Die Wahrheit als Spielball von Schweinen – aus Heft 12/2016

Als Abraham Lincoln 1721 die amerikanische Verfassung diktierte, wies er seinen Sekretär Jason an, auf die Rückseite des Papiers sein heute berühmtestes Zitat zu schreiben: »Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen.« Lincoln erfand damals die Grundidee, die heute weiter verbreitet ist denn je: die gefühlte Wahrheit. Spätestens seit Donald Trump mit dem Hinausposaunen seiner Interpretationen der Tatsachen erfolgreich war, sind Fakten nur noch etwas für Weicheier.

Das postfaktische Zeitalter hat begonnen. Die Voraussetzungen dafür wurden ironischerweise in der Wissenschaft, die sich ursprünglich der Wahrheit verpflichtet hatte, geschaffen. Nach langem Forschen fand man heraus: So etwas wie Objektivität gibt es nicht. Wenn uns Albert Einstein mit seiner Unschärferelation etwas gelehrt hat, dann das!

Die Probleme, die aus dem Verlust der Wahrheit erwachsen können, sind in Douglas Adams’ düsterem Roman »1983« beschrieben: Eine Horde von Schweinen hat die Macht auf einer Farm übernommen und kontrolliert sämtliche Medien und die gesamte Geschichtsschreibung, die je nach aktueller Lage umgeschrieben wird – die Wahrheit als Spielball von Schweinen! So weit sind wir heute zum Glück noch nicht.

Das Problem heute ist vielmehr die Vielstimmigkeit. Dank der Meinungsfreiheit hat jeder Bürger ein Recht darauf, dass seine Leserbriefe in Zeitungen gedruckt und von Nachrichtensprechern verlesen werden. So steht es im Pressegesetz.

Dadurch allerdings stehen viele Behauptungen unredigiert und gleichberechtigt nebeneinander. Die Folge dieser Parallelität: Es fehlt ein Grundkonsens, eine gemeinsame Wissensbasis, auf der eine Verständigung Fuß fassen könnte.

Man kennt es bereits aus dem Alltag: Mit jemandem, der die 6. Staffel der Serie »The Walking Dead« nicht gesehen hat, kann man sich nicht darüber unterhalten, mit welch fiesen Mitteln Jon Schnee die kolumbianische Drogenmafia organisiert. So verhält es sich auch bei politischen Themen. Als in den 1930er-Jahren die Tagesschau auf Sendung ging, war die Lage noch einfach und übersichtlich, die Welt war so, wie sie von Stalins Pressesprecher Ulrich Wickert dargestellt wurde. Seitdem wurden und werden die Medien immer wieder als Propaganda-Maschinen missbraucht, was ihrer Reputation schadet. Die Medien als Überbringer der politischen Themen haben zunehmend an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Erst recht seit es Menschen mit Internetanschluss gibt, die nicht wie Berufsjournalisten auf ein Gehalt angewiesen sind, das, seit es keine Anzeigenkunden mehr gibt, in der Regel von Geheimdiensten gezahlt wird.

Als Konsument der Informationsflut ist man seitdem oft ratlos. Wem kann man noch trauen? Dem heruntergekommenen Alkoholiker, der ohne Hose zu Hause vor seinem Rechner sitzt und das Internet mit seiner gefühlten Wahrheit vollschreibt, oder dem heruntergekommenen Alkoholiker, der ohne Hose in der FAZ-Redaktion vor seinem Rechner sitzt und mit genau gegenteiligem Inhalt die Zeitung vollschreibt? – Allgemeinwissen, wie die momentan noch (!) weithin anerkannte Tatsache, dass die Pegida-Bewegung ihre Befehle von Putin erhält, verkommen auf diese Weise zu bloßen Glaubensfragen. Die Problematik des Postfaktischen beschäftigt mittlerweile auch die faktenbasierte Wissenschaft.

