Der Bademeister – aus Heft 10/2016

Der BademeisterDer zweite Mann im Staate zu sein, ist eine hohe Ehre und kann eine schwere Bürde sein.
Eine hohe Ehre – wenn es nicht gerade der Zwergstaat Andorra in den Pyrenäen ist, der vielleicht nur zwei Männer hat und noch eine(n), die (der) sich nicht recht entscheiden kann, oder ein Gemeinwesen auf den Seychellen, das wegen seines Briefkastens in der Welt der Banken berühmt ist. Schlecht ist auch, wenn der Staat, dessen zweiter Mann man aufgrund ungünstiger historischer Verläufe geworden ist, auf die Anklagebank gehört und der erste Mann im Staate ein heißes Bad mit Eva im Garten der Reichskanzlei genommen hat.

Eine Bürde ist das Amt des Zweiten, wenn der erste Mann im Staate ein eitler präseniler Schwätzer mit eingekrümeltem Smegma in den Mundwinkeln ist. Da leidet der zweite Mann im Staate Höllenqualen und denkt: Der Arsch da – das könnte ich doch sein, und sogar besser! Andererseits jedoch bezieht er aus seiner verletzenden Nachrangigkeit auch seinen HUMOR, wenn nicht sogar einen gewissen SCHARFEN INTELLEKTUELLEN WITZ, indem er Dinge so vertrackt ironisch und nuancen- sowie facettenreich, vulgo »feinsinnig« formuliert, dass sie der Pfaffendoffel an der Spitze unmöglich verstehen kann, sich fürchterlich fuchst und sich die Stasi zurückwünscht.

Und unten sitzen die Subalternen und malträtieren ihre Oberschenkel, wiehern und kichern und denken: Ach, wenn der erste Mann im Staate in seiner riechenden Altherrenhose doch schon erschossen oder wenigstens gestorben wäre, dann wäre dieser zweite Mann im Staate ja der erste, der ganze Staat wäre von seinem HUMOR und seinem gewissen SCHARFEN INTELLEKTUELLEN WITZ durchsonnt und wir – wir! – würden ihn verstehen.

Der Satz, der, als er seinem Rachen entglitt, aus dem zweiten Mann im Staate unversehens einen der größten deutschen Humani- und Humoristen (von da an »Humamoristen«) in der Linie Wilhelm Busch-Josef Goebbels-Heinz Erhardt-von Hirschhausen machte, lautete: »Und schwimmen Sie nicht zu weit raus!« Der Genesis des Falls folgend, käme an dieser Stelle bereits ein Füllfederhalter ins Spiel – denn so einen köstlichen, rückschauend gesehen: geschichtsträchtigen Satz formuliert man nicht aus der Lameng, er muss ja zuvor aus einem genialen Humamoristenhirn in eine kostbare Feder geflossen sein – doch das Utensil mal noch beiseite …

»Und schwimmen Sie nicht zu weit raus!« – das ist die Metapher, die den ewig deutschen Zwiespalt von pflichtschuldiger Bürostunde und tänzelnder Lebenskunst, von Wagner und Mozart, von Binder und Kraushaar aus dem Polohemdkräglein, von Ehe und Sex im Vorübergehen, von Bomben auf Serbien und Kirchentag, von Disziplin und Freiheit vereint. Dass der Satz ein kategorischer Imperativ ist, stellt ihn in die Reihe von Immanuel Kants und aller folgenden kategorischen Imperative (»Seit heute morgen fünf Uhr wird zurückgeschossen «, »Berlin, nun freue dich!«). Köstlich auch der Auftakt, dieses scheinbar harmlose »Und«, dieses zwitschernd schelmische Notabene, hinter dem das väterliche »sonst gibt’s auf die Fresse« verborgen ist.

Denn der Satz fiel in politisch brisanter Lage: Der erste Mann im Staate (Köhler hieß er, aber das ist egal) war mit vollen Hosen von der Front geflohen, und es war zu befürchten, dass die Abgeordneten elektronisch, fernmündlich oder per Megaphon vom Strand herbeigerufen werden müssten, um den nächsten Versager zu wählen. Und der zweite Mann im Staate machte sich allerschönste Hoffnungen darauf, er könnte das werden.

Sein Name ist übrigens Norbert Lammert. Norbert. Wer ihn, etwa zu vorgerückter Stunde in der baden-württembergischen Landesvertretung, »Nobbi« nennt, wird hinfort seinen legendären HUMOR, wenn nicht gar seinen gewissen SCHARFEN INTELLEKTUELELN WITZ zu spüren kriegen, denn der Nobbi, das ist der Schwadroneur mit der sicheren Rente.

Der Bademeistersatz ging über alle Kanäle und begründete die Legende, der Lammert sei der seltene Fall eines Politikers mit HUMOR und gesegnet mit einem gewissen SCHARFEN INTELLEKTUELLEN WITZ. Er ist allerdings bis heute im ganzen Internet der einsame einzige Beleg für Lammerts Humoristen-Nimbus. Was soll’s – er ist wirkmächtig, er reicht! Und wenn man Lammert dereinst zu Grabe senken wird (er ist Jahrgang 48 und erstes Kind einer siebenkindrigen Bäckersfamilie – daher der Hebammenausdruck »die kalbt ja wie das Brötchenbacken«), wird man an ihm vor allem Humor und Witz zu rühmen wissen.

Aber haltet ein – so schnurstracks schnurrt die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht vom Band! So wie Beethovens »Neunte« ihm Taubheit brachte, so wie Ulbrichts Mauer seinen Ruf als Gentleman beschädigte, so wie Uli Hoeneß’ geniale Steuervermeidung ihn zum Freigänger machte – so brachte dem Lammert seine Warnung vor dem Weitschwimmen den empfindlichsten Knick in seiner Karriere ein.

Es gab nämlich im politischen Berlin damals – und es gibt sie bis heute, wenn auch gebeutelt – eine Person, die auch HUMOR und SCHARFEN INTELLEKTUELLEN WITZ unter »weitere Fähigkeiten « in ihren Curriculum Vitae geschrieben hatte – und die heißt nicht Cindy aus Marzahn. Das Netz ist voll von schwärmerischen Berichten, die bezeugen sollen, dass Angela Merkel über Humor verfüge wie andere Leute über Schuppen. Wahrscheinlich wird das von Trollen aus dem Kanzleramt verbreitet, denn zitiert ist von ihr kein einziger Satz, der auch nur zum Kichern reizen würde. (Oder verstreut sie unablässig Zoten, deren Veröffentlichung Altmaier unterdrückt?)

Als der Lammertsche Witz raus war, war bei ihr der Riemen runter, und Lammert blieb der ewige Zweite. Erster Mann im Staate wurde kurzzeitig einer, den Helmut Kohl als »eine Null, eine Null!« beschrieb (zitiert nach Heribert Schwan). Verschiedene Umstände verhinderten glücklicherweise, dass die schöne Gattin der Null ihre Amtszeit als erste Frau im Staate unter einer Burka beenden musste.

Ja, und nun wird wieder ein erster Mann im Staate gesucht! Und der Mann, der auf einem altsprachlichen Gymnasium war, an der Ruhr-Uni in Bochum das Übliche studierte, wobei ihn nicht Papas Brötchen, sondern ein Stipendium katholischer Bischöfe über Wasser hielt, der seinen Doktor »machte«, indem er die wirren Diskussionen in seinem CDU-Kreisverband aufschrieb, der sich seit seiner Zeit als Lehrkraft für Werken und Handarbeit an einer Fachhochschule »Professor« nennen lässt, dieser nach Achim Mentzels Tod letzter Intellektuelle von Rang – wird es wieder nicht. Und warum nicht?

Der Genesis des Falls folgend, käme an dieser Stelle wieder der Füllfederhalter ins Spiel, oder zwei oder zehn der schönen Stücke. Kostbare Füllfederhalter (nicht mit Patronen wie bei der Roten Armee, sondern mit Saugmechanismus wie bei einer Morphinistenspritze) mit güldener Feder für goldige Aperçus, wie dem von den schwimmenden Volksvertretern. Wie viele davon der Professor L. dem deutschen Volkskörper aus den spacken Rippen schnitt, ist nicht nachzuprüfen, die erste Liste der »Freunde des teuersten Füllers« wurde vernichtet, die Herausgabe der zweiten verhindert Lammert vor Gericht. Aber eins ist doch klar: Ohne werthaltigen Füllfederhalter wäre das Humanum längst schon am Arsch bzw. bestünde nur noch aus Nullen und Einsen. Wir sollten dem zweiten Mann im Staate dankbar sein, dass er sich’s noch mit der Hand macht!

Mathias Wedel

 

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