an die Freude anstimmt und gleichzeitig auf eine Wehrmachtsflagge seine Notdurft verrichtet.

»Vor uns liegt ein langer Marsch«, frohlockt die Ministerin vor den Soldaten in Hasskirchen. Die Modernisierung der Bundeswehr sei ein Marathon und kein Blitzkrieg. Als wichtigen Schritt nennt sie die Einführung einer neuen Meldekultur. »Petzende Kameraden sollen künftig besser geschützt und wertgeschätzt werden«, lässt sie die Soldaten aufhorchen. »Ab dem dritten Verrat gibt es je nach Vorliebe eine Beförderung oder eine Kiste Seifen.« »Für mich bitte die Seifen«, ruft ein Gefreiter, dessen Haare noch von der morgendlichen Kopfüber-Klo-Dusche glänzen.

Von der Leyen greift in einen Rucksack, der mit seinen 90 Zentimetern beinahe so groß ist wie sie. »Ich habe euch etwas mitgebracht.«
»Hass! Hass! Hass«, ruft es ihr euphorisch entgegen. Die reflexartig gereckten Mittelfinger werden schnell wieder eingefahren. »Der hier ist für eure leer geräumten Vitrinen«, sagt sie und hält ein weißes Stoffschnabeltier in die Höhe. »Das ist Quaki, eure neue Friedensente. Die soll euch im Einsatz Glück bringen.«

Als die Ministerin die Kaserne in Hasskirchen verlässt, wirkt sie nachdenklich. Sie weiß, dass der Bundeswehr in den vergangenen Jahren viel zugemutet wurde: Wehrpflicht abgeschafft, Frauen zugelassen, Kitas eingerichtet, das gute alte Sturmgewehr G36 eingezogen, die Grundausbildung reformiert mit dem Schwerpunkt Yoga – nach der Devise: »Sonnengruß statt Morgenappell «. Alles wurde von den Militärs mitgetragen, doch bei der Entnazifizierung sagen viele: Jetzt geht sie zu weit. Ein chinesisches Sprichwort besagt: »Ein Soldat ohne Rassismus ist wie ein Fußballer ohne Beine.« Die Ministerin kichert über den Spruch: »Der moderne Soldat sitzt am Schreibtisch, der kommt auch ohne Beine klar.«

Aber was ist, wenn der Reformeifer am Ende die ganze Bundeswehr vernichtet? »Kollateralschäden gehören zum Geschäft«, sagt von der Leyen, schließt ihre Augen und träumt weiter.

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

 

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