Die Mülltonne ist wieder da! – aus Heft 1/2017

Hellseher, sensitive Medien und Großväter mit wetterfühligen Kriegsverletzungen bewegen sich seit jeher in der Grauzone zwischen wissenschaftlich anerkanntem Wahnsinn und paranoider Schizophrenie. Daher ist es kein übersinnliches Wunder, dass deutsche Polizisten von Zeit zu Zeit ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Bei den Ermittlungen zur Aufklärung der Morde des NSU ließ die Polizei extra dem selbsternannten »Giganten unter den Metaphysikern«, Dawoud Z. aus dem Iran, ein Visum ausstellen. Er reiste daraufhin nach Hamburg und gab den wertvollen Tipp, dass es sich beim gesuchten Dönermörder um einen Motorrad-Rocker namens »Amin« oder »Mustafa Horgh« handeln würde, der wahrscheinlich Türke sei. Die Erkenntnisse eines ausgebildeten Profilers wurden nun nicht mehr benötigt, denn nur wenige Jahre später konnte Beate Zschäpe dingfest gemacht werden. Ein schöner Erfolg! Ebenso wie der Fund der dringlich vermissten Mülltonne, die die Polizei vor einiger Zeit an der Stelle im Mittellandkanal auffand, an der ein anderer Hellseher eine Leiche vermutet hatte. Wir begleiteten ein Medium bei seiner spannenden Arbeit für die Polizei.


Die Sonne ist noch nicht aufgegangen über Gelsenkirchen, da schleppt sich die Frührentnerin Tusnelda Andromedarius (56) schon durch die gottverlassene Stadt. Sie braucht den Schutz der Dunkelheit für ihr Ritual. Hastig wirft sie einige Hühnerknochen auf die Straße. Wenn sie das regelmäßig tut, könne sie die Geister niedriger Müllgebühren gnädig stimmen. Gleichzeitig passt sie sich den Gelsenkirchener Sitten an. Dann bricht sie kraft ihrer Gedanken, die den Zimmermannshammer in ihrer rechten Hand steuern, einige Autoseitenspiegel ab und sprengt einen Fahrkartenautomaten der örtlichen Verkehrsbetriebe mit Haarspray. Sie notiert sich die Inhaltsstoffe des Haarsprays genau. Was auf den ersten Blick keinen Übersinn ergibt, erklärt sich auf den zweiten: Insiderinformationen zu diesen Verbrechen werden die Kollegen auf der Wache sicherlich interessieren.

Andromedarius hält inne, schaut auf ihre magische Uhr, die sie am Handgelenk trägt, und deutet mit eindrucksvoller Geste auf den gegenüberliegenden Kiosk. Dessen Vorbaurolladen öffnen sich wie von Geister hand. Es ist 6:30 Uhr, Karl-Heinz Krosowskie beginnt die Schicht in seinem »Lädchen«. Den ersten Kaffee bekommt die Stammkundin Andromedarius selbstverständlich nach Seher-Sitte türkisch aufgebrüht. Man kennt sich.

Die Dame, die schon als kleines Mädchen Stimmen aus dem Radio hörte und wie Uri Geller Aluminiumlöffel in der Schulkantine verbiegen konnte, kommt jeden Morgen vorbei und bespricht die Warzen Krosowskies mit den Worten: »Wat für widerliche Dinger.« Dann liest sie die Boulevardpresse.
Eigentlich muss sie das nicht, denn sie weiß selbstredend schon vorher, was drin steht: Irgendwas über Pietro und Sarah Lombardi, Titten, und Franz Josef Wagner skizziert in seiner Kolumne die neuesten Symptome seines Korsakow-Syndroms. Doch manchmal, da findet sie in den Zeitungen auch Hinweise auf interessante Verbrechen.

Auch heute wird sie fündig. Sie schlägt sich das Blatt unter den Arm und kippt den Kaffeesatz auf den Tresen. »Das hat keine größere Bedeutung, nur eine Annehmlichkeit des Berufs«, sagt sie grinsend, während der Kioskbesitzer sich anschickt, die Schweinerei wegzumachen. Dann macht sie sich auf den Weg nach Hause, denn sie muss mal dringend aufs Hokus-Lokus. Dabei schwirrt ihr in der Regel schon allerlei Hellsichtiges durch den Kopf, mit dem sie die Polizei verzaubern möchte.

Es gibt in Deutschland Tausende von Wahrsagern, die den Beamten täglich nützliche Ratschläge geben. Aber nur den wenigsten Hinweisen wird tatsächlich nachgegangen. Es ist ein harter Markt. Wer sich darin langfristig positionieren möchte, der muss wissen, wie die Polizisten ticken und worauf sie anspringen. Die Dönermord-Geschichte sei ein grandioser Coup gewesen, meint Andromedingsbums. Auf so etwas hoffe jeder in der Szene. Einmal habe sie etwas ähnlich Tolles gemacht, da habe sie einem Beamten durchs Telefon gesagt, dass sie sehen könne, dass sein Schuh offen sei, und der Mann habe sich tatsächlich gebückt. »Als ob ein normaler Beamter im Innendienst Schleifen binden kann«, ruft sie und lacht schallend. »Aber so einen Erfolg, den können Sie nur zwei-, dreimal am Tag mit dem gleichen Beamten landen. Für alles andere müssen Sie bessere Geschichten aus der Kristallkugel wringen.«

Sie macht das gern, aber sie weiß, dass es auch Scharlatane in der Branche gibt. Nicht jeder, der sich Magier nennt, ist seriös. In der Branche spricht man von schwarzen Schafen und weißen Löwen. Man munkelt über große Namen. David Copperfield und Siegfried und Roy werden hinter der vorgehaltenen Hand mit Begriffen wie »Spiegeltrick« oder »schwul« in Verbindung gebracht. Andromedarius will sich nicht öffentlich dazu äußern.

Die Seherin mit fünf Dioptrien konzentriert sich lieber auf ihre eigene Arbeit. Sie macht die großen und die kleinen Sachen. Heute gibt sie ein paar Hinweise zu einem Banküberfall, von dem sie las. Ihre Gedanken schickt sie einfach durch die Luft in die Wache. Am Handy macht sie konkrete Angaben: die Täter? Kriminelle Subjekte aus dem ost-, vielleicht südosteuropäischen Raum mit Schmalzlocke, knoblauchiger Wodkafahne und Vergewaltigerpenis. Ihrer könne man habhaft werden, wenn man alle männlichen Ausländer festnehme, oder besser noch: gar nicht einreisen lasse. Die Hellseherin hört förmlich das zustimmende Nicken des Polizeibeamten am anderen Ende der Leitung und sein sanft dahingehauchtes »Danke, Merkel!«.

Aber Andromedarius macht auch gerne mal die großen Dinger und klärt die wichtigen Kriminalfälle auf. Sie weiß: Die bis heute verschollenen Reemtsma-Millionen sind an einem geheimen Ort, das entführte Lindbergh-Baby ist mittlerweile tot, und Uwe Barschel war Nichtschwimmer. Aber diese Aufklärungen betreibt sie nur nebenbei.
Wichtig ist ihr, dass sie die Beamten mit ihren Hinweisen beschäftigen kann. Dann sind die weg von der Straße und können kein Unheil anrichten. Und dass sie das sonst täten, das weiß Tusnelda Andromedarius leider nur allzu genau ...

Andreas Koristka

 

---Anzeige---