Putschen – aber richtig! – aus Heft 9/2016

Wie so oft hinkt Deutschland der Welt hinterher. Während hierzulande die Interessenten an einer Regierungsübernahme immer noch auf Wahlen setzen, haben andere Staaten längst eine schnellere und effizientere Form des Machtwechsels eingeführt: den Putsch. Wahlen sind aufwendig, teuer und rutschen nur alle paar Jahre in den Kalender, ein Putsch dagegen kann jederzeit aufgeführt werden und kommt damit den Bedürfnissen der nach Regierungsgewalt und Kanzleramt strebenden Personen entgegen.

Zwar bietet auch ein Putsch keine mehr als hundertprozentige Erfolgsgarantie: Was das türkische Militär veranstaltet hat, war eine dün ne Farce, darf keinesfalls als Blaupause für künftige Aktionen dienen und kann auch nicht als Vorbild für die Bundeswehr gelten. Anderswo, in Ägypten 2013 und Thailand 2014, agierte die Armee mit mehr Fortuna, und im Lateinamerika des 20. Jahrhunderts gehörten Putsche sogar zur Folklore. Auch Europa hat mit der Schweiz 1839, Spanien 1936 und Griechenland 1967 drei Erfolgsnummern im Portfolio, Deutschland mit dem Kapp-Putsch und dem Stauffenberg-Attentat allerdings nur zwei Fehlzünder geliefert.

Was also braucht’s für einen richtigen, ordnungsgemäßen Militärputsch? Zunächst einmal müssen die persönlichen Voraussetzungen erfüllt sein.

Vergewissern Sie sich unbedingt, dass Sie Angehöriger des Militärs sind. Prüfen Sie im Zweifelsfall, ob Sie eine Uniform tragen. (Kleiner Tipp: Haben Sie das in der Hektik und Aufregung nach dem Aufstehen vergessen, so holen Sie es jetzt nach!) Stellen Sie sicher, dass Sie eine Waffe tragen, und nehmen Sie sie mit, wenn Sie sich zum Putsch begeben. Bedenken Sie auch: Ein schwarzes Koppel um die Hüfte macht Eindruck. Fast noch wichtiger: Vergessen Sie die Sonnenbrille nicht, wenn Sie die Kaserne Richtung Umsturz verlassen!

Das alles genügt jedoch nicht, um Ihren Erfolg sicherzustellen. Schon vorher müssen Sie einige Vorkehrungen treffen, sonst wird der Tag unangenehme Überraschungen für Sie bereithalten. Sorgen Sie vor allem dafür, dass Sie nicht allein stehen. Haben Sie Anhänger und wissen diese davon?

Zählen Sie die Menge der Putschisten durch und stellen Sie sicher, dass die Zahl am Ende größer als eins ist. Bleiben Sie nichtsdestoweniger bei der Suche nach Mitstreitern vorsichtig, hängen Sie Ihr Vorhaben nicht an die große Glocke. Verzichten Sie auf einen Aushang am Schwarzen Brett! Sollte dieser Tipp zu spät kommen, so streiten Sie alles ab (Stichwort: Ironievorbehalt).

Durchaus von Nutzen ist es, wenn Sie sich schon vorher nach der geostrategischen Lage Ihres Landes erkundigen. Sorgen Sie für ausreichend Bodenschätze in Ihrem Land, falls Sie Unterstützung von außen benötigen (Stichworte: USA, Frankreich …)!

Auch wenn Sie auf fremde Hilfe verzichten, ist es sinnvoll, über genügend finanzielle Mittel zu verfügen, um wenig ideal denkende Personen von Ihren lauteren Ansichten zu überzeugen. Legen Sie jeden Monat einen kleinen Betrag von Ihrem Sold beiseite!

Für einen vorschriftsmäßigen Putsch brauchen Sie außerdem Material. Erstens: Halten Sie Panzer bereit, zweigen Sie gegebenenfalls eine ausreichende Anzahl während des normalen Dienstbetriebs ab und bewahren Sie sie an einem sicheren Ort auf! Sie als Berufsoffizier wissen nicht, wo? Dann verstecken Sie die Panzer doch im Spind oder unter dem Feldbett (Scherz)!

Zweitens: Mieten Sie rechtzeitig Stadien und Turnhallen! Andernfalls kann es Ihnen passieren, dass die Anlagen gerade für ein Ligaspiel oder den Sportunterricht genutzt werden, so dass Sie mit Tausenden gefangener Politiker vor dem Stadiontor oder im Umkleideraum warten müssen.

