Der perfekte Asischerz – aus Heft 5/2017


abischerz
Bildungsideal und gehören zur Allgemeinen Hochschulreife wie die Urindusche zur Rockertaufe oder Komasaufen zur Priesterweihe. Leider ist das Brauchtum in jüngster Zeit etwas aus dem Ruder gelaufen, was vor allem daran liegt, dass Schulgedöns immer noch Ländergewichse ist. Die Bundesregierung will den Verfall des Brauchtums nicht länger hinnehmen und hat das Bildungsministerium angewiesen, ein bundesweit geltendes Leitbild zu erarbeiten – für einen Zentralabistreich.
Hier die zwölf wichtigsten Verhaltensregeln.


Mit Knalleffekt einsteigen
Viele Abiturienten machen den Fehler und lassen es beim Abistreich zunächst langsam angehen. Das ist gut gemeint, aber schlecht gedacht. Ein Abistreich muss von Anfang an kesseln. Schüler und Lehrer wollen aus ihrem Unterrichtsalltag herausgerissen werden. Am besten gelingt das durch einen Knalleffekt. Abiturienten früherer Generationen hatten es da einfach. Sie spazierten kurz durch den Wald und kamen mit einem Korb voller Blindgänger zurück. Heute ist Kreativität gefragt, wenn nicht zufällig ein polnischer Klassenkamerad mit Kontakten ins heimische Sprengstoffgewerbe zur Verfügung steht. Warum nicht mal ein launiges Schulmassaker vortäuschen? Wenn es Euch an Phantasie mangelt, einfach Rat beim Klassennerd einholen!

Einheitslook tragen
Der Abistreich-Trupp muss sich optisch von der Masse abheben und als Einheit erkennbar sein. Deshalb ist es ratsam, sich einheitlich zu kleiden. Sturmhauben, Kampfanzüge und einfarbige Schlagstöcke gibt es in jedem vernünftigen Militärkellershop um die Ecke. Obacht! Falls die Ärmel mit verbotenen Symbolen bestickt sind, unbedingt im Voraus abmachen und durch eigene Hakenkreuze oder BVB-Aufnäher ersetzen. Ganz wichtig außerdem: Einigt Euch auf einen gemeinsamen Namen! Bewährt haben sich Wortspiele à la »AbIS«, oder wenn es noch eine Spur derber sein soll: »Kommando Kevin Großkreutz«.
Klar kommunizieren
Ein gelungener Abistreich hängt von klaren Ansagen ab. Achtet also darauf, nach dem Sturm auf die Schule zuallererst die Sprechanlage zu kapern. Auch hier gilt: Obacht! Gelegentlich kommt es vor, dass sich die Sekretärin in den Weg stellt. Ihr Widerstand lässt sich in der Regel aber mit ein paar einfachen Handgriffen (Kusshand, Schwitzkasten) und Hilfsmitteln (Schachtel Pralinen, Gaffa-Tape) brechen.

Grenzen ziehen
Unter den Beteiligten darf kein Zweifel bestehen, wer im Laden ab sofort das Sagen hat. Als künftiger Hausherr kommt es darauf an, Euer Territorium klar abzustecken. Feindliche Subjekte aus dem Lehrerzimmer werden auf Distanz gehalten mit Absperrbändern oder – für den größeren Wow-Effekt – Elektrozäunen.

Danke sagen
Irgendwann wird auch der letzte Lehrer seinen aussichtslosen Widerstand aufgegeben haben, dann folgt der Moment der Versöhnung und Dankbarkeit. Denn mal ehrlich, ohne pädagogischen Beistand hättet Ihr Lutscher nicht einmal das kleine ABC gelernt. Bastelt also eine Bühne aus Industriepaletten oder Schullaptops und haltet eine Laudatio auf alle Lehrer, die es verdient haben: die Referendarin, die Euch vorab im Vertrauen die Abiaufgaben zusteckte; der Sportlehrer, der beim Geräteturnen immer unverlangt seine Hilfestellungen anbot; die Burnout- Tante, der Ihr im letzten Schuljahr so viel Unterrichtsausfälle verdanktet, dass Ihr praktisch zweimal Sommerferien hattet.

