Der Schweinepriester – aus Heft 3/2017


Schweinepriester
Zwei klobige Pranken packen den Landwirtschaftsminister von hinten am Schädel. Damit er still hält. »Das fühlt sich ja an wie in einem Schraubstock«, lacht Christian Schmidt von der Bühne herab. Die geladenen Gäste auf der Jahreshauptversammlung der Schlachterinnung in Neustadt an der Sulz grölen.

Einer von ihnen bekommt vor lauter Begeisterung ein Stück Haxen in die Luftröhre und muss in die Abdeckerei gebracht werden. Die Stimmung in der Frankenhalle ist dennoch ausgelassen wie Gänsefett. Eine Ohrenmarkenzange nähert sich Schmidts Ohr. »Das kann jetzt etwas zwicken, Herr Minister«, warnt der Innungsobermeister.
Schmidt beißt sich auf die Oberlippe.

Dann kneift die Zange zu. Es ist nicht Schmidts erstes Piercing, aber das erste sichtbare und zweifellos bedeutendste. Auf der Ohrenmarke steht die Nummer 001. Der Landwirtschaftsminister trägt jetzt einen Ehrenschlachtertitel.

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik wurde einem lebenden Politiker eine solche Auszeichnung zuteil. Er hat sie sich verdient. Wie Christian Schmidt sich in den vergangenen Monaten ins Zeug gelegt hat, sucht seinesgleichen. Speerspitze der Fleischindustrie, Schaschlikspieß der Anti-Vegetarier-Bewegung – Titel, die dem Minister schmeicheln.

Aber auch Zuschreibungen wie Fleischlobbyist, Tiermörder oder Kannibale gefallen ihm. Das Ohr pulsiert noch, als Schmidt seinen nächsten Termin wahrnimmt. Auf dem Schulhof des Mahatma-Gandhi-Gymnasiums in Fürth wartet er auf die große Pause. Mitgebracht hat er seinen XXL-Barbecue-Smoker. Den aufsteigenden Rauchpilz kann man sogar in der Landeshauptstadt sehen. »Ein Zeichen der Hoffnung«, schmatzt Schmidt, während er sein Pulled Pork vom Schweinenacken vorkostet. »Ist noch roh.

Genau richtig.« Die Pausenglocke läutet. »Fressi-Fressi«, verkündet Schmidt über die Lautsprecher. Mitarbeiter des Ministeriums schieben weinende Schüler aus den Klassenzimmern. Die meisten haben in ihrem Leben noch nie Fleisch gegessen. »Kein Wunder, dass die alle so kleinwüchsig sind«, schimpft der Minister über die Fünftklässler, die sich widerwillig nähern.

Das Fürther Gymnasium ist die erste Modellschule Deutschlands, an der die Schweinefleisch-Pflicht eingeführt wird. Während er große Haufen auf die Teller schaufelt, tauscht Schmidt zufriedene Blicke mit seinen Beamten aus, die mit schwerem Gerät den Schulgarten umpflügen. Wo bis eben die Veggie-AG Gemüsebeete anlegte, werden demnächst glückliche Ferkel fürs Kühlregal herangezüchtet. Über einer Mülltonne steckt ein Schüler den Finger in den Hals.
Schmidt zeigt Mitgefühl und gibt dem Sensibelchen einen Nachschlag Lungenhaschee und einen Schluck Wurstwasser zum Nachspülen.

Nach der Schulfütterung muss Schmidt an seine eigene Kindheit denken. In den 60er-Jahren war es sein größter Traum, ein Metzgerssohn zu sein. Leider war sein Vater nur einfacher Bäckermeister. »Das war schwer zu ertragen«, klagt Schmidt. »Er konnte nicht einmal Brot in Fleisch verwandeln.« Als er alt genug war, stieg er kurzzeitig in die elterliche Bäckerei ein. Doch weil seine Mett-Krapfen bei der Kundschaft nicht den erhofften Anklang fanden, kehrte er Handwerk und Heimat den Rücken und ging zur Gebirgsdivision nach Garmisch-Partenkirchen. »In der Grundausbildung schoss ich auf alles, was vier Beine hatte. Jeden Abend saßen wir ums Lagerfeuer und nagten Knochen ab, bis sich der Bergziegenbestand halbiert hatte.« Dermaßen gut im Futter war für Schmidt der nächste Karriereschritt vorgezeichnet: die CSU.