Drittens: Orientieren Sie sich richtig. Wissen Sie, wo Sie sind? Hängen Sie zu Hause einen Stadtplan auf, markieren Sie die zentralen Gebäude und Plätze mit bunten Stecknadeln! (Hier kommt Ihre Frau ins Spiel. Können Sie ihr vertrauen?) Versuchen Sie, sich Fahrtroute und Ziel einzuprägen. Drucken Sie zusätzlich über Google Maps oder falk.de aktuelle Karten aus, da Internet und Navi wegen Funklöchern ins Leere gehen können.

Viertens und letztens: Schauen Sie, bevor Sie mit Ihren Panzern losfahren, auf den Kalender und nehmen Sie darüber hinaus mit einem Kameraden einen Uhrenvergleich vor! Wenn Sie feststellen, dass es später Freitagmittag ist, müssen Sie gewärtigen, im Verkehrsstau stecken zu bleiben. Fahren Sie in einem solchen Fall lieber mit Ihrem Panzer nach Hause und genießen das Wochenende.

Wenn Sie die Liste so weit abgearbeitet haben und den letzten Fehler klug vermieden haben, sind Sie als professioneller Putschist fast am Ziel. Und dann?

Ganz einfach: Halten Sie einen Text bereit, den Sie über Radio und Fernsehen verlesen und via Zeitung und Internet verbreiten können. Lassen Sie ihn keinesfalls zu Hause oder in der Kaserne liegen! Vergewissern Sie sich vorher, dass Sie lesen und schreiben können.

Jetzt noch ein paar Randbemerkungen. Wenn Sie mehr der gewissenhafte Typ sind, werden Sie zunächst die nötigen Begriffe klären wollen. Ist, was Sie planen, wirklich ein Militärputsch? Oder ein Staatsstreich?

Wenn Sie unsicher sind, ist die Bezeichnung »Coup d’État« für Sie das Wort der Wahl. Konsultieren Sie die einschlägigen Konversationslexika und politischen Wörterbücher, bevor Sie losschlagen!

In diesen Werken können Sie sich auch Rat holen, wenn Sie noch im Unklaren sind, welchen Zweck Ihr Putsch haben soll. Haben Sie vor, die herrschende Kaste durch eine progressive Clique zu ersetzen und den Staat links umzukrempeln?

Oder ist es mehr nach Ihrem Geschmack, die ins Schwimmen geratene alte Ordnung wiederherzustellen und, wenn möglich, die Bürger in ihrem Blut zu zerstückeln wie in Chile 1973 oder Argentinien 1976?
Sie können die Entscheidung auch aufschieben, um je nachdem zur Demokratie zurückzukehren oder weiter mit Ihrer Junta oben zu bleiben, was vielleicht mehr Spaß macht.

Ganz gleich, welche Art von Putsch Sie anstreben: Wenn Sie alles richtig gemacht haben, sind Sie der neue Staatschef. Bedenken Sie jetzt nur noch eines: Nach dem Putsch ist vor dem Putsch! Lesen Sie also am nächsten Morgen unbedingt die Zeitung bzw. schalten Sie Radio, Fernsehen und Computer ein, um die Lage zu sondieren. Womöglich wurden Sie bereits vom Nächsten weggeputscht!

Planen Sie also rechtzeitig Ihre Flucht (künstlicher Schnurrbart bzw. Rasur) und versichern Sie sich eines erfahrenen Anwalts, der Ihnen im Schauprozess eine schmerzlose Hinrichtung garantiert.

Peter Köhler

 

Kommentare 

 
#1 Gerd Lorsch 2016-08-25 11:20
Das der sogenannte Putsch getürkt ist kann sich ja nach Lage der
Dinge wohl kaum noch bezweifeln lassen. Gab es da in den 30’zigern nicht auch diesen vorgetäuschten Überfall der
Polen auf den Rundfunksender Gleiwitz?
Darauf folgten Gesetzesänderun gen, Massenverhaftun gen, Einschränkungen der Bürgerrechte.
Das Vokabular damals von Göbbels und Konsorten, Säuberungen, Krebsgeschwüre entfernen usw.
Verwendet ja nun auch Hr. Erdogan. Als Sahnehäubchen kann er sich auch die Wiedereinführun g der Todesstrafe
sehr gut vorstellen. Das was da jetzt innerhalb weniger Tage schon abgelaufen ist sieht doch nach dem
Startschuss eines vorgefertigten gut durchorganisier ten Planes aus. Der einzige Nutznießer aus diesem
„Putsch“ ist doch nur Erdogan selbst. Was für Deutschland besonders peinlich sein sollte, das da diese Frau Merkel es
schon zum zweiten mal in diesem Jahr geschafft hat in vorauseilendem Gehorsam sich hinter Erdogan zu stellen.
Zitat
 

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