Harter Regen, krumme Straßen – aus Heft 12/2016

dylanDer Typ hat offenbar noch nie eine Casting-Show gesehen. Sonst wüsste er, wie man sich verhält, wenn man irgendwas gewinnt: Irres Umherspringen, Augen gullydeckelweit aufreißen, Heulen, Trampeln, Schluchzen und pseudo-orgiastisches Quieken im mittleren Ultraschallbereich sind das Mindeste, was die Juroren zu sehen wünschen.Doch was tut Dylan? – Er schweigt.

Okay, immer noch besser, als wenn er singt, aber ein Benehmen ist das natürlich nicht. Dabei hätte der Sänger/Liedschreiber ein wenig gute Publicity bitter nötig: Von den unter Vierzigjährigen haben fünfzig Prozent noch nie von ihm gehört, dreißig Prozent halten ihn für Marlene Dietrich (»Sag’ mir, wo die Blumen sind«), die restlichen für einen irischen Eintopf oder für tot. Das ist keine Fanbase, mit der man was wuppen kann. Nicht ohne Grund stehen Dylan-Alben in den weltweiten Verkaufscharts seit Jahren nur noch knapp vor den Amiga-Neuauflagen mit den schönsten Jungpionierliedern.

Das Nobelpreiskomitee reagierte jedenfalls verschnupft bis beleidigt wie die Tante, die vom Neffen wenigstens ein dahingeknurrtes »Danke« für das BMW-Cabriolet zu dem im dritten Anlauf knapp bestandenen Abi erwartet, aber nur ein »Scheiß Farbe!« zu hören bekommt.

Viele nehmen Dylan aber auch in Schutz: Er sei eben ein schwieriger Typ. Auf seinen Konzerten gilt es schon als Zeichen ausgesprochen guter Laune, wenn er nicht die ganze Zeit mit dem Rücken zum Publikum spielt. Schon früher habe er immer mal kein einziges Wort gesprochen, etwa am 24. Mai 1962 zwischen zehn und elf Uhr dreißig oder von 1967 bis 1981. Immerhin hat er regelmäßig Platten vollgegnarzt, dass es eine Art hatte. »Ich habe die Zukunft des Wasweißich gesehen«, sagte irgendwann irgendwo irgendwer. »Ihr Name ist Bob Dylan!« Oder war’s Matthias Reim? Engelbert? Helene Fischer? – Egal.

Bob Dylan hatte eine Kindheit:
Schule, Eltern, Tapete mit blauen Fröschen, Bauchschmerzen (3x), Ohrenschmerzen (2x), mit der Fahrradpedale fast am Bordstein hängengeblieben (8x). Im Alter von vier Jahren stürzte er in den Trichter der Tuba seines Vaters, aus dem er aber befreit werden konnte, da war er elf.

Der Vater meinte später, ihm sei der veränderte Klang seines Instruments schon aufgefallen; er habe das allerdings auf seine verbesserte Spieltechnik zurückgeführt. Im übrigen sei ihm ein Kind namens Bob nicht erinnerlich gewesen, schließlich habe er jede Menge Kinder gehabt, ungefähr zwei. Eine wahrhaft glückliche Kindheit! Später goss Bob sie in unvergängliche Songs wie »It goes a Bi-Ba-Butzemann« und »Green green green are all my clothings«, über deren Uraufführung mit dem Boston Philharmonic Orchestra und dem Obersprengmeister der US-Army unter der Leitung von Maria Furtwängler die Welt heute noch spricht.

Nachdem er zunächst als Solokünstler unterwegs war, stellte er in den späten Sechzigern auf Kapelle um. Es war ihm irgendwann einfach zu blöd vorgekommen, aus Imagegründen mit siebzehn Trucks auf Tour zu sein, darin aber nur eine Gitarre und eine Mundharmonika zu befördern. Seine Fans nahmen ihm das übel, aber die sind Dylan schon immer egal, solange sie nur seine Musik kaufen. Live spielt er seine Songs bis heute in einer Weise, dass sie absolut nicht zu erkennen sind. Das ist so, als würde man dem erwartungsfroh der Neunten von Beethoven entgegensehenden Publikum eine Maultrommelfassung, gemixt mit den Kopulationsgeräuschen von Wiederkäuern, darbieten. Wer meckert, kriegt gesagt, dass es halt eine neue Version ist. In den Achtzigern entdeckte er sich als wiedergeborener Christ und beknödelte mehrere Platten mit den genretypischen »Oh-my-lord«-Schlicht-Texten, debütierte als Gartenzaun-Designer, zeichnete und schrieb unverständliche Drehbücher zu Filmen, die außer ihm kaum jemand sehen wollte. Unbeantwortet ist bis heute die Frage, was Dylan im Vorleben gewesen sein könnte.

Stimmlich spricht manches für Eichelhäher, der Phänotypus eher für irgendetwas zwischen Herrn von Bödefeld und Ute Freudenberg. Nun gibt es den Nobelpreis. Für Musik hat es offenbar nicht gereicht, aber für Literatur. Immerhin. Möglich wäre auch der für Medizin gewesen oder für Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst – aber gut, man muss die Preise nehmen, wie der Wind sie herbeibläst. Das Nobelpreiskomitee meinte, den habe er »für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition« verdient. Übersetzt man die Texte mit Google, kommt Folgendes dabei heraus:

Oh, wo warst du, mein Sohn blauäugig? / Warst Oh, wo du, mein Liebling junge? / Ich habe auf der Seite zwölf nebligen Bergen ich habe ging gestolpert / und habe ich kroch auf sechs krummen Straßen ich in der Mitte der sieben traurig Wälder trat habe, / ich habe, heraus vor einem Dutzend Tote Meere ich habe zehntausend Meilen in den Mund von einem Friedhof / und es ist schwer, / und es ist ein schwer, / es ist eine harte, und es ist ein schwer und es ist ein harter Regen’s a-gonna Oh fallen.

Das ungefähr teilt uns Dylan in einem seiner berühmtesten Songs, »A hard rain’s gonna fall«, mit. Der neutrale Beobachter wird leicht bemerken, wie geschmeidig und eingängig deutsche Schlagertexte im Vergleich hierzu sind. In Sachen Verbraucherfreundlichkeit hat Dylan mit seinen sechs krummen Straßen weiß Gott Nachholbedarf. Man hätte den Nobelpreis getrost mit der Auflage versehen können, dass er auch mal einen schönen Song über die Kraft der Familie herausbringt, bei dem sich Mütter und Töchter bei der Hand fassen können.

Oder ein Kinder-Musical mit einer lustigen Raupe und einem Pony, in dem der jugendliche Held von Peter Maffay gespielt wird. Ein berühmtes Foto aus dem Jahr 1997 zeigt Dylan, wie er vor Papst Johannes Paul II. sein Lied von den krummen Straßen singt. Dessen Gesicht zeigt tiefe Verzweiflung:
»Habe ich dafür den Kommunismus besiegt?« Im Hintergrund sitzt Kardinal Ratzinger, sein Nachfolger, und denkt, dass früher eben doch nicht alles schlecht war, zum Beispiel Scheiterhaufen.

Möglicherweise fühlte sich Dylan genau dort, als er vom Nobelpreis erfuhr. Sich in einer Reihe zu wissen mit zurückgezogen in verlassenen Spechthöhlen lebenden polnischen Betroffenheitslyrikerinnen und mit Herta Müller – das will erst einmal verarbeitet sein.

Robert Niemann

 

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