Aufschnitt für alle! – aus Heft 8/2016

Es zieht auf dem Korridor des Max-Planck-Instituts, und der Hocker gehört auch geölt. Aber wer mit der größten Wissenschaftlerin der Gegenwart verabredet ist, beklagt sich nicht über Fußnoten. Mademoiselle Charpentier klone nur noch schnell einen Nacktmull, sagt die junge Assistentin mit dem französischen Akzent und den lustigen Klecksen auf dem Weißkittel. Das »Wozu?« verkneift sich der Laie. Durch die Labortür dringt ein Würgen und Furzen. Es ist die Melodie neuen Lebens.

»Pardon«, sagt eine leise Stimme. Sie gehört Emmanuelle Charpentier, der Frau, die die Genschere erfunden hat. Besteht ihre Erfindung den Praxistest, blüht uns eine Welt ohne Krankheit. Möglicherweise kennen wir Volksseuchen wie Krebs, Aids, Ischias oder AfD bald nur noch von Ekelbildern auf Zigarettenschachteln oder Wahlplakaten im Osten. Von Wissenschaftsjournalisten wird die Genetikerin mit dem Lockenkopf bereits auf eine Stufe mit Albert Einstein gestellt – ein Vergleich, dem sie mit sympathischer Bescheidenheit begegnet: »Einstein? Wer soll das sein?«

Alle schreiben über sie, aber kaum jemand bekommt von der vielbeschäftigten und öffentlichkeitsscheuen Wissenschaftlerin mit den Rehaugen ein Interview. Als sie bei der Zeit neulich eine Ausnahme gemacht hat, prahlten die Autoren zu Recht mit den gewährten dreißig Minuten, aus denen sie in ihren Aufmacher über »Die große Hoffnung« großzügige zweieinhalb Zitate einstreuen durften. Uns schenkt die Unnahbare drei Minuten – eine verschwenderische Ewigkeit, wenn man bedenkt, wie viel Erbmaterial sie in der Zeit waschen, schneiden und trocknen könnte.

Wir stehen vor ihr und können unser Glück kaum fassen, dass die wichtigste Forscherin der Welt sich ausgerechnet für den Standort Deutschland entschieden hat. Mit ihrer Beobachtung haben die Zeit-Redakteure vollkommen recht: Ihr Alter (47) sieht man der GILF (»Genetisist I’d like to fuck«) nicht an. Außerdem ist sie so furchtbar klug, dass man im Gesprächsverlauf immer wieder ihr Geschlecht hinterfragt. Von ihrem Berliner Büro aus blickt man auf 150 Jahre Medizingeschichte. In der direkten Nachbarschaft hat Rudolf Virchow den Thrombosestrumpf erfunden, Robert Koch den Milzbrand gelöscht und Eckart von Hirschhausen das fantastische Quiz des Menschen gelöst.

Emmanuelle Charpentier reiht sich in die Ahnengalerie der Genies nahtlos ein. In den letzten zwei Jahren hat sie praktisch alles gewonnen, was es in ihrer Branche abzuräumen gibt. Die Pokale sind aufgereiht in einer Vitrine zwischen Einmachgläsern, aus denen einen Föten mit spiritustrunkenen Glubschaugen anglotzen. An den Wänden hängen Urkunden, darunter der renommierte Dr. Frankenstein-Award und die Godzilla-Medaille. Die Regale sind vollgestopft mit Büchern, in der obersten Reihe entdeckt man die gesammelten Bände von Charpentiers Frühwerk: Emmanuelle 1 – 18.

Nicht unwahrscheinlich, dass in der Medizin bald alles nur noch mit der Genschere erledigt wird. Dabei wäre die Wundertechnik beinahe übersehen worden. Wegen des missverständlichen Namens, der klingt wie der grammatikalisch fragwürdige Plural eines ehemaligen Außenministers, waren Charpentiers Aufsätze anfangs in Fachblättern zur internationalen Politik veröffentlicht worden, wo sie ungelesen vor sich hin gammelten. Der Fauxpas wurde bemerkt, der zuständige Lektor in ein Tierversuchslabor strafversetzt.

Wie funktioniert die Genschere? »Das hat viel mit DNA und CRISPR zu tun, aber auch mit RNA und XLR, und auch BMX und CR7 können eine Rolle spielen«, sagt Charpentier, »aber ich will es in eine Sprache übersetzen, die auch von Genmaterial wie Ihnen verstanden wird: Also die Genschere ist so ein winzig kleines Werkzeug, mit dem sich böses aus gutem Erbdings herausschneiden lässt.« Charpentier imitiert mit ihren fuchtelnden Händen ein Krokodilmaul und singt: »Schnischnaschnappi.« Ihre Rehaugen flackern in euphorischem Neongrün.

Wie kommt man auf die Idee, eine Genschere zu erfinden? Es seien die vielen Zuschriften verzweifelter Eltern gewesen, die ihr zu denken gegeben hätten, erinnert sich Charpentier. Das Problem ist so alt wie die menschliche Fortpflanzung: Eltern freuen sich neun Monate lang auf ihr Baby und bringen dann eine Hasenscharte oder ein Mädchen zur Welt. Was bisher unter höherer Gewalt oder Schadenfreude Gottes lief, könnte schon bald beherrschbar werden, durch einen kinderleichten Schnitt – Stichwort: Schnischnaschnappi.

Am Nacktmull, der sich für das Experiment freiwillig zur Verfügung gestellt habe, ist die Genschere bereits mit Erfolg erprobt worden. Ihm wachsen jetzt endlich Haare, zwar nur unter den Achseln, was die Weltsensation aber nicht schmälert. Angesichts solcher Resultate fiel die Suche nach menschlichen Versuchskaninchen natürlich leicht. Charpentier kann sich vor Anfragen kaum retten. Das Schicksal eines Berliner Jungen war der Wissenschaftlerin, die normalerweise Emotionen und Beruf genauso streng trennt wie DNA-Stränge, besonders ans Herz gegangen. In einem Brief erzählte eine alleinerziehende Mutter, wie ihr Sohn, der in den ersten elf Jahren einen kerngesunden Eindruck gemacht habe, geistig plötzlich dramatisch abbaute und Deformationen an den Händen aufwies. Die niederschmetternde Diagnose lautete: Morbus masturbensis. Bei Jungen ist diese Erbkrankheit weit verbreitet. »Ich hätte es wissen müssen«, haderte die Mutter in ihrem Bittbrief, »schon sein Vater war ein Wichser.«

Dank der Genschere kann die Mutter neben sieben Milliarden Menschen neuen Mut fassen. Charpentier weiß um die hohen Erwartungen, die auf ihr lasten, und arbeitet deswegen Tag und Nacht. Mit dem Schlafen hat sie während ihres Studiums aufgehört. Gegessen wird nur noch nebenbei: mal einen Stammzellen-Snack am Schreibtisch, mal eine Marie-Curie-Wurst im Labor. Aber auch das will sie eines Tages abstellen, ist doch auch Hunger bloß ein anderes Wort für Krankheit, die es herauszuschneiden gilt. Natürlich gibt es auch die Bedenkenträger, die unverbesserlichen, vor allem im technikfeindlichen Deutschland, wo Laboräffchen eine mächtigere Lobby haben als die Kernenergie oder Produzenten von biologischen Massenvernichtungswaffen.

Auch von den Besorgten erhält die Starwissenschaftlerin Post. Neulich hat ihr jemand vorgehalten, sie würde Gott spielen. Charpentier zuckt verlegen mit den Schultern. Zwar mag sie keine Vergleiche mit weißhaarigen alten Männern. Aber mit Gott kann sie sich schon eher identifizieren als mit diesem Einstein.

Florian Kech

 

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