Naturprodukte verwenden
Sicher erinnert Ihr Euch noch an den Vorfall im hessischen Kronberg, wo Abiturienten eine Schaumparty schmeißen wollten und ihre Mitschüler aus Versehen mit Giftschlacke verätzten. Was lehrt uns dieses Beispiel? Finger weg von Chemikalien, die Natur hält viel schonendere Produkte für Euch bereit: zum Beispiel Jauche – riecht zwar strenger als Chemieschaum und brennt auch ziemlich fies in den Augen, kann aber biologisch abgebaut werden.

Unterstufen einbeziehen
Aus dem Abistreich soll keine Exklusivveranstaltung für Oberstufen werden. Bezieht gefälligst auch die unteren Jahrgänge mit ein! Lasst sie kellnern, den Müll entsorgen und regelmäßig das Wasser in den Planschbecken wechseln. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die richtigen Getränke besorgen
Reden wir nicht lange um den heißen Grog herum: keine Party ohne Promille. Ihr seid volljährig, also schießt Euch nach allen Regeln der Braukunst ab und sorgt dafür, dass bei den Kurzen keiner zu kurz kommt. Leider gibt es immer wieder Spaßbremsen, die sich dem Kampftrinken verweigern. Wir alle kennen den trockenen Geschichtslehrer, der nach halb überstandener Leberzirrhose seine Abstinenz zelebriert, oder die Kunst-Trulla, die sich nach vierzigjähriger Suffkarriere plötzlich ziert. In solchen Härtefällen kommt es auf ein gutes Händchen an, das dem Begrüßungskaffee nur so viel Schnaps beimischt, dass es nicht auffällt.

Soziale Medien nutzen
Der Nachteil an Abistreichen bestand lange darin, dass nur eine überschaubare Zahl von Leuten daran teilhaben konnte. Das hat sich durch die sozialen Medien geändert. Jetzt kann die Feiergemeinde beliebig erweitert werden. Auch wem die Anreise zu weit ist, sollte nicht in die Röhre schauen müssen. Wozu gibt es Livestreams? Und warum hängt auf der Lehrertoilette noch immer keine Webcam?

Kulturellen Austausch pflegen
Der Abistreich bietet immer auch eine schöne Plattform für kulturellen Austausch. Das ganze Schuljahr war für die Jungs aus dem Maghreb an der Schulhofgrenze Schluss. Behandelt die geschäftstüchtigen Gäste nicht länger wie eine Randgruppe, die sich vorkommen muss, als täte sie etwas Verbotenes, nur weil sie den ortsüblichen Crystal-Meth-Preis unterbietet. Heißt sie willkommen und schenkt ihnen die Möglichkeit, ihr Warenangebot darzureichen. Denkt aber bitte daran, minderjährigen Schülern einen Rabatt zu gewähren. Kinderabzocke auf dem Pausenhof geht gar nicht.

Für Abwechslung sorgen
Auch der beste Abistreich droht mit der Zeit zu verflachen. Um das berüchtigte Nachmittagsloch zu überbrücken, heißt es, für Abwechslung zu sorgen. Stellt sich nur die Frage: Wo treibt man auf die Schnelle ein Dutzend Nutten auf? Nur keine Panik, der Relilehrer hatte in solchen Fällen noch immer eine Notfallnummer parat. Doch Obacht! Die Dienste der professionellen Damen gehen ins Geld und können die Klassenkasse sprengen. Alternative: Wozu gibt es eigentlich die billigen Bitches aus der Elften?

Würdevolles Ende finden
Ein Abistreich dauert so lange, bis die Polizei kommt. Aber bitte geht nicht schon vor den erstbesten Streifenpolizisten in die Knie, sondern wartet ab, bis sich über dem Gymidach das SEK abseilt! Bevor Ihr in Gewahrsam kommt, unbedingt noch den Notarzt ordentlich abfeiern, der mit Hingabe den Geschichtslehrer zu reanimieren versucht – wenn auch vergebens.

Florian Kech
Zeichnung: Ari Plikat

 

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