Der Sicherheitshugenott – aus Heft 9/2016

demaizieregrEin Morgen in Deutschland. Als Staatsbürger mit reinem Gewissen, der nichts zu verheimlichen hat, steht man auf und beginnt den Tag mit einem Toilettengang. Andächtig sitzt man auf dem Klo und singt – die eine Hand aufs Grundgesetz gelegt, die andere auf der gerahmten Bundeskanzlerin – die Nationalhymne. Um sich nicht verdächtig zu machen, hat man selbstredend die Tür nicht verschlossen und die Gattin, ihre Mutter und seinen zuständigen Fachbearbeiter beim Finanzamt vom eigenen Vorhaben in Kenntnis gesetzt. Klar, hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, dennoch kann man davon ausgehen, dass, während man selbst unbekümmert die BRD genießt, die Dienste und alle anderen sicherheitsrelevanten Institutionen ihr Möglichstes tun, um zu verhindern, dass gerade in diesem Moment internationale Terroristen oder der Geist-der-jedem-der-zu-lange-scheißt-von-untenin- die-Eier-beißt ihre diabolischen Pläne in die Tat umsetzen können. Diese Sicherheit haben wir vor allem unserem Innenminister Karl Ernst Thomas de Maizière zu verdanken

De Maizière ist der Sicherheitsgott unter den deutschen Politikern oder wie ihn Angela Merkel scherzhaft eigentlich nie nennt: der Sicherheitshugenott. Seine gesamte Erscheinung suggeriert Beständig- und Hartnäckigkeit und die Seriosität eines possierlichen Nagers im übergroßen Maßanzug.

Er ist der Politiker, dem nach Umfragen 98 Prozent der Deutschen ihren Kopf zum Ei-machen in den Schoß legen würden, wenn Godzilla aus der Nordsee gestiegen käme, um uns an seine Brut zu verfüttern oder das Mutanten-Kalifat auszurufen. 68 Prozent würden ihn sogar mitnehmen, wenn sie ein Glas Gurken aus dem dunklen Keller holen müssten oder – schlimmer noch – einen Karnevalsbesuch während einer Terrorwarnung planten. Wie konnte der Mann diesen Nimbus der Geborgenheit aufbauen?

Blicken wir in sein vergangenes Leben wie in die Aufzeichnungen einer Bahnhofsvorplatzkamera. Wir werden ihn so zwar nicht verhindern können, aber wichtige Erkenntnisse über ihn erlangen: Das Licht der Welt erblickte de Maizière irgendwann in Frankreich und reinkarnierte fortan in regelmäßigen Abständen in Form seines eigenen Sohnes. Zuletzt 1954 in Bonn als direkter Nachfahr des Generalinspekteurs der Bundeswehr Ulrich de Maizière. Thomas hatte schon in jungen Jahren seinen eigenen Kopf mit der Meinung seines Vaters drin. In ihm geistern allerlei preußische Flausen. Lange Zeit geht er keinerlei vernünftiger Tätigkeit nach und ist bei der Bundeswehr. Dort geschehen schreckliche Dinge, die weite Teile der Bevölkerung verunsichern könnten und die deshalb hier an dieser Stelle nicht erwähnt werden, die aber mit Überwachungskameras in den Duschen hätten verhindert werden können.

Später studiert de Maizière Jura und tritt in den Ring Christlich-Demokratischer Studenten, der Studentenorganisation der CDU/CSU, ein. Das vorenthält er der deutschen Öffentlichkeit leider nicht, obwohl es gleichsam verstörend ist. De Maizière ist einer, der sich selbst durchsetzen möchte und der nicht nur aufgrund seines bekannten Familiennamens erfolgreich sein will.

Deshalb fängt er klein an und wird wie jeder frischgebackene Jurist in Deutschland nach dem Staatsexamen Redenschreiber für Richard von Weizsäcker. Schon damals achtet er sehr auf sein Kernthema Sicherheit. Er weizst Weizsäcker darauf hin, wenn seine Schnürsenkel geöffnet sind und nimmt ihm scharfe Scheren aus der Hand. Bei Empfängen führt de Maizière endlich Plastikbesteck ein.

Die Richtung der Laufbahn ist jetzt klar: Die Politiker kommen und gehen – de Maizière aber muss fortan immer irgendwo untergebracht werden. Sei es bei Diepgen in Berlin oder irgendwann bei Kurt Biedenkopf in Sachsen. Über letztgenannten wird er später einmal sagen: »Das Wort ›Staatsdiener‹ erhält durch ihn eine ganz neue Bedeutung für mich.« Die alte Bedeutung, also mehr oder weniger »Diener des Staates« kann es ja nicht sein, die neue will de Maizière aber nicht verraten. Begriffe wie »Analfistel«, »Ponyficker« oder »ZDF-Sportkommentator« könnten die Öffentlichkeit verunsichern.

