Das Mondkalb – aus Heft 04/2017

Im Lyndon B. Johnson Space Center in Houston bereitet man sich auf hohen Besuch vor. Über dem Hochsicherheitseingang hängen rot-weiß-blaue Girlanden, jemand hat Luftballons aufgeblasen und auf der Motorhaube eines Spaceshuttles räkelt sich eine osteuropäische Gogo-Tänzerin mit frisch poliertem Heckspoiler.

Der Gast soll sich wie zu Hause fühlen. Die Tür aus atombombensicherem Titan geht auf, die First Family betritt die Werkshalle. Trump ergreift die Hand des NASA-Direktors und schüttelt ihn durch wie eine Zentrifuge. Mit der freien Hand winkt er den versammelten Ingenieuren, einer Gruppe Hispanics zeigt er verbindlich den Mittelfinger. Interessiert lässt Trump seinen Blick über das Hightech made in USA wandern. Das Spaceshuttle hat es ihm besonders angetan.
Er schäumt fast vor Neugier. »Mir scheint, das Baby müsste dringend mal wieder geölt werden, if you know what I mean.«

Oft wird Donald Trump Isolationismus und die Spaltung der Welt vorgeworfen. Doch seine Begeisterung für den Mond beweist das Gegenteil. Der US-Präsident schaut sehr wohl über den nationalen Orbit hinaus. Lagen nach der Apollo-Mission die diplomatischen Beziehungen zwischen der Erde und ihrem Trabanten jahrzehntelang auf Eis, könnte Trump eine neue Ära der Annäherung einleiten. Wenn ihn keiner beim Abheben ausbremst.

Eigentlich wollte die NASA mit der ersten bemannten Mondlandung seit 1972 noch ein paar Jährchen warten. Aber Trump tritt aufs Gas. Spätestens 2018 will er einen Amerikaner auf den Mond schießen. Koste es, was es wolle.

Beim Rundgang durch das Raumfahrtzentrum versucht er, den NASA-Leuten zu erklären, warum ihm die Operation »High Moon« persönlich so am Herzen liegt. »Ich will, dass wir denen da oben mal ordentlich in den Hintern treten. Unsere Handelsbilanz mit dem Mond ist seit Jahren negativ.

Und obwohl dort das Sternenbanner weht, zahlen die keinen Cent Steuern.« Als Trump feststellt, dass ihn keiner versteht, nimmt er seinen Darth-Vader-Helm ab. Die Maßnahme wirkt, man kommt sich näher. Der berühmte und kopfabwärts gelähmte Astrophysiker Stephen Hawking, der sich zufällig in Houston aufhält, begleitet die Gruppe im Rollstuhl. Seine Roboterstimme weiht den Präsidenten in die größten Geheimnisse des Universums ein. »Also wenn ich das mit den Schwarzen Löchern richtig verstanden habe«, sagt Trump, »dann reden wir hier von kosmischen Pussies. Warum zum Teufel hat mir nie jemand von den Dingern erzählt? Kann man die auch anfassen?« Zum Dank für seinen Exkurs bekommt Professor Hawking vom Präsidenten im Anschluss eine Kostprobe seiner lustigsten Behindertenwitze.

Als sie in der IT-Abteilung ankommen, schaut sich Trump verwirrt um. Lauter gelbe Gesichter, die auf Bildschirme starren. Er wendet sich besorgt seinem Nebenmann zu: »Verdammt viele Aliens hier.« »Das sind Chinesen«, erwidert der NASA-Chef. »Sag ich doch.« Trump lässt nicht locker: »Come on, woher habt ihr all diese Kreaturen? Aus Roswell? Wir sollten den Saftladen dort endlich dicht machen.«

Dann wieder kommt man auf das eigentliche Thema zu sprechen: die Mondlandung. Trump verspricht sich eine Menge von der Mission. »Wir werden im großen Stil nach Bodenschätzen graben, Ackerbau betreiben und die besten Mondkälber der Galaxis züchten«, verspricht er. »Ich kann nicht verstehen, warum das nicht längst geschehen ist. Was haben die Loser bisher dort oben eigentlich getan? Den Moonwalk geübt? Totales Desaster.«

Immer wieder trifft Trump mit seinem Vorstoß auf Bedenken. Die Vorbereitungen benötigten mehr Zeit. »Was ist daran so kompliziert? Ihr habt diesen Scheißflug doch schon x-fach unternommen.« Betretenes Schweigen. Einige Astronauten sehen sich verlegen an. »Wer sagt’s ihm?«, fragt einer kleinlaut in die Runde. »Nun ja«, beginnt der NASA-Chef, »genaugenommen ist das Neuland für uns. Die bisherigen Mondlandungen wurden in Hollywood produziert.«
»Fake News, verstehe«, sagt Trump und massiert einen Moment seine Schläfen. »Das erstaunt mich nicht. Ich hatte mich immer schwer getan mit der Vorstellung, dass der erste Mensch auf dem Mond ein schwarzer Jazzmusiker gewesen sein soll.«

Es dauert nicht lange, bis Trump erneut in Rage gerät. »Drei Tage Flugzeit?! Nicht euer Ernst?! Womit fliegen wir, mit einem Heißluftballon? Was ist mit Warp-Antrieb?«
»Tut mir leid, Sir, so weit sind wir noch nicht«, entschuldigt sich der NASA-Boss.

»Ach ja? Wie erklären Sie mir dann, dass die Enterprise bereits in den 1960ern für den Flug von einer Galaxis zur nächsten nur wenige Minuten brauchte?« Die Lage in der Raumfahrtzentrale spitzt sich jetzt zu. Trump verlangt, Captain Kirk zu sprechen, sonst werde er der NASA die öffentlichen Gelder streichen.

Nach einer Weile beruhigen sich die Gemüter.
Wenn alle zu feige seien, sagt Trump, werde halt er die Rakete fliegen. Um keine Zeit mehr zu vergeuden, beginnt er unverzüglich mit dem Training. Im Raumanzug, den er für solche Fälle stets unter dem Anzug trägt, nimmt er Platz in der Zentrifuge. »Volles Tempo«, befiehlt er. Kurz davor hat er Sohn Barron noch einen Abschiedskuss gegeben und Melania in den Schritt gefasst. Die Schleuderkabine fängt an sich zu drehen. Die zuständigen Techniker bemerken, dass der Präsident keine Sicherheitsgurte angelegt hat und schalten noch einen Gang hoch. Als die Maximalgeschwindigkeit erreicht ist, heult nach fünf Minuten die Sirene. Ab jetzt besteht Lebensgefahr. Die NASA-Leute tauschen Blicke aus und lassen die Maschine weiter rotieren.

Eine halbe Stunde später steigt das, was von Trump übrig geblieben ist, aus der Kabine. »Vielleicht ist die bemannte Raumfahrt doch keine so gute Idee«, spricht es aus seinem entzahnten Mund. »Wir könnten mit einem Affen testen«, schlägt der NASA-Boss vor. Doch obwohl Trump der erste US-Präsident seit mehr als hundert Jahren ist, der im Weißen Haus kein Haustier hält, bekommt er Mitleid mit dem armen Äffchen. Das sei zu grausam, sagt er, wischt sich eine Träne aus dem Auge und betrachtet Melania, die von der sensiblen Seite ihres Mannes gerührt ist. »Ich habe einen besseren Plan«, sagt Trump. »Statt Affen nehmen wir Frauen.«

Florian Kech

 

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