Seit drei Jahren ist er Minister für Land- und Ernährwirtschaft. Davor diente er lange Zeit als Staatsveterinär im Verteidigungsministerium. Für Schmidt kein Unterschied. In beiden Ministerien gehe es letztlich um die Verteidigung unserer Heimat. Wenn es um die Durchsetzung des Russland-Boykotts geht, überwindet er sogar mal seinen Ekel und beißt demonstrativ in einen deutschen Apfel. »Essen ist die Fortsetzung des Krieges mit Messer und Gabel«, lautet eines seiner Lieblingszitate von Feldmarschall Johann Lafer.

Es war einer dieser Tage, an denen Schmidt an seinem Schreibtisch hing und halbverhungert mit knurrendem Magen und speichelnder Kauleiste den Kantinenplan studierte. Von fünf Gerichten enthielten nur drei Schwein. »Da dachte ich, mich trifft der Bolzenschussapparat.« Schmidt fing an zu recherchieren und fand im Internet unappetitliche Statistiken, wonach jeder zehnte Deutsche bekennender Vegetarier sei, jeder vierte schon mal über einen längeren Zeitraum fleischlose Ernährung ausprobiert habe, jeder zweite Tiere als Lebewesen betrachte und so weiter. »Da war mir klar, dass sich am deutschen Herd dringend etwas ändern muss.« Noch am selben Tag unterzeichnete er das Positionspapier »Operation Fleischwerdung«.

Hart durchgreifen will er gegen den ganzen Etikettenschwindel der Vegetarier-Mafia. »Ein Gemüseschnitzel oder eine Tofuwurst kann es per definitionem nicht geben«, sagt Schmidt. »Es gibt ja auch keinen Fleischsalat.« Zur Kontrolle hat er Razzien in einschlägigen Reformhäusern und Kürbiskernkneipen angeordnet. »Wir werden diesen Sumpf austrocknen«, verspricht er.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Schmidt will niemanden bevormunden. Die sogenannte Ernährungsampel, die auf Lebensmittelpackungen den Fett-, Zucker- und Asbestgehalt kenntlich machen sollte, lehnte er mit der Begründung, er wolle dem Volk nicht in die Töpfe reinregieren, ab. Auch beim Kükenschreddern entschied er sich gegen ein plumpes Verbot, das dem diffizilen Auswahlverfahren niemals gerecht werden könnte. Aus Sicht des zerhäckselten Piepmatzes mag das bedauerlich sein, aber niemand kann deswegen wollen, dass man dem Volk in den Schredder reinregiert. »Da lassen wir mal schön die Finger von«, sagt Schmidt und wäscht seine Hände in Blutwurst.

Es ist Abend. Familie Schmidt hat sich um den Esstisch versammelt. In der Mitte dampft ein mit Hack gefülltes Spanferkel im Speckmantel. Zum Nachtisch gibt es Innereien. Die Familie hält sich an den Händen, während der Hausvater zum Tischgebet ansetzt. Das gebiete der Respekt vor der Schöpfung, sagt er. »Wir lieben Tiere, und zwar nicht nur geröstet«, beteuert Schmidt. Seine beiden Töchter haben sich zu Weihnachten Haustiere gewünscht – Stopfgänse. Schmidt selbst hält sich seit mehreren Jahren ein Hausschwein.

»Es kommuniziert sogar mit mir«, sagt er und schaut dem Tier, das zu seinen Füßen liegt, tief in die Augen und nickt. »Gerade eben hat es wieder gesagt: Friss mich, du Sau!«

Florian Kech

 

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