Kommt der Daustritt – aus Heft 7/2016

brexitBleiben die Briten in der EU oder hausen sie in Zukunft fern des restlichen Europas auf einer verregneten Insel? Darüber durften die Bewohner nun abstimmen. Wie das Referendum ausgegangen ist, interessierte bei Redaktionsschluss allerdings niemanden. Die entscheidende Frage in Deutschland lautet vielmehr:
Wenn die Briten über den Brexit entscheiden dürfen, wieso dürfen die Deutschen nicht ihrerseits über einen Daustritt abstimmen? – Doch was bisher niemand weiß: Sie dürfen. In einer ungeahnten Charme- und Demokratie-Offensive will die Bundesregierung am 23. Oktober 2016 ein Referendum abhalten, in dem über den Daustritt abgestimmt werden soll.

Um im Oktober sachlich und frei von Emotionen eine Entscheidung bezüglich dieses unsäglichen Bürokratie-Molochs EU treffen zu können, hat nun jeder wahlberechtigte Bürger die Pflicht, sich hinreichend über die Vor- und Nachteile eines Austritts zu informieren. Die Regierung rät – erst mal als Grundlage – zur Lektüre des Vertrags über die Europäische Union (EUV), des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) sowie der wichtigsten Wirtschafts- und Konjunkturstatistiken der letzten zwei Dekaden. Zum besseren Verständnis der EU-Konvergenzkriterien und prinzipiell als vertiefende Maßnahme empfehlen sich Universitätsabschlüsse in European Studies, Jura und VWL. Wer das bis Oktober nicht schafft, sollte zumindest mit seinem Europa-Abgeordneten über das Thema sprechen! Die Abgeordneten freuen sich immer, wenn möglichst viele interessierte und engagierte Bürger anrufen oder spontan in ihrem Büro vorbeischauen. Z.B. bei Bernd Lange (SPD), Odeonstr. 15, 30159 Hannover (ca. 500 Meter vom Hauptbahnhof), Telefon: +49 511 1674 210.

Oder aber Sie lassen sich wie sonst auch von gekauften Journalisten agitieren und entscheiden dann nach vier Bier ad hoc in der Wahlkabine.
(Für letztere Option bitte weiterlesen!)

Pro
von Gregor Füller

Hand aufs Herz: Was soll dieser EU-Scheiß? Es gibt über 420 Millionen Gründe, aus der EU auszutreten. Der Vollständigkeit halber seien hier kurz alle genannt: Belgier, Bulgaren, Dänen, Esten, Finnen, Franzosen, Griechen, Iren, Italiener, Kroaten, Letten, Litauer, Luxemburger, Malteser, Holländer, Österreicher, Polen, Portugiesen, Rumänen, Schweden, Slowaken, Slowenen, Spanier, Tschechen, Ungarn, Briten, Zyprer und Jean-Claude Juncker. Wer möchte schon mit all diesen Leuten etwas zu tun haben? Ganz anders dagegen die Deutschen. Sie alle einen die selben Interessen und Hobbys, die selben Erfahrungen und Gewohnheiten, sie alle teilen die selbe katholische Weltanschauung, finden allesamt den FC Bayern gut, und man kann mit ihnen allen über die Vorzüge von 4. f3 als Mittel gegen die Grünfeld-Indische Verteidigung diskutieren oder nette Gespräche über die faulen Griechen führen. Kurz: Man möchte sie alle knuddeln. Mit einem Messer. In den Eingeweiden.

Doch was tut die EU? Sie gaukelt ein allgemeines Heititeiti vor, als sei der Kampf um Standortvorteile ein Ringelpietz. Befürworter des Daustritts sind daher auch prominente Köpfe aus der Politik wie Professor Bernd Lucke, bekannt geworden durch den Satz: »Böhmermann ist eine feige Drecksau.« (Focus-online 17.4.16) Dass Lucke auch darüber hinaus in allem recht hat, was er über die EU und den Euro sagt, sieht man am aktuellen Erfolg seiner AfD, die konsequent auf ökonomischen Sachverstand baut und bei den Menschen mit wirtschaftlichen Analysen punktet.

Hier nur mal ein paar Beispiele dafür, welche europäischen Normen anderer Länder Deutschland bisher zwangsweise übernehmen musste: Die Wattleistung von Staubsaugern musste nach alter rumänischer Sitte gedrosselt werden; die Glühbirne wurde abgeschafft, weil der Finne kaltes Licht mag; und wenn ein Wirt kein lauwarmes Bier im Angebot hat, muss er seinen Führerschein abgeben (dieser letzte Vorschlag der Briten wurde noch kurz vor dem Referendum dem EU-Parlament zum Beschluss vorgelegt).

Auch die berechtigte Forderung, Deutschland müsse wieder mehr Verantwortung in der Welt übernehmen, wie es der fast tote Bundespräsident Gauck – Gott hab ihn selig! – anmahnte, dürfte mit einem gemeinsamen europäischen Heer nur schwer umzusetzen sein, solange auch die mimosenhaften Schweden etwas zu sagen haben (auch wenn sich Polen und Letten für einen Einmarsch in Russland durchaus erwärmen könnten).

Es ist wohl ausgemachte Sache, warum sich so viele Briten für den Austritt aus der EU entschieden haben. Der Lohn dafür wird sein: die Sperrstunde, keine öffentlichen Parks, schrullige Essgewohnheiten und Cricket.

Ein Narr, wer sich das nicht auch für Deutschland wünscht.

Contra
von Roger G. Rellüf
Man muss sich die EU wie eine Mutter vorstellen.
Eine sich sorgende Mutter, die über 20 Sprachen spricht, in Brüssel und Straßburg wohnt und eine lockere Geldpolitik betreibt. Hier und da übertreibt sie es ein wenig mit ihrer Gluckenhaftigkeit, doch dafür kann man bei ihr fast immer mit Euro zahlen. Eine Mutter, wie sie sich jeder wünscht. Der Daustritt käme einem Auszug gleich. Und wer will schon bei seiner Mutter ausziehen? – Niemand. Deshalb lässt sich auch kein Prominenter finden, der dafür ist. Im Gegenteil werden die Stimmen immer lauter, die vor einem Austritt warnen. So meldete sich kürzlich Helmut Kohl zu Wort und erklärte in seiner unnachahmlichen Art: »Dsse frchtbre Fr hlt mich gfangn. Hilfe!«

Die Folgen des Austritts wären immens. Reisen wäre praktisch unmöglich, Städte wie Hamburg, Berlin und Pritzwalk wären frei von Touristen – ein Horrorszenario für die Einheimischen. Ein so wichtiges Abkommen wie TTIP könnte von Deutschland alleine nicht geschlossen werden.

Und auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen, stimmt es: Die EU eint die Menschen verschiedenster Nationen. Es mag sein, dass der Spanier ein bisschen laut ist und unnötig rumschreit, dass der Franzose herablassend und schnöselig tut, dass der Bulgare dick und blöd ist und der Belgier ein hinterhältiges Schwein, doch im Zorn auf die EU sind die Menschen innerhalb der EU vereint. Und das ist es doch, worauf es letztlich ankommt!

Das Hauptargument gegen den Austritt aber ist im Grunde sehr einfach: Die Weltherrschaft Deutschlands geht nur über die Herrschaft über Europa. Wer ließe sich zwingen, ohne die Freihandelszone EU deutsche und nicht die eigenen Waren zu kaufen? Wohin würde man ausrangierte Politiker stecken? Wie könnte man ohne die EU weiter die Griechen schurigeln? Wie soll Deutschland ohne den Druck durch EU-Fördermittel den anderen europäischen Ländern deren eigene Verbrechen der Vergangenheit unter die Nase reiben und zur geschichtlichen Aufarbeitung »ermuntern«? – Man sieht:
Alles, was Deutschland Spaß macht, vom Exportüberschuss bis zur Besserwisserei, kann nur mit Hilfe der EU bewerkstelligt werden. Die Weltherrschaft ist dann nur noch eine Frage der Zeit.

Es ist wohl ausgemachte Sache, warum sich so viele Briten gegen den Austritt aus der EU entschieden haben. Der Lohn dafür wird sein: die Sperrstunde, keine öffentlichen Parks, schrullige Essgewohnheiten und Cricket.
Ein Narr, wer sich das nicht auch für Deutschland wünscht!

 

Kommentare 

 
#2 Hergen Junge 2016-07-06 09:51
Aus einem Daustritt kann DER DEUTSCHE auch immer einen Heintritt machen. Natürlich war der Dolfie aus Braunau und Linz nur eine österreichische Neuerfindung des Kurzarm-Operetten-Kaisers Wilhelm Zwo. So wird der neue Hiedler-Schicklgruber wohl auch aus der Jubel-Anschließer-Brigade nach 1990 stammen und dem preußischen Charme ein fraulich-menschliches Antlitz geben. Was einst als Ernstfall daherkam, kann sich immer noch als Farce verkleiden.
Zitat
 
 
#1 Julian Eaves 2016-06-24 16:16
NEUES VOM WESTERN: Briten feiern die Umbenennung des 24. Juni zum Tag der britischen Dummheit.
Zitat
 

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