De Maizière arbeitet sich weiter hoch und erlangt ein umfangreiches politisches Wissen über Überwachungskameras. Später wird er sagen: »In eine Regierungszentrale zu gehen, [...] war exakt die Verbindung von Jura und Politik oder Wirtschaft, die ich gesucht hatte.« Denn nirgends sonst vernetzen sich Jura, Politik oder Wirtschaftsunternehmen (Bereich Überwachungskameratechnik) so wie dort.

Schließlich ist es so weit: Angela Merkel wird auf ihn aufmerksam, weil ihr Vater und de Maizières Vater sich kennen. Eine alte Geschichte ... zwei alte Kameraden, der Krieg, Hunger ... ein erfrorener Landstreicher am Straßenrand … Weitere Details würden die Öffentlichkeit nur verunsichern ... Jedenfalls befiehlt Merkels Vater der Kanzlerin, den de Maizière-Thomas zum Kanzleramtschef zu machen. Der zögert ein wenig. Doch er lässt sich überzeugen: »›Wenn die Bundeskanzlerin einen so etwas fragt, dann sagt man nicht nein‹, war der Rat meines Vaters zum Angebot Angela Merkels, Chef des Bundeskanzleramts zu werden.«

Und so kommt es, dass Thomas de Maizière nach Berlin geht, weil ihn die Bundeskanzlerin persönlich gefragt hat und eben nicht diese andere alte Frau, die er von Zeit zu Zeit im Supermarkt sieht, die sich versucht ins Ohr zu beißen, stark nach Katze müffelt und den DHL-Boten, einen angeblichen Reptiloiden, mit ihrem Kot beschmeißt, aber ansonsten Angela Merkel gar nicht ähnelt und auch ganz anders heißt.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Als de Maizière Karl-Theodor zu Guttenberg im Verteidigungsministerium beerbt, gibt er sich der eigenen Erinnerung nach schlagfertig: »›Ich habe keinen anderen Stil als mein Vorgänger, sondern ich habe meinen eigenen Stil‹, antwortete ich den Journalisten, als sie mich zur Amtsübernahme des Verteidigungsministers befragten.« Ein rätselhafter Satz, den die anwesenden Journalisten auch mit ihrer Überwachungstechnik nicht werden entschlüsseln können.

De Maizière wird von Merkel durch die Ministerien gescheucht wie ein preußischer Landser durch die Schützengräben. Mal ist er hier, mal dort. Seine klugen Analysen werden überall geschätzt. Der Amoklauf in München erinnert ihn erschreckend an die Killerspiele aus dem Internet, die er so genau kennt, weil er als Innenminister sehr viel Zeit hat, um wirklich alles durchzuzocken. Wie bei GTA sei das gewesen. Heftiger als wenn Trevor Phillips dem Azerbaidschani in der einen Mission die Zähne herausdreht. Über flügelt wird es nur von seiner Fantasie: Er malte sich aus, was er der Kanzlerin antun könnte, nachdem sie ihn in der Flüchtlingsfrage von Altmaier entmachten ließ.

So etwas darf nie wieder vorkommen. Notfalls wird er als Innenminister das Internet nebst Darknet eben verbieten lassen. Oder besser noch: Alle Nutzer in Sicherheitsverwahrung nehmen. Oder noch besser: Abschieben und anschließend bespucken lassen. Dann ist endlich Ruhe in der Kiste, denn der Terror darf niemals siegen! Und wenn er doch siegt, wird Thomas de Maizière alles auf Überwachungskamera haben.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

Kommentare 

 
#1 Gerd Lorsch 2016-08-25 10:58
Zwei meiner Leserbriefe.
Alle wieder IM,s??

De Maiziere ruft im N-TV Text uns alle dazu auf Familienangehör ige , Nachbarn , Verwandte und Bekannte zu beobachten.
Das wäre ein Sicherheitskonz ept und um Anschläge zu verhindern nötig.
Sind die alten Zeiten wieder da?? Und wir werden alle wieder zu IM`s umgeschult??





Er kann`s nicht lassen. Nach dem Herr de Maiziere gestern die IM`s wiederentdeckt hat, setzt er heute noch einen drauf. Der gute alte ABV ist neu erfunden. Gut der Arbeitstitel nennt sich noch Hilfspolizist, aber er kommt schon noch drauf. Der neue ABV soll eine nur wenige Monate dauernde Ausbildung durchlaufen,
(Schnellbesohlu ng) aber trotzdem Meldungen absetzen dürfen. Er soll sogar bewaffnet sein. Hmm.
Da erwartet man doch voller Spannung und Vorfreude, was wohl Morgen für eine geniale Neuheit auf uns zukommt.

Gerd Lorsch
Zitat
 

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