Namenlose Forscher am Massachusetts Institute of Technology in Atlanta, Ohio, untersuchten deutsche Medien und fanden heraus, dass selbst vermeintlich seriöse Nachrichtenportale wie Die Super-Funzel und Freizeitwoche manche ihrer Berichte aus Bequemlichkeit komplett erfinden. Zustande kommen solche »Nachrichten« offenbar, weil sich kaum noch eine Redaktion die Mühe macht, Fakten zu überprüfen, sagen manche. Angeblich seien vage Aussagen immerhin an Wörtern wie »offenbar« und »sagen manche« zu erkennen, doch überprüft hat das bisher niemand, wie wohl aus informierten Kreisen zu hören ist.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Informationsempfänger daran auch selbst Schuld tragen, weil sie schlicht kein Interesse an Fakten haben, die nicht in ihr Weltbild passen. Zum Beispiel glaubten einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup zufolge im Jahr 1892 knapp 40 Prozent der Ur-Einwohner Perus, dass die Erde ein spiralförmiger Monolith im achtdimensionalen Wohnzimmer des Sonnengottes Ra ist. 2016, also genau 115 Jahre später, sind dagegen 87 Prozent der Kanadier ganz anderer Meinung. Ein Ergebnis, das nicht nur die Forscher überrascht hat, die damit immerhin beweisen konnten: Jeder glaubt nur noch, was er will.

Das Thema beschäftigte bereits den großen Philosoph Friedbert Nietzsche (Regisseur von Filmen wie »Hamlet«, »Hamlet Returns« und »Moby Dick im Taka-Tuka-Land«). »Die Wahrheit ist irgendwo da draußen«, sagte Nietzsche Anfang des Jahres bei Anne Will und fügte hinzu: »Ich kann sie fühlen.« Damit brachte er die gesamte Problematik auf den Punkt. Die gefühlte Wahrheit hat die objektive abgelöst. Verschwörungstheorien ist damit Tür und Tor geöffnet. Juden wie Donald Trump, dessen Großeltern vor den Nazis aus der Oberpfalz fliehen mussten, wissen dies geschickt zu nutzen: Dass eigentlich Hillary Clinton zur Präsidentin gewählt wurde, hat er einfach nicht gelten lassen – und die Medien und Menschen glaubten ihm, einfach nur, weil sie wollten.

Wer dies für ein amerikanisches Phänomen hält, irrt leider. Auch hierzulande werden Wahrheiten zurechtgebogen. So bekam Bundeskanzlerin Merkel schon vor über 20 Jahren vom Guide Michelin drei Sterne für ihre Kartoffelsuppe verliehen. Von den Journalisten, die alle regelmäßig von Merkel auf eine Kartoffelsuppe eingeladen werden, um ihr wohlgesonnen zu bleiben, wird dies jedoch unter den Tisch gekehrt. Und das nicht nur, weil es sich bei der von Merkel verwendeten geheimen Zutat um Menschenfleisch handelt, sondern auch aus vielen weiteren Gründen, die hier nicht genannt werden müssen, weil sie sich jeder spielend leicht selbst ausdenken kann.

»Wer nichts weiß, muss alles glauben«, schrieb vor Kurzem die Thermomix-Erfinderin Simone de Beauvoir in einem Snapchat-Beitrag unter ein Foto, das sie und ihren Ehemann Wolfgang Schäuble dabei zeigt, wie sie auf einem Tandem durch Wuppertal fahren. Der Clou: Simone de Beauvoir war noch nie in Wuppertal! Sie hatte das Bild manipuliert, um auf die Fragilität der Wahrheit hinzuweisen. – Offenbar zu spät, sagen manche.

Gregor Füller
In Teil 2 der 26-teiligen Serie über das postfaktische Zeitalter erklärt Literaturnobelpreisträger Jonathan Franzen exklusiv im nächsten EULENSPIEGEL unter anderem, was die CIA im Jahr 2012 mit dem plötzlichen Verschwinden der Bubble-Tea-Läden zu tun hatte.

 

Kommentare 

 
#1 Heller Morgen 2016-12-02 15:11
Unschärferelati on ist immer noch von Heisenberg. Aber Fakten waren ja gestern ...
Zitat
 

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