Der unbesiegbare Ententanztänzer – aus Heft 8/2016

Der unbesiegbare EntentanztänzerDas kann doch nicht wahr sein! Seine Fassungslosigkeit erfüllte das Badezimmer wie eine EU-Verordnung zur Gestaltung sanitärer Einrichtungen. Erst waren die Briten ausgetreten und dann noch das: Jean-Claude Juncker hielt seinen Personalausweis neben das Spiegelbild. Das Gesicht, das ihn debil anstarrte, passte nicht zum Geburtsdatum auf dem vom Großherzogtum Luxemburg ausgestellten Dokument. 61 Jahre war er angeblich nur alt. Dabei sah er aus, als hätte er im Dreißigjährigen Krieg höchstselbst Europa zerstört, um es anschließend wieder aufbauen zu können. Vor Schreck verschluckte er sich mit wenigen tiefen Zügen am Rasierwasser.

Hatte er also täglich auf eine halbe Zigarette verzichtet, nur um auszusehen wie eine etwas attraktivere Version von Volker Bouffier? Pah! Er schlurfte missmutig in die Küche, um sich zu stärken. Die Leute sprachen darüber, dass er sich bereits am Frühstückstisch einen genehmigte. Das wusste er. Das Alkoholikerimage bekam der Kommissionspräsident nicht mehr los. Doch ihm war egal, was die Leute dachten. Juncker allein wusste schließlich, wie es wirklich war. Er lächelte verschlagen in sich hinein, als er mit spitzen Lippen an seinem stillen Wasser nippte, um es anschließend mit einem großen Schluck Hennessy Cognac herunterzuspülen. Ahh. Das tat gut. Er zündete sich eine Zigarette an – und dann noch eine für das andere Nasenloch. Juncker war ein Genussmensch.

Es schellte am Eingangsportal. Welche verdammte Ratte wagte es, ihn hier in aller Herrgottsfrühe zu stören? Wütend würgte er seinen Sherry herunter. Doch die Freude schoss zurück in seine tieferen Hautfalten, als er an der Tür des DHL-Boten mit der üblichen Spirituosen-Lieferung ansichtig wurde. Juncker gab ihm einen freundlichen Klaps auf den Hintern, küsste seine Glatze und bedeutete ihm mit tänzelnden Bewegungen den Ort, an den er die Fässer zu stellen habe. Warum arbeitete so einer wie er bei so einem Schweineunternehmen, fragte er den Mann und gab ihm eine joviale Sackpfeife. Weil die EU mir so viel Geld zahlt, beantwortete er die Frage an sich selbst. Der Paketbote krümmte sich vor Schmerz vornüber. Juncker nutzte den Moment, um ihm neckend den Zeigefinger ins Auge zu stechen. Behände schlug er mit der Faust – gleich seinem europäischen Vorbild Obelix – ein Loch in das erstbeste Fass und schöpfte dem Boten und sich den Rotwein mit der faltigen Funktionärshand ins Maul.

Wir machen aus dir etwas Besseres, raunte er dem Boten zu, gab ihm Luftküsse und eine moselfränkische Ohrfeige. Er stieß ihn launisch weg, trat ihm freundschaftlich ins Gesicht und eröffnete ihm, dass er vorhabe, einen eigenen DHL-Kommissar zu ernennen. Er, der Postbote, habe genau das Talent, das man dafür brauchte. Er, Juncker, erkenne das auf den ersten Tunnelblick.

Natürlich hätte er, der Postdings, hicks, davon keine steuerlichen Vorteile. Die Zeiten, in denen er als luxemburgischer Ministerpräsident solche Deals aushandeln konnte, seien leider vorbei. Aber auch wenn die EU keine vertraulichen Steuervorbescheide ausstellen dürfe, als EU-Kommissar könne man ja noch andere tolle Dinge machen. Zum Beispiel die Griechen zur Sau! Einmal hatte er, Juncker, Tsipras zu sich gerufen, betrunken gemacht und grunzen lassen wie ein Schwein. Oder hatte Stalin das mit Chruschtschow gemacht? Egal, die großen Europäer waren sich so ähnlich …

»Darauf stoßen wir an«, rief Juncker, gab dem DHLer eine saftige Kopfnuss und mixte sich einen Hellfire aus Whisky, Rum und einem Tropfen E10, der aufs genaueste der letzten europäischen Kraftstoffrichtlinie entsprach. DHL, ein Klasse-Unternehmen sei das. Würde es helfen, wenn er das Freihandelsabkommen mit Kanada einfach an den nationalen Parlamenten vorbei durchpeitschen würde? Aber warum fragte er das eigentlich seinen DHL-Kommissar in spe, der ja doch nur auf der Erde lag und blutete …

Junckers Laune verbesserte sich, als er seinen Kummer mit einem niedrigprozentigen Aperol Spritz ertrank. Er stampfte fröhlich mit den Füßen und machte den Ententanz, wie er es auch auf großen Empfängen zu tun pflegte. Er war unbesiegbar. Das Europaparlament hatte keine Befugnisse, ihn abzuwählen, und was sollten die europäischen Staatschefs schon machen? Sollten sie doch Martin Schulz zum Kommissionspräsidenten ernennen. Hahaha! Haha ha! Juncker kringelte sich unter seinem Partyhelm mit den zwei Stroh-80-Flaschen über den Ohren, von denen Plastikschläuche zu seinen Lippen führten. – Er hörte auf zu lachen und begann mit tränenden Augen zu wiehern. Sein Herz stach plötzlich mehr als gewohnt. Er durfte um Gottes willen nicht mehr an Martin Schulz denken. Hahaha!
Nein, der Gedanke war zu köstlich!

Zwei Stunden und drei Liter Chardonnay später war er über den größten Lachkrampf hinweg und genügend fit, um sich zur Arbeit tragen zu lassen. Jedenfalls zu dem, was er Arbeit nannte ... Heute würde ein unangenehmer Tag werden. Die Briten hatten für den EU-Austritt gestimmt und sein designierter DHL-Kommissar war überraschend gestorben. In seiner Verzweiflung fragte er sogar die beiden dummgesichtigen Männer, auf die er sich stützte, ob er sie nicht irgendwie in Brüssel jobmäßig unterbringen konnte. Europa brauchte jetzt Männer, die zupackten und denen man vertrauen konnte. Juncker gab ihnen in seiner Luxemburger Art einen feuchten Fuzzi. Aber es stellte sich heraus, das Günther Oettinger und Elmar Brok schon versorgt waren …

Nach zwei Flaschen besten Mac Callister Whiskys saß er endlich an seinem Arbeitsplatz. Europa, Europa, Popopa, sinnierte er. Wie hatte es nur so weit mit dieser großen Idee kommen können? Die Leute machten es sich zu einfach, wenn sie sagten, dass er für diesen Niedergang verantwortlich war. Wie hatte er es im Lux-Leaks-Ausschuss so trefflich formuliert: »Ich hab in Luxemburg kein System der Steuerhinterziehung oder der Steuerhintertreibung, also der Steuervermeidung zulasten anderer europäischer Staaten erfunden. Sie überschätzen meine Talente.« Und genau so war es ja auch. Die Leute überschätzten seine Talente. Andauernd! Sie hielten ihn eben nicht für die doofe verschlagene Sau, für die er sich selbst hielt. Wie sollte so ein gewissenloser unfähiger Apparatschik das Europa führen, das sein Freund Helmut Kohl persönlich aufgebaut hatte?

Das ging einfach nicht. Juncker seufzte, denn er wusste, davon würde er Angela Merkel und Francois Hollande niemals überzeugen können.

 

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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