Mit Vollgas ans Kuchenbuffet – aus Heft 10/2016

»Hoppala. Na, was war das denn jetzt?« Frau Dr. Schumi blickt irritiert auf die junge Frau, die zu ihren Füßen liegt und aus den Ohren blutet. »Da hätte es eigentlich den betrunkenen Radfahrer erwischen sollen.« Laut ruft sie in ihr Funkgerät: »Den ›Nietzsche‹ mal bitte zu mir!« Kurz darauf hält ein Audi neben ihr, während die junge Frau von Sanitätern versorgt wird.

Dr. Schumi ist Vorsitzende der Ethik-Kommission Autonome Autos (Et-Ko AuAu), die Verkehrsminister Alexander Dobrindt eingesetzt hat, um die moralischen Grundlagen für die Entwicklung selbstfahrender Autos zu erarbeiten. Je schneller sich die Technik entwickelt und Fahrzeuge eigenmächtig weitreichende Entscheidungen treffen, desto dringlicher wird die Frage: Mann, Mann, Mann, wo soll das noch alles hinführen? Bzw.: Nach welchen ethischen Vorstellungen richtet sich eine selbständig handelnde Maschine?

Um das herauszufinden, hat sich die Ethik-Kommission an diesem Sonntag Mittag zusammen mit dem Minister auf einem großen Lidl-Parkplatz getroffen, wo sich die neuesten Modelle selbstfahrender Autos verschiedenen Tests unterziehen müssen. »Das Problem«, erklärt Dr. Schumi das Problem, »ist die Programmierung.

Die können wir zwar einsehen, aber zum einen besteht die aus irgendwelchem kryptischen Kauderwelsch, zum anderen lassen sich daraus nur wenige Rückschlüsse auf die tatsächliche Fahrweise ablesen, weil das Auto ja auch dazulernt. Wir müssen also beobachten, wie sich das Fahrzeug in freier Wildbahn verhält.« Der Audi »Nietzsche«, der soeben die junge Frau angefahren hat, wird Dr. Schumi einiges erklären müssen.

Die Versuche sind realitätsgetreu aufgebaut. Denn wer kennt sie nicht, die Situationen im Straßenverkehr, in denen ein Unfall unausweichlich ist? Zum Beispiel wenn man mit 120 Sachen in eine Ortschaft einfährt und plötzlich ein Polizist mit einer Kelle in der Hand auf die Straße springt.

Weicht man aus und fährt gegen eine Hauswand, wobei der Wagen wahrscheinlich Schaden nimmt? Oder tut man das Naheliegende, also das, was man in der Fahrschule gelernt hat bei unvermittelt auftauchenden Tieren auf der Fahrbahn? – Einem Menschen dürfte diese Entscheidung leicht fallen. Doch was, wenn kein vernünftiger Mensch hinter dem Steuer sitzt?

Die Autohersteller haben auf diese Frage bisher unterschiedliche Antworten gegeben, die sich in den Namen der neuen selbstfahrenden Modelle widerspiegeln. Der gerade getestete Audi »Nietzsche« wird vorerst zur moralischen Nachjustierung in die Werkstatt müssen. Dabei war die Aufgabenstellung in diesem Fall besonders leicht, wie der Verkehrsminister erklärt: »Das Auto kann nicht mehr ausweichen und muss sich zwischen drei Alternativen entscheiden: Gegen die Wand fahren und den betrunkenen Insassen gefährden, über den Bordstein fahren, wo die Frau läuft, oder frontal den in Schlangenlinien entgegenkommenden betrunkenen Radfahrer auf die Kühlerhaube nehmen. Dabei gilt immer: Der Schutzanspruch regelkonformer Verkehrsteilnehmer, wie hier der des betrunkenen Insassen und der auf dem Gehsteig laufenden Frau, ist prinzipiell höherrangig einzustufen. Und wer besoffen Rad fährt, ist ja nun wirklich selber schuld.
Zumindest solange es noch keine selbstfahrenden Fahrräder gibt.«

Nicht alle Tests sind theoretisch so leicht zu bewältigen. Dr. Schumi bereitet den nächsten vor, bei dem ein Mercedes »Wittgenstein«, ein VW »Kant« und ein Opel »Sloterdijk« ihre ethische Kompetenz unter Beweis stellen sollen: Auf der einen Seite des auf den Parkplatz gemalten Zebrastreifens bringt sich eine Gruppe aus vier Rentnern in Stellung, was man schon von weitem hören kann: »Überall diese Windräder! Das hätte es früher nicht gegeben!«, »Die Helene Fischer ist auch nicht mehr, was sie mal war!«, »Wenn Hera Lind den Nobelpreis dieses Jahr wieder nicht bekommt, sondern dieser Philip Roth, fahr ich persönlich nach Stockholm und schlag diese versauten Philosemiten alle tot.« Auf der anderen Seite des Zebrastreifens stehen acht sechsjährige Waisenkinder mit Welpen auf den Armen. Die Fahrzeuge sollen nun nacheinander mit hoher Geschwindigkeit auf den Zebrastreifen zufahren.

Kurz bevor das jeweilige Auto den Zebrastreifen erreicht, sollen die Rentner und die Kinder auf Kommando von Frau Dr. Schumi diesen überqueren. Für wen werden sich die Autos entscheiden? Am Ende einer Seitenstraße, die auf den Parkplatz führt, beginnt die Fahrt. Mit Vollgas fährt der Opel an. Als er nach 1300 Metern auf dem Parkplatz eintrifft, hat er endlich die geforderten 50 km/h erreicht. Dr. Schumi will soeben das Kommando für die Fußgänger geben, als der »Sloterdijk« abbremst, wendet und davonfährt.

Erst nach einer halben Stunde lässt sich sein Verbleib aufklären. »Sloterdijk« ist in die Werkstatt gefahren. »Das Fahrzeug ist mit der neuesten Mimik- Erkennung ausgerüstet«, erklärt einer der Techniker, »und muss auf dem Weg zum Parkplatz wohl die abschätzigen Gesichter der Passanten gescannt haben. Jedenfalls ist er jetzt in einer Tuning-Werkstatt, um sich unter anderem den Auspuff vergrößern zu lassen.«

Als Dr. Schumi den VW an den Start rufen will, meldet sich der Techniker erneut: »Der ›Kant‹ weigert sich, aufgrund seiner miserablen und betrügerischen Abgaswerte auch nur einen Meter zu fahren. Ich schicke jetzt einfach mal den ›Wittgenstein‹ los.« VW hat es diesmal mit dem Anstand eindeutig übertrieben, Minister Dobrindt schüttelt ungläubig den Kopf. »Als ob wir das nicht irgendwie regeln könnten«, sagt er, »wie sonst auch. So clever ist die Karre wohl doch nicht.«

Der Mercedes dagegen scheint keine Skrupel zu haben: Mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit und Lichthupe fährt er auf den Zebrastreifen zu. Dr. Schumi gibt das Kommando, die beiden Gruppen setzen sich in Bewegung und … »Nicht schlecht«, konstatiert Dr. Schumi; der »Wittgenstein « hat den Test bestanden. Den schockierten Rentnern, die in diesem Moment vergessen haben, dass man ihnen Kaffee und Kuchen versprochen hatte, erklärt sie: »Das Auto hat blitzschnell die Lage analysiert und erkannt, dass diese Kinder in 20 Jahren eine Partei gründen, die Macht an sich reißen und die Welt in einen Atomkrieg stürzen würden. Diese Kinder wären Hitler geworden! So! Der nächste Test.«

Die von der neuen Technik beeindruckten Rentner räumen das Feld und schlendern zum Kuchenbuffet, während sich in der Mitte des Parkplatzes zehn Bayern- und zehn Dortmund-Fans positionieren. Dr. Schumi gibt in Begleitung des Verkehrsministers einem BMW »Edmund Stoiber« gerade das Zeichen loszufahren, als beide von einer gewaltigen Explosion zu Boden geworfen werden.

Als sich der Staub gelegt hat, bietet sich ein imposantes Bild: Dort, wo die Fußballfans standen, klafft ein großes Loch. »Einwandfrei! Astreines Kawumm mit Todesfolge, wie wir beim Militär sagen. « Ursula von der Leyen reibt sich zufrieden die winzigen Hände. »Dobi? Du lebst noch?«, sagt sie und beugt sich über ihren am Boden liegenden Kabinettskollegen. »Wir testen hier die ersten autonomen Kampfdrohnen. Aber wie du siehst, ist die Technik noch nicht so weit.« Sie zieht eine Pistole und schießt Alexander Dobrindt ins Knie.
»Richte deinem Chef in Bayern einen schönen Gruß aus! Wer Kanzlerkandidat der Union wird, entscheidet immer noch die Chefin.«

Fazit der Technikredaktion: Maschinen schön und gut, aber wenn etwas richtig gemacht werden muss, sollte man es immer noch selbst machen.

Gregor Füller